Fußball

"Unglaublich und unvergesslich" Haller schwärmt von seinem "verrückten" Debüt

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Haller steht zum ersten Mal vor der Gelben Wand.

(Foto: picture alliance / firo Sportphoto)

Endlich ist er da: Sébastien Haller spielt ein halbes Jahr nach seinem Transfer das erste Pflichtspiel für Borussia Dortmund. Dazwischen liegen 188 Tage Leidenszeit mit der Schockdiagnose Hodenkrebs. Er übersteht Operationen und Chemotherapie - und ist jetzt einfach glücklich.

Schon als er die Jacke abstreift, die Schuhe noch einmal frisch bindet und zum vierten Offiziellen an die Seitenlinie marschiert, ist das Kribbeln spürbar. Einer Umarmung von Auswechselspieler Youssoufa Moukoko folgt ein energischer Lauf auf den Platz und vehementes Nach-Vorn-Winken an seine Mitspieler. Sébastien Haller gibt sein Pflichtspieldebüt für Borussia Dortmund. In der 62. Minute in der Partie gegen den FC Augsburg ist es so weit: "Ich mach' es kurz, es ist einfach schön, dass du wieder da bist", ruft BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel über die Lautsprecher.

Der 28 Jahre alte Stürmer wird mit lautstarkem Applaus im wie immer ausverkauften Signal-Iduna-Park empfangen, alle Fans, aber auch das Team und die Trainer hatten dem ersten Bundesliga-Spiel des ivorischen Nationalspielers entgegengefiebert. Es kommt mit einem halben Jahr Verspätung. Die Diagnose Hodenkrebs, darauffolgende Operationen und die Chemotherapie verzögerten seinen Einsatz. Doch 188 Tage nach der Diagnose greift er nun frisch an.

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Die Botschaft ist unmissverständlich.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für seinen ersten Einsatz vor 81.365 Zuschauern hat er sich etwas Besonderes ausgedacht: Auf seinen Schuhen ist "Fuck Cancer" zu lesen, das "u" ist als Blitz dargestellt. Unmissverständlich. Die Erkrankung gehört jetzt zu seinem Leben, aber sie soll sein Leben nicht beschränken.

"Wirklich verrückt"

"Es war einfach unglaublich und unvergesslich. Ich bin glücklich, hier zu sein", sagt Haller nach der Partie bei DAZN. Bei seiner Einwechslung steht es in dem vogelwilden Spiel 2:2 - eine Torbeteiligung gelingt ihm nicht, am Ende können er und sein Team aber den 4:3-Sieg bejubeln. "Ich bin einfach glücklich, hier zu sein, Spiele spielen zu können", sagt er und betont, dass eigene Tore für ihn noch nicht so wichtig seien. "Mein erster Schritt auf den Platz war einfach toll."

Gemeinsam mit seinen Kindern hüpft er nach Abpfiff vor der Gelben Wand auf und ab und ist sichtlich beeindruckt von der Kulisse. "Ich habe diesen Moment genossen", so Haller, "diese Atmosphäre - es war wirklich verrückt."

Im Juli wurde er für die BVB-Rekordsumme von 31,5 Millionen Euro von Ajax Amsterdam verpflichtet. Er sollte den ehemaligen Dortmunder Torgaranten Erling Haaland ersetzen, der nun für Manchester City alle Torrekorde bricht. Doch statt zu spielen, erhält Haller die Schockdiagnose Hodenkrebs. Er ist schon der dritte Bundesliga-Profi in kürzester Zeit, vor ihm waren bereits der Unioner Timo Baumgartl und der Herthaner Marco Richter erkrankt.

Haller geht die schwere Situation kämpferisch an, nur an ganz wenigen Tagen seit der Diagnose trainiert er gar nicht. Er hält sich fit, erfreut sich an scheinbaren Kleinigkeiten wie dem Fakt, dass er nur wenig Gewicht verliert und immer bei Kräften bleibt.

"Ich habe immer noch einige Dinge zu tun, um meine komplette Fitness wiederzuerlangen", sagt er nach seinem ersten Pflichtspiel für Schwarzgelb. Zuvor hatte er in einem Testspiel gegen Fortuna Düsseldorf vor zwölf Tagen für 16 Minuten erstmals auf dem Platz gestanden, beim darauffolgenden Test im Trainingslager in Marbella hatte er dann gleich sein Können gezeigt. Gegen den FC Basel waren ihm innerhalb von 7:32 Minuten drei Tore gelungen. In der 81. Minute hatte er einen Foulelfmeter verwandelt, mit seinen weiteren Toren (86., 88.) hatte er den 6:0-Endstand hergestellt.

Haller-Ersatz schon abgeschrieben

So eindrücklich endet sein Einsatz gegen den FC Augsburg nicht. Doch das ist nebensächlich für den 28-Jährigen, er genieße das Gefühl mit den Fans zusammen zu sein, betont er bei DAZN. Auch vom Klub bekommt er die Ruhe. "Er ist knapp zweieinhalb Wochen im Training bei der Mannschaft. Er hat das sehr gut gemacht. Dass nach sechs Monaten noch ein paar Dinge fehlen, ist ganz normal. Das wird er sich erarbeiten", sagte Spordirektor Sebastian Kehl vor der Partie.

Gleichzeitig sind die Erwartungen groß: "Er wird uns definitiv helfen. Haaland im Sommer zu ersetzen, seine Tore zu ersetzen, war nicht ganz einfach. Die Idee wird hoffentlich noch aufgehen." Kehl betont: "Er ist so hungrig, so fokussiert. Er hat so hart gearbeitet, um hier im Stadion dabei zu sein. Er wird so schnell wie möglich versuchen wollen, die Rolle einzunehmen, die wir von ihm schon im Sommer erhofft und erwartet haben."

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Sein Nachfolger erfüllte die BVB-Erwartungen dagegen nicht. Anthony Modeste war im August als Akut-Ersatz verpflichtet worden, konnte sich aber nie durchsetzen. Der "Sport Bild" zufolge wird der im Sommer auslaufende Vertrag nicht verlängert. Gegen Augsburg sitzt Modeste 90 Minuten nur auf der Bank.

Die Alternativen in der Offensive sind beim BVB jetzt ohnehin wieder groß. Das BVB-Lazarett hat sich gelichtet. Moukoko kann zwar bis zu seiner Auswechslung nicht überzeugen, verlängerte aber erst am Samstag seinen Vertrag langfristig bis 2026. Dem deutschen Nationalspieler dürfte genauso die Zukunft gehören wie Gio Reyna und Jamie Bynoe-Gittens, die beide nach ihrer Doppel-Einwechslung in der 70. Minute nur fünf bzw. acht Minuten später treffen und dem BVB den Sieg sichern. Ihren Jubel können sie mit Haller zelebrieren. Der nun nicht länger auf der Tribüne sitzen muss, sondern endlich mitmischen kann.

Quelle: ntv.de

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