Fußball

Bundesliga-Check: VfB Stuttgart Hammerhart zum Bayern-Jäger!

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Simon Terodde - Anführer der willigen Stuttgarter Jugendbande

(Foto: imago/MIS)

Was so ein Jahr 2. Fußball-Bundesliga mit Happy-End-Wiederaufstieg nicht alles bewirken kann: Der VfB Stuttgart verkauft über 30.000 Dauerkarten, feiert einen Mitgliederrekord, genießt totale Euphorie - und hat tollkühne Pläne.

Na gut, RB Leipzig hat er vielleicht vergessen. Aber Träume lassen sich ja nun einmal nicht beeinflussen (ohne Gewähr). Sei's drum. Stuttgarts Präsident Wolfgang Dietrich hat der "Sport Bild" vor ein paar Tagen erklärt, er träume davon, dass sein VfB sich in den kommenden vier Jahren im oberen Drittel der Fußball-Bundesliga etabliere und "bestenfalls nur zwei Vereine größer sind" als die Schwaben. "I häf a dreamle" - ein bisschen Martin Luther King im Ländle, aber der predigte ja einst sogar von Maulwurfshügeln. Gemeint hat er, also der Herr Dietrich, damit den FC Bayern und Borussia Dortmund. Und um es noch einmal klarzumachen: Nach jahrelangem Niedergang und dem Zweitliga-Abstieg im vergangenen Jahr ist Stuttgart gerade erst wieder nach oben zurückgekehrt. Doch das Selbstverständnis der Schwaben ist ganz offensichtlich nicht das eines normalen Aufsteigers. Es ist das eines großen Traditionsvereins, der schon mehrfach Deutscher Meister war.

Was gibt's Neues?

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Gestatten: Ailton.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Die Bundesliga hat wieder einen Ailton. Er ist 22 Jahre alt und Verteidiger. Er soll helfen, die in der vergangenen Saison routiniert bockende Abwehr der Schwaben fürs Oberhaus sturmfest zu machen. Und das sollte er tunlichst gut erledigen, sonst gibt's nämlich Ärger von seinem prominenten Namensvetter. Gegenüber der "Bild" sprach der Pummel-Torjäger a. D. eine "Drohung" an seinen Landsmann aus: "Der Name Ailton hat einen sehr guten Klang in Deutschland. Wenn der gute Name Schaden nimmt, werde ich persönlich in Stuttgart anrufen und den jungen Ailton auffordern, seinen Namen ändern zu lassen." Torwart Ron-Robert Zieler braucht etwaige Besuche beim Standesamt nicht zu fürchten. Denn eine tadelnde Legende mit seinem Namen gab's in der Liga bislang nicht (soweit das Recherche-Ergebnis unserer Redaktion denn stimmt).

Ganz anders sieht's dagegen mit Weltmeistern im Trikot mit dem roten Brustring aus. Denn das hat beim VfB durchaus beliebte Tradition. Allerdings mal mehr, mal weniger erfolgreich. Da gab's beispielsweise 1990 Guido Buchwald, 1993 Thomas Berthold (gleiches DFB-Erfolgsteam), im vergangenen Jahr den mit Pöbel-Prügel-Puff-Problemen oder so ähnlich frühzeitig verabschiedeten Ruhrpottjungen Kevin Großkreutz (jaja, er ist noch immer amtierender Weltmeister, bringt seine Expertise jetzt allerdings in Darmstadt ein) und nun halt Zieler. Der kommt bestens erholt, weil wenig eingesetzt, vom vorvergangenen englischen Überraschungsmeister Leicester City. Dass der VfB vier Millionen Euro für den Spielfrei-Schnapper in die Premier League transferiert, ist durchaus diskutabel. Denn mit dem Australier Mitchell Langerak steht, ähm … stand doch eigentlich ein Mann zwischen den Pfosten, dem solides (mehr wohl auch nicht) Handwerk nachgesagt wird. Dass er in der Zweiten Liga dennoch 37 Gegentore kassierte, lag dabei weniger an ihm selbst, als an zahlreichen wilden Patzern seiner Vorderleute im Spielaufbau. Warum also der Transfer? Nun, weil man's kann im Ländle!

Auf wen kommt es an?

