Fußball

Doppel-Dusel für RB Leipzig Gladbachs Ärger mit der neuen Linie

imago46395585h.jpg

Allasane Plea holt sich einen Platzverweis ab, der der "neuen Linie" der Schiedsrichter entspricht.

(Foto: imago images/opokupix)

Referee Tobias Stieler steht beim Gipfeltreffen zwischen RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach wegen seines umstrittenen Platzverweises gegen Gladbachs Alassane Plea im Mittelpunkt. RB Leipzig agiert in dem Spitzenspiel erneut nicht wie eine Spitzenmannschaft. "Fohlen"-Trainer Marco Rose hat den eindeutig besseren Matchplan.

Tobias Stieler schritt mit dem Mute der Überzeugung auf die Reporter zu. Zwischen Spielertunnel und Kabinentrakt, wo sonst üblicherweise nur die Profis nach den Spielen Rede und Antwort stehen, mochte sich nach dem 2:2 (0:2) im Spitzenspiel zwischen RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach auch der Schiedsrichter erklären.

So viel Kommunikationsbereitschaft ehrt Stieler zwar, doch es ist meist kein gutes Zeichen für ein Fußballspiel, wenn der Referee zu den Hauptpersonen zählt. Und in der Tat stand der Jurist aus Hamburg im Mittelpunkt der meistdiskutierten Szene des emotionalen Gipfeltreffens, die dieses maßgeblich beeinflusste.

Ausgangspunkt war eine schnöde Szene im Mittelfeld, als Leipzigs Marcel Sabitzer Gladbachs Stürmer Alassane Plea an der Hacke berührt hatte, aber Stielers Pfeife stumm blieb. Der französische Stürmer beschwerte sich darüber so heftig, dass ihm Stieler die Gelbe Karte zeigte. Als er daraufhin abwinkte, zog der Unparteiische nochmals Gelb, was bedeutete: Gelb-Rot (61.). Doppelbestrafung für eine Szene? Eine harte Entscheidung, die Stieler so erklärte: "Der Gladbacher Spieler hat heftig reklamiert durch Abwinken, dafür hat er Gelb gesehen. Damit war er dann auch nicht einverstanden, hat eine abfällige Geste in meine Richtung gemacht. In der Konsequenz ist das dann Gelb-Rot. Das war unsportlich, respektlos und ist so nicht mehr akzeptabel."

"Sollen sich ihren eigenen Spieler vornehmen"

Der Schiedsrichter wies darauf hin, dass die Klubs vor dem Start der Rückrunde über die härtere Bestrafungspraxis informiert worden seien. "Die Gelben Karten sind die Folge dieser verschärften Regelauslegung", sagte Stieler und räumte ein, dass er die Gelb-Rote Karte in der Hinrunde "vermutlich nicht" gegeben hätte. "Das ist jetzt die neue Linie. Wir Schiedsrichter haben uns dazu committed, und ich werde nicht der Erste sein, der dagegen verstößt", argumentierte der 38-Jährige. International sei es schon längst Praxis, Unsportlichkeiten gegen die Spielleiter schärfer zu ahnden. "Wir in Deutschland waren da etwas nachlässig. Da muss jetzt ein Lernprozess stattfinden", betonte Stieler. Gelb-Rot also auch als pädagogische Maßnahme für die Liga, als Exempel sozusagen.

imago46401709h.jpg

Gladbach-Trainer Marco Rose hat einen emotionalen Abend hinter sich.

(Foto: imago images/Christian Schroedter)

Die Gladbacher empörten sich freilich über die Entscheidung. Torschütze Jonas Hofmann nannte die Regelauslegung einen "Witz". Und Manager Max Eberl mahnte mehr Fingerspitzengefühl an. "Es ist vorher ein Foul an Lasso (Plea, Anm.d.A.). Man muss einem Spieler, der emotional ist, weil er keinen Freistoß bekommt und daraufhin die Gelbe Karte gesehen hat, nicht noch die zweite Karte zeigen", ärgerte sich Eberl. "Da erwarte ich, dass wir uns noch regen dürfen und nicht nur noch zu funktionieren haben." "Fohlen"-Trainer Marco Rose mochte sich nicht explizit dazu äußern, bezog sich nur auf Meinungen unter anderem von TV-Experte Lothar Matthäus und RB-Trainer Julian Nagelsmann, die den Platzverweis beide nicht gegeben hätten. "Das sind Leute, die ein paar Jahre im Fußball dabei sind, die Fußball spüren, die täglich auf dem Trainingsplatz stehen, die wissen, dass Fußball auch Emotionen bedeutet", so Rose vielsagend in Richtung des Referees.

Auch Rose hatte wegen eines kurzen emotionalen Ausbruchs Gelb gesehen. "Das war too much, das kann ich nachvollziehen", räumte er ein, mag aber nicht als Sündenbock für Entgleisungen auf Dorfsportplätzen herhalten. "Ich weiß ganz genau, dass wir als Bundesliga-Trainer Vorbildwirkung haben. Schwierig wird es dann, dass wir mit unserem Verhalten dafür verantwortlich gemacht werden, dass in unteren Ligen Schiedsrichter geschlagen werden, was einfach nicht passieren darf. Das darf nicht passieren: Wir schlagen keinen, wir sind einfach emotional." Und so wurde auch die Schiedsrichterdebatte an diesem Abend geführt. Angesprochen auf die Kritik der Gladbacher antwortete Stieler: "Die sollen sich ihren eigenen Spieler vornehmen."

Leipzigs "grottenschlechte erste Hälfte"

imago46396159h.jpg

Christopher Nkunku setzte den Schlusspunkt in einem packenden Spiel.

(Foto: imago images/Contrast)

Auch ohne Pleas Platzverweis wäre dieses Spitzenspiel höchst packend gewesen. Der nun entthronte Tabellenführer RB wusste mit dem herausragenden Gladbacher Pressing in der ersten Hälfte überhaupt nichts anzufangen und reagierte verunsichert mit und gegen den Ball, vor allem auf der linken Abwehrseite. "In der ersten Hälfte hat es von vorn bis hinten nicht gepasst: egal, ob Anlaufen oder das Spiel mit dem Ball, wir haben keine Lösungen gefunden. Dann ist es schwer, irgendwas zu holen", sagte Mittelfeldspieler Konrad Laimer enttäuscht. "Dass wir eine grottenschlechte erste Hälfte gespielt haben, da brauchen wir nicht drumherum zu reden."

Von Ballsicherheit und strukturiertem Aufbauspiel war nichts zu sehen, oft war die Kugel nach zwei, drei Leipziger Kontakten schon wieder weg. Torjäger Timo Werner fand kaum statt, Gladbachs Dreier-Abwehrkette mit dem zurückgezogenen Denis Zakaria im Abwehrzentrum hatte alles im Griff. Die Partie erinnerte stark an den 3:2-Triumph von Red Bull Salzburg in der Europa League 2018, als der gebürtige Leipziger Rose Leipzig ebenso aggressiv hatte anlaufen lassen und mit den eigenen Mitteln geschlagen hatte.

Wie bereits zuvor gegen Bayern und Dortmund agierte RB auch im Spitzenspiel gegen Gladbach in der ersten Hälfte gehemmt und ohne Selbstvertrauen. Wettbewerbsübergreifend bereits zum 13. Mal in dieser Spielzeit gerieten die Sachsen in Rückstand - wunderschön herausgespielt durch Plea (24.) und durch einen kapitalen Fehler von Aushilfs-Innenverteidiger Lukas Klostermann im Spielaufbau durch Jonas Hofmann (35.). Nach Gipfelkreuz, das Nagelsmann erreichen will, sahen die ersten 45 Minuten nicht aus - nicht wegen der Einstellung, sondern weil die Mannschaft mental und spielerisch derangiert war. Immer bedarf es erst eines Impulses des Trainers, dass das Team auf Touren kommt. Und das Zutun des Gegners.

"Es schmerzt mehr, dass wir nicht gewonnen haben"

Nagelsmann wechselte mutig die Sturm-Türme Patrik Schick (1,86 Meter) und Yussuf Poulsen (1,93 Meter) ein, nahm den wirkungslosen Emil Forsberg und Nordi Mukiele vom Platz und stellte Marcel Sabitzer ins zentrale Mittelfeld auf die Sechs. Nach einer kuriosen Slapstick-Einlage, als Keeper Yann Sommer Abwehrmann Denis Zakaria bestieg und den Ball fallen ließ, reagierte Schick und traf zum Anschluss (51.). Nach Pleas Platzverweis spielte nur noch RB, stemmte sich in Überzahl mit Moral und Wucht gegen die drohende Niederlage und erzielte durch ein Traumtor von Christopher Nkunku noch den Ausgleich (89.).

Dennoch geht Gladbach als gefühlter Sieger aus dem Vergleich. "Ich habe mich in keinem Moment machtlos gefühlt. Ich habe gespürt, dass meine Jungs auf dem Feld sind, dass sie brennen, dass sie agil sind, dass sie bereit sind zu arbeiten", lobte Rose. Nagelsmann, der sich nach der Unruhe unter der Woche diesmal nur verhalten äußerte, musste vor dem nächsten Topspiel beim FC Bayern nächsten Sonntag die Münchner in der Tabelle vorbeiziehen lassen. "Es schmerzt mehr, dass wir nicht gewonnen haben, als dass wir die Tabellenspitze verloren haben", sagte der RB-Trainer. Zwar bleibt es dabei, dass RB auch nach schlechten Halbzeiten noch einen Punkt holt. Doch der 32-Jährige wirkte längst nicht so überzeugt von seiner Mannschaft, wie Schiedsrichter Stieler von seiner Entscheidung.

Quelle: ntv.de