Fußball

Auswirkungen von Löws Rückzug Für Toni Kroos könnt's eng werden

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Für Löw unverzichtbar: Toni Kroos. Aber für Löws Nachfolger?

(Foto: imago images/Mika Volkmann)

Nach der EM im Sommer wird sich die Fußball-Nationalmannschaft neu aufstellen. Ein neuer Trainer kommt, eine neue Idee, eventuell auch neue (oder alte) Spieler. Auch die Hierarchie wird sich ändern. Wer könnte profitieren? Und wer nicht?

Ob Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels zu den Gewinnern des Rückzugs von Bundestrainer Joachim Löw gehören? Nun, vermutlich nicht. Denn ein, zwei oder alle drei werden mutmaßlich noch in seiner Ära zurückkehren. Löw hat den Comeback-Pfad ins DFB-Team am vergangenen Wochenende schließlich selbst gepflastert. Und das womöglich auch durchaus im eigenen Interesse.

Denn wie man seit Dienstag weiß, hört er nach der EM im Sommer auf. Nach 17 Jahren als Trainer der Nationalmannschaft, 15 davon im Hochamt des Chefs. Und er möchte seinen Rückzug gerne mit einem großen Erfolg garnieren, mit dem ersten kontinentalen Titel. Dann hätte er nämlich alles gewonnen, die WM, den nicht ganz so wichtigen Confed-Cup und eben auch die EM. Wenn das nicht zur Legende reicht, was dann?

Für diese Ambitionen bricht Löw auf den letzten Metern mit seinen eigenen Überzeugungen. Der Umbruch, dieses Unwort des deutschen Fußballs, wird ausgesetzt. Endgültig für Löw. Vorübergehend für das Team. Vermutlich. Denn (natürlich) ist noch nicht klar, wer der neue Chefanleiter der Nationalmannschaft wird. Die Diskussionen reichen von Lothar Matthäus, über Hansi Flick und Stefan Kuntz bis zu Ralf Rangnick. Klar ist indes: Egal wer's macht, innerhalb des Kaders werden sich Hierarchien verändern, Plätze anders oder neu besetzt. Wer könnte zu den Gewinnern der neuen Epoche werden? Und wer zu den Verlierern gehören?

Verlierer

Toni Kroos (101 Länderspiele, 17 Tore): Pässe wie kleine Kunstwerke, eine einschüchternde Sicherheit am Ball und ein Torschuss zum Gernhaben - das sind die Argumente, warum Kroos bei Löw gesetzt ist, warum beide ein Agreement der nonverbalen Nominierung haben. Und wer will bestreiten, dass diese Argumente verdammt gut sind? Nun ist es aber so, dass es im zentralen Mittelfeld mittlerweile eine Vielzahl an Bewerbern gibt, deren Portfolio ähnlich beeindruckend ist.

Und für ein künftiges Stellenprofil sogar noch ein bisschen passender. Joshua Kimmich und Leon Goretzka als Power-House des FC Bayern bieten sich für eine aggressive, physische Ausrichtung mit brutalem Pressing an. Und Ilkay Gündogan spielt bei Manchester City derzeit so grandios, dass ein neuer Trainer eigentlich nicht an ihm als strategische Stammkraft vorbeikommt. Dass Kroos immer noch gut genug für das Team ist, völlig klar. Ob er aber noch der Beste auf seiner Position ist?

Julian Draxler (56 Länderspiele, sieben Tore): Der 27-Jährige war einst Kapitän des Teams und das sehr erfolgreich. Mit einem Perspektiv-Kader gewann er 2017 den Confed-Cup in Russland. Elegante Bewegungen am Ball, ein starker Schuss und eine überdurchschnittliche Spielintelligenz zeichnen ihn aus. Wohl wenige aktuelle Nationalspieler bringen mehr Talent mit, als Draxler. Sein Problem: Konstant kann er's nicht. Deswegen spielt er bei Paris St. Germain auch eher selten und ist auch keine Stammkraft im DFB-Team.

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Draxler wird den hohen Erwartungen selten gerecht.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

Tatsächlich fallen einem auch keine weiteren Heldentaten für die Nationalmannschaft seit 2017 ein. Nominiert wird er trotzdem immer weiter. Auch wenn der Druck zuletzt gestiegen war. Im Oktober des vergangenen Jahres hatte Teammanager Oliver Bierhoff gesagt, Draxler solle zeigen, "dass er eben nicht nur Mitläufer ist, sondern mit seinen Qualitäten auch ein ganz großer Faktor für die Nationalmannschaft sein kann". Gelungen ist das hernach nicht.

