Fußball

Packender Pokalkampf, aber Hertha wirft Schalker Fans Rassismus vor

Es ist ein packender Pokalkampf, den der FC Schalke 04 gegen Hertha BSC gewinnt, bei dem ein Spieler und ein Trainer vom Platz fliegen. Jetzt kommt das große ABER. Die Berliner beschuldigen die Gelsenkirchener Fans, einen Hertha-Spieler rassistