Fußball

"Ich habe mein Leben gegeben" Guardiola lobt, hadert und rechnet ab

Josep Guardiola bleibt die Krönung beim FC Bayern versagt. Der Katalane verabschiedet sich ohne den Champions-League-Titel. Das Ausscheiden gegen Madrid nutzt er für eine beeindruckend aufgeräumte Bilanz.

Mehr konnte er nun wirklich nicht tun. Den Ball ins Tor schießen, köpfen, wuchten, drücken, tragen - was auch immer nötig gewesen wäre, um den Einzug ins Halbfinale der Fußball-Champions-League für den FC Bayern München gegen Atlético Madrid doch noch zu ermöglichen, es gehörte nicht zu den Dingen, die Josep Guardiola hätte aktiv beeinflussen können, beziehungsweise dürfen. Hätte er gedurft, er hätte es garantiert so sorgsam, akribisch und so gut gemacht, wie er seine Mannschaft im Rückspiel des Königsklassen-Halbfinals am Dienstagabend eingestellt hatte.

FC Bayern - Atletico Madrid 2:1 (1:0)

Tore: 1:0 Alonso (31.), 1:1 Griezmann (54.), 2:1 Lewandowski (74.)

Bes. Vork.: Müller verschießt FE (34.) / Torres verschießt FE (84.)

München: Neuer - Lahm, Jerome Boateng, Martinez, Alaba - Alonso - Thomas Müller, Vidal - Costa (73. Coman), Ribery - Lewandowski
Madrid: Oblak - Juanfran, Godin, Gimenez, Filipe Luis - Gabi, Fernandez (46. Carrasco) - Saul, Koke (90.+3 Savic) - Torres, Griezmann (82. Thomas)
Referee: Cakir (Türkei) Zus: 70.000 (av)
Beste Spieler: Lahm, Alonso - Oblak, Gabi Gelbe Karten: Martinez (2) - Gimenez

Schüsse: 34:7 Ecken: 12:2 Ballb: 66:34%

Auf die selbst für größte Dramaturgen spektakulärste Weise ist der deutsche Rekordmeister gegen Atlético Madrid trotz eines 2:1-Erfolgs zum dritten Mal in Serie in der Vorschlussrunde gescheitert, zum dritten Mal gegen ein spanisches Team. Erst gegen Real Madrid, dann gegen den FC Barcelona und jetzt halt gegen die "Rojiblancos". Ein einziges Tor hat den Münchenern gefehlt, um den Halbfinal-Fluch zu durchbrechen. Das müssen sich die Bayern-Spieler um ihren starken Anführer und Torschützen Xabi Alonso ankreiden lassen. Chancen für dieses eine weitere Tor hatten sie in üppig großer Anzahl. Das wiederum darf sich Coach Guardiola gutschreiben.

Simeone bewundert das Bayern-Spiel

Der hatte nach dem lange Zeit verpennten Spiel im Madrider Estadio Vicente Calderon (0:1) die von Thomas Müller im Vorfeld geforderte "Geheimzutat" fürs Bayern-Spiel wiederentdeckt. Und aus dieser hatte er mit den Startelf-Rückkehrern Müller und Franck Ribéry einen Plan für das Wiedersehen mit Atlético entwickelt. Der Plan war so beeindruckend gut, dass selbst der für den rhetorischen Superlativ nicht unbedingt bekannte Gäste-Trainer Diego Simeone gerne zugab: "Bayern war in der ersten Halbzeit der beste Gegner meiner Karriere. Ich habe mich fast verliebt."

Aggressivität, Leidenschaft, Laufbereitschaft, Lust am Offensivfußball, alles stimmte. Nur das Gesamtergebnis aus beiden Partien nicht - was Bayern-Trainer Guardiola zum Anlass einer emotionalen und überraschend aufgeräumten Analyse nahm. "Ich bin sehr glücklich über unsere Leistung. Aber ich bin auch sehr traurig für die Spieler. Sie haben eine sehr, sehr gute Champions-League-Saison gespielt. Wenn du machst, was wir gemacht haben, kannst du beruhigt schlafen." Ganz anders noch als vergangene Woche, als die Bayern und ihr Coach in Madrid mit Mutlosigkeit und taktischen Fehlentscheidungen höchstselbst das Fundament fürs Weiterkommen zertrümmerten.

Ein Leben ist nicht genug

Guardiola, so werden es viele Medien in den nächsten Stunden und Tagen schreiben, verlässt den FC Bayern nun als "Unvollendeter". Als prägende Figur einer neuen Ära der internationalen Dominanz verpflichtet, so wird es heißen, bleibt ihm der wichtigste europäische Vereinstitel verwehrt. Er übernahm den Klub im Sommer 2013 als Triple-Champion, er übergibt ihn an seinen Nachfolger Carlo Ancelotti als dreifach Halbfinal-Teilnehmer der Königsklasse. Das lässt sich je nach Lesart ganz unterschiedlich bewerten. Die einen werden sagen, er ist gescheitert. Die anderen werden erklären, er habe die Münchener auf allerhöchstem internationalen Niveau etabliert.

Guardiola selbst möchte seine persönliche Sicht auf die geleistete Arbeit an der Säbener Straße indes (noch) nicht kundtun, schließlich stehen die Entscheidungen in der Meisterschaft (sehr wahrscheinlich) und im DFB-Pokal (ziemlich offen) noch aus. Er sagt daher auf die unvermeidliche Frage nach dem Dienstagabend-Drama zum Erfolg seiner dreijährigen Mission in München: "Vielleicht bin ich gescheitert, ja. Aber es ist nicht meine Aufgabe, das zu analysieren. Über meine Bilanz werden andere urteilen, das machen Sie (Anmerk.: die Journalisten) und die Öffentlichkeit. Wenn ich den Spielern etwas hinterlassen konnte, macht mich das glücklich. Ich habe mein Bestes getan. Ich habe mein Leben für diese Mannschaft gegeben." Mehr geht nicht, es hat nicht gereicht. Das ist bitter, vor allem nach einem Abend wie diesem, dem Abend des 3. Mai 2016, als Josep Guardiola noch einmal sein Allerallerbestes für den FC Bayern gegeben hatte.

Quelle: ntv.de