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Peter Neururer hat Torjäger Simon Terodde groß gemacht.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Wenn alles so bleibt, wie es ist: dann auf Simon Terodde. Auf den Mann, der 2009 von der personifizierten Coaching-Kompetenz Peter Neururer beim MSV Duisburg auf die Reise geschickt wurde, um Erfahrungen zu sammeln und fünf Jahre später beim VfL Bochum vom gleichen Coach zum Toptorjäger der Zweiten Liga weiterentwickelt wurde. In Stuttgart hat er diese Fachkompetenz vergangene Saison gewinnbringend eingesetzt - 25 der 67 Treffer erzielte der Strafraum-Spezi. Allerdings ist es so: Soll Terodde knipsen, braucht er zuverlässige Zulieferer. Ein Mann fürs Kreieren ist er nicht. Damit der Fluss an Vorlagen auch im qualitativ höherwertigen Umfeld funktioniert, haben die Schwaben als neue Dienstleister unter anderem den ambitionierten und hochgelobten 22 Jahre alten Kongolesen Chadrac Akolo für fünf Millionen Euro vom FC Sion und das 20-jährige griechische Juventus-Talent Anastasios Donis (vier Millionen) verpflichtet.

Was fehlt?

Ganz klar: Konstanz und eine stabile Defensive! Die tüchtig gefeierte Zweitliga-Meisterschaft täuscht nämlich elegant darüber hinweg, dass die Stuttgarter immer mal wieder reichlich rumeierten. Viele Spiele waren eng und wurden nur mit übertriebener Kraftanstrengung sowie der individuellen Klasse von Stürmer Daniel Ginczek, Altmeister Christian Gentner, Außenspieler Carlos Mané, dem nach Mainz abgewanderten Alexandru Maxim oder eben Terodde gewonnen. Nun ist es natürlich so: Wer auf Talente setzt, bekommt viel Potenzial, Begeisterung und wie der VfB auch jede Menge Klasse. Aber wer auf Talente setzt, der riskiert eben auch bis zum Verzweifeln reichende Leistungsschwankungen. Diese auf ein gesundes Maß zu reduzieren und auf einem stabilen Level zu etablieren, ist die Aufgabe des gerade einmal 36 Jahre jungen Trainer-Youngsters und Bundesliga-Debütanten Hannes Wolf.

Mehr als für alle anderen Mannschaftsteile gilt das für die Abwehr, denn außer dem 21-jährigen Timo Baumgartl und dem erfahrenen Außen Emiliano Insua hat vergangene Saison kein Verteidiger konstant überzeugen können. Zwei gestandene Männer neben den zugewonnenen Talenten Ailton (Estoril Praia) und Dzenis Burnic (BVB II) sollen deshalb unbedingt noch her. Das Problem: die Kohle. Besser gesagt: die Anwesenheit von Kohle. Denn die 41,5-Millionen-Euro-Finanzhilfe von Daimler macht den VfB zur interessanten Melkkuh. So wollte beispielsweise der FC Porto mehr als zehn Millionen für den vom VfB umworbenen Diego Reyes - dessen Marktwert etwa bei der Hälfte liegt. Es bleibt also, wie es ist: In Schwaben schlägt Geiz die Gier. Was uns wiederum zu Holger Badstuber führt. Denn mit dem derzeit arbeitslosen Ex-Bayern flirtet der VfB seit Montag wieder heftig.

Wie lautet das Saisonziel?

Vor der Bayern-Jagd steht der Klassenerhalt. "Niemand sieht uns aktuell auf Augenhöhe mit den fest etablierten Klubs der Liga. Wir wissen alle: Es wird hammerhart, die Klasse zu halten. Dass wir uns allerdings langfristig ambitionierte Ziele setzen, muss kein Widerspruch sein", erklärt Manager Jan Schindelmeiser dem "Kicker". Der Klub will aber trotz aller Zurückhaltung die Aufstiegseuphorie nutzen, um bald - wir erinnern uns, Herr Dietrich und sein "Dreamle" - durchzustarten. Dazu kommt der größere finanzielle Spielraum durch die Ausgliederung der Profis in eine AG, sie soll bis zu 100 Millionen Euro von Investoren einbringen. Eingesetzt dann ausschließlich für den sportlichen Bereich!

Die Prognose von n-tv.de

Wenn Schnapper Zieler zurück zu alter Form findet, der pralle Pool an Youngstern seine wilden Leistungsausschläge minimiert, die Abwehr das Bocken lässt und Herr Terodde auch auf neuer Bühne erfolgreich Abschlüsse im Akkord produziert, kann's für den VfB eine launige Saison werden. Wenn der Konjunktiv allerdings ein Konjunktiv bleibt, wird's ein langer, zäher Kampf. Den erneuten Abstieg aber vermeidet der Klub so oder so.

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Quelle: n-tv.de

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