Julian Brandt (35 Länderspiele, drei Tore): Er trägt nicht nur den selben Vornamen wie Draxler, sondern teilt auch dessen Schicksal: Hoch- bis Höchstbegabt, aber fernab jeglicher Konstanz. Das gilt zumindest für die vergangenen anderthalb Jahre. Nach seinem Wechsel von Bayer Leverkusen, wo er im Zusammenspiel mit Kai Havertz regelmäßig faszinierte, zu Borussia Dortmund ist Brandt ganz viel von seiner Selbstverständlichkeit verloren gegangen. Seine Kreativität und sein Mut im Passspiel sind zu einem Risikofaktor fürs Team geworden.

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Löw zählte Brandt bereits an.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Auch Löw hat sich schon mehrfach an der Seitenlinie abgewendet, wenn ein Zuspiel von Brandt statt spektakulär eher schnöde und schlampig daherkam. Löw sagte zuletzt: "Julian hat so viel Können. An der Konstanz muss er arbeiten. Er ist ein bisschen schwankend in den Leistungen. Er muss noch die nächste Hürde überspringen. Wir müssen schauen, dass wir dran bleiben und er den nächsten Schritt macht." Ob Löws Nachfolger diese Geduld aufbringt?

Gewinner

Max Kruse (14 Länderspiele, vier Tore): Max Kruse ist noch 32 Jahre alt. Ein Gesicht für die Zukunft der Nationalmannschaft ist er damit natürlich nicht (mehr). Aber eben auch niemand, den man deswegen nicht mehr nominieren müsste. Die Gründe warum der Offensivspieler seit fünf Jahren nicht mehr Deutschland spielt, lagen ohnehin nie an seinem Alter. Und auch nicht an seinen Fähigkeiten. Löw hatte Kruse im März 2016 aus der Mannschaft geschmissen, weil er die zahlreichen Eskapaden nicht mehr dulden wollte.

"Er hat sich zum wiederholten Male unprofessionell verhalten. Das akzeptiere ich nicht." Die Liste der Verhaltensauffälligkeiten ist durchaus lang (siehe hier). Noch viel länger ist indes die Liste der Spiele, in denen er sich für eine Begnadigung empfohlen hat. Ganz besonders auch in dieser Saison, als er prägender Spieler des Unioner Bundesliga-Märchens war. Mindestens mal für die WM 2022 könnte er mit seinen herausragenden Fähigkeiten als Joker eine spannende Rolle einnehmen.

Kevin Volland (Zehn Länderspiele, ein Tor): Es ist wirklich erstaunlich, dass der Stürmer mit seinen 28 Jahren bislang erst zehn Länderspiele absolviert hat. Sowohl bei Bayer Leverkusen, als auch jetzt bei der AS Monaco liefert er stabile Leistungen ab. Seit Jahren gehört er zu den besten deutschen Scorern. Derzeit ist er mutmaßlich der beste Stürmer des Landes, was nicht nur seiner überragenden Form in der Ligue 1 geschuldet ist, sondern auch der Formschwäche von Timo Werner beim FC Chelsea.

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Leistungsträger in Monaco: Kevin Volland.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Warum Löw in seit 2016 beharrlich ignoriert, ein Rätsel. Volland hatte das Thema DFB-Team für sich im vergangenen November endgültig abgehakt. "Ach, wenn man 2016 sein letztes Länderspiel gemacht hat, danach seine beste Zeit hatte und immer unter den deutschen Top-Scorern war, dann ist das eigentlich ein klares Zeichen. Klar, jeder Spieler ist geil darauf, in der Nationalmannschaft zu spielen; ich bin auch dankbar für die Spiele, die ich machen durfte. Aber nach vier Jahren macht man sich keine allzu großen Hoffnungen mehr", sagte er damals dem "Kicker". Womöglich hat sich das nun geändert…

Bleibt noch Mario Götze. Nach langen Jahren des Leidens hat er sich bei der PSV Eindhoven wieder auf starkes Niveau zurückgekämpft. Eine baldige Rückkehr in die Nationalmannschaft ist durchaus wahrscheinlich. Eventuell sogar schon Ende März, wenn es in der WM-Quali gegen Island, Rumänien und Nordmazedonien geht. Ob es für eine EM-Nominierung reicht oder gar für eine große Karriere in der nach Löw-Zeit? Nun, die Konkurrenz auf Positionen im offensiven Mittelfeld und Sturm ist groß und jung: Havertz, Goretzka, Werner als sicher gesetzte Kräfte. Zudem eben Draxler, Brandt oder auch Marco Reus, der ewige Pechvogel, dessen Zukunft im DFB-Team auch keineswegs als sicher und gesetzt gilt.

Quelle: ntv.de

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