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Interview mit Vereinsidol Stein "HSV hat Klassenerhalt nicht verdient"

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Uli Stein spielte von 1980 bis 1987 beim HSV und kehrte in der Saison 1994/95 zu den Rothosen zurück. Derzeit ist er TV-Experte bei RTL.

(Foto: imago/Uwe Kraft)

Vor einem Jahr muss der HSV in die Relegation gegen Greuther Fürth - und rettet sich mit zwei Remis und einem Auswärtstor. In diesem Jahr heißt der Gegner Karlsruher SC. Was spricht in den beiden Partien für den HSV? Wer bleibt in der Bundesliga? Wäre ein Abstieg "heilsam" für den "Dino"? Uli Stein verrät es n-tv.de.

n-tv.de: Herr Stein, wie vor einem Jahr hat der HSV nach einer blamablen Saison die Chance, doch noch die Klasse zu halten. Hat er sie auch verdient?

Ulrich Stein: Im Fußball ist es einfach: Stehst du am Ende der Saison unten, hast du es auch verdient. Für die Freiburger tut es mir leid. Weil wenn man sieht, wie die die ganze Saison gearbeitet haben und dann dennoch absteigen, das tut einfach weh. Für den HSV ist es dagegen eine sehr glückliche Situation: Wenn man den Saisonverlauf betrachtet und die Spielzeit davor hat es der HSV eigentlich nicht verdient, in der Bundesliga zu bleiben.

Im vergangenen Jahr reichten gegen Greuther Fürth zwei Remis und ein Tor. Muss gegen den Karlsruher SC diesmal mehr her - vielleicht ein Sieg?

Das kommt auf die Konstellation an. Aber für mich sind die Karlsruher gefährlicher als die Fürther. Ich glaube, dass der HSV mindestens ein Spiel gewinnen muss, um drin zu bleiben.

Was spricht denn für den HSV?

Für den HSV spricht eigentlich nicht viel. Ich sehe beide Teams auf Augenhöhe. Die Karlsruher gehen dank der guten Saison mit einem positiven Gefühl in die Relegation. Der HSV hat immerhin den Rückenwind aus dem Schalke-Spiel.

Gibt es in ihren Augen einen Favoriten?

Nein. Die Chancen für den HSV wie für den KSC stehen bei 50:50.

Sie sprachen es an, der Sieg gegen Schalke markiert den positiven Schlusspunkt eines kleinen, aber bisher positiv verlaufenen Saisonendspurts. Welchen Anteil hat der neue, vierte Trainer in dieser Saison, Bruno Labbadia, daran?

Er trägt ganz klar den Hauptanteil daran! Bevor Labbadia Trainer wurde, war der HSV schon klinisch tot. Labbadia hat es geschafft, den HSV zumindest soweit am Leben zu erhalten, dass er noch auf den Bundesligaverbleib hoffen darf.

Nachdem die Fans in der Saison auch schon auf Abstand zu ihrem Team gegangen waren, stehen sie jetzt, wo es wieder Spitz auf Knopf steht, wie der sprichwörtliche 12. Mann hinter der Mannschaft. Ein Vorteil für den HSV?

Das ist sicher ein Vorteil. Ich muss den Fans ein Kompliment machen, die nie den Glauben an den HSV verloren haben! In der Beziehung hat es zwar mal gebröckelt, aber letzten Endes standen und stehen die Fans immer hinter dem Team. Auch hier das positive Beispiel aus dem Schalke-Spiel. Das war sensationell, wie die Fans da mitgefightet haben und mitgegangen sind! Sie sind ein klarer Pluspunkt für den HSV, das Hinspiel war ja auch binnen weniger Stunden ausverkauft. Nun muss es nur noch gelingen, die Begeisterung von den Rängen auf die Spieler auf dem Rasen zu übertragen.

Der HSV spielt zuerst zu Hause, wie im Vorjahr auch. Ist das eher ein Vor- oder ein Nachteil?

Ich halte es eigentlich für einen Vorteil, weil man bereits im ersten Spiel mit der Kulisse im Rücken für klare Verhältnisse sorgen kann. Andererseits, wenn die Partie dann nicht so läuft wie erhofft, ist der Druck im Rückspiel natürlich umso größer.

Schafft der HSV den Klassenerhalt?

Ich glaube, alles in allem haben sie eine gute Chance drinzubleiben in der Bundesliga. Karlsruhe ist zwar eine starke Mannschaft, die über das spielerische kommt, aber der HSV hat bewiesen, dass er mit solchen Teams gut umgehen kann. Sie liegen ihm.

So oder so: Der HSV steht vor einem Umbruch. Was muss passieren, damit die Fans in der kommenden Saison, egal wo das Team dann spielt, nicht mehr zittern müssen?

Die Devise muss klar lauten, eine gute Mannschaft zu formen. Man hat viele gute Spieler, aber keine Team auf dem Rasen. Das muss sich zuallererst ändern, positive Ansätze sind ja bereits erkennbar. Die gilt es aufzunehmen und weiter zu verfeinern. Es gilt eine schlagkräftige, charakterstarke Mannschaft zusammenzustellen. Passiert das nicht, geschieht das gleiche wie in dieser Saison und im vorigen Jahr und man dümpelt wieder im Tabellenkeller herum - und das kann nicht im Interesse des HSV sein.

Muss man sich von Spielern trennen?

Unbedingt. Namen nenne ich aber hier nicht. Die Kaderplanung ist Sache der sportlichen Führung. Nur soviel: Dass man den Vertrag von Rafael van der Vaart nicht verlängert, halte ich für eine richtige Entscheidung. Er ist klar über seinen sportlichen Zenit hinaus. Er kann das Tempo in der Bundesliga nicht mehr mitgehen. Diese Entscheidung ist ja bereits gefallen. Alles andere wird man sehen.

Sollte der Verein mehr auf den eigenen Nachwuchs setzen?

Ja, wenn man genug gute Leute dort hat, warum denn nicht? Die Jungs aus der U23 sind schließlich auch das Kapital des Vereins und die Ergebnisse und Platzierung in der abgelaufenen Regionalliga können sich ja durchaus sehen lassen (Anm. d. Redaktion: HSV II belegte Platz 3)

Bleibt Labbadia auch Trainer in der 2. Liga?

Das ist schwer zu sagen. Aber ich würde es mir, so es denn wirklich so kommen sollte, wünschen. Denn Labbadia hat in den vergangenen Wochen schon einiges bewegt beim HSV. Ich glaube, er ist der Richtige für einen Umbruch.

In einem früheren n-tv.de-Interview sagten Sie, ein Abstieg könnte "heilsam" für den Klub sein. Bleiben Sie dabei?

Heilsam insofern, dass man dann wachgerüttelt wird, und merkt, welche Fehler man in der Vergangenheit gemacht hat. Wenn man immer nur mit viel Glück dem Abstieg entrinnt, besteht die Gefahr, dass man denkt, das wird schon alles irgendwie gutgehen. Das ist gefährlich! Diese Konstellation sehe ich durchaus wieder. Andererseits: Sollte der HSV es wieder mit viel Glück schaffen, die Klasse zu halten, reicht das vielleicht als letzter Weckruf aus. Ein Abstieg ist nie positiv und birgt vor allem Risiken, finanziell und strukturell. Ein Abstieg ist deshalb keinem Klub zu wünschen, auch dem HSV nicht.

Mit Uli Stein sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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