Fußball

"Halt dein Maul" im Pokalfinale Helene Fischer verliert gegen den Fußball

46025ccd5509c15275256bc3251c0569.jpg

Helene Fischer - von vielen Kameras beobachtet, aber nicht freundlich empfangen.

(Foto: REUTERS)

Wenn ein komplettes Stadion ohrenbetäubend pfeift, passt den Fans etwas ganz gewaltig nicht. Beim DFB-Pokalfinale war das Helene Fischers deplatzierter Halbzeitauftritt. Die Situation sagt viel über den Zustand des Fußballs.

Als Helene Fischer "Danke Berlin!" ins Mikrofon rief, war die größte Peinlichkeit im DFB-Pokalfinale vorbei. Das Olympiastadion bebte fast vor Pfiffen. Sie waren das Lauteste, was abgesehen von den beiden Torjubeln in Halbzeit eins zu vernehmen war. Eindeutig wollte die Mehrheit der 74.000 Zuschauer den Schlagerstar nicht sehen oder hören. Wer schon einmal im Berliner Rund zu Gast war, weiß, dass der akustische Pegel bei passendem Anlass schnell auf Flugzeugturbinenniveau steigen kann.

Diesmal war es etwas anders: Die Show hatte aber auch gar nichts mit dem eigentlichen Anlass zu tun. Gerade deshalb war der in den Ohren klirrende Unmut berechtigt.

Das Finale in Berlin ist der Saisonhöhepunkt des deutschen Fußballs und entsprechend groß die Aufmerksamkeit. Es ist kein Zufall, dass vor ein paar Wochen ein neues Album von Helene Fischer veröffentlicht wurde. Man denke nur an den Superbowl des American Football: Die Halbzeitshow ist das Teuerste und Reichweitenstärkste, was das US-Fernsehen zu verkaufen hat. Jede Plattenfirma würde dort gerne eines ihrer Produkte sehen und hören, denn der Werbeeffekt ist enorm.

Rund zehn Millionen Menschen, das sind 39 Prozent Zuschaueranteil, sahen das DFB-Pokalfinale im deutschen Fernsehen. Als atmosphärische Statisten sind die Zuschauer im Stadion eingeplant, die doch gefälligst wie auf Knopfdruck für die Kamera austauschbar jubeln sollen. Ein gellendes Pfeifkonzert ist nicht vorgesehen. Dies seien Pfiffe gegen den DFB gewesen, sagte Ex-Fußballprofi Ansgar Brinkmann danach in Fischers Beisein. Eine Behauptung, die insofern stimmt, als dass der Deutsche Fußball-Bund als Ausrichter des Pokalfinals auch für die Halbzeitplanung verantwortlich ist.

Die Szene der Eintracht ist bekannt dafür, dass sie sich klar artikuliert. Während Fischers Auftritt war im Frankfurter Block deutlich ein kollektives "Halt dein Maul" zu vernehmen. Vielen Fans geht die zwanghafte Inszenierung des Fußballs gehörig gegen den Strich. Beschallung vor dem Spiel, Cheerleader, marktschreierische Stadionsprecher, dramatische Musik, ohrenbetäubende Werbespots, Bevormundung und überbordende Überwachung der Fanszenen - ein solches Pfeifkonzert von den Rängen beider Mannschaften ist auch Ausdruck gefühlter Machtlosigkeit. Frankfurts Sportdirektor Fredi Bobic hat recht, wenn er sagt, ein solcher Auftritt habe beim Pokalfinale nichts zu suchen.

Nicht nur der Sport, sogar die Medien müssen jetzt schon gegen die Event-Manie in den Stadien ankämpfen. Damit Fischers Auftritt übetragen werden konnte, wurden die Nachrichten auf wenige Minuten verkürzt und die TV-Moderatoren Alexander Bommes und Mehmet Scholl sollten innerhalb von 30 Sekunden eine abwechslungsreiche erste Halbzeit analysieren. Schon beim Relegationsspiel in Wolfsburg am vergangenen Mittwoch war Verstörendes zu beobachten, da verwandelte sich das Stadion zur Halbzeit in eine grün-weiße Disko. Warum, ist ein Rätsel. Bommes' Kollege Matthias Opdenhövel versuchte dort irgendwie, sich nichts anmerken zu lassen, während Stefan Effenberg leicht irritiert und angestrengt geradeaus in die Kamera stierte.

Als Fan ist es ein anderer Kampf als für die Medien - denn wer zu solchen Spielen geht, der steht unter riesigem emotionalen Stress. Der Anhänger leidet, es geht um alles; um Abstiege, Aufstiege, um Titel für die Ewigkeit. Es geht um Fußball und gegen den ist nicht zu gewinnen. Auch nicht von Helene Fischer.

Quelle: ntv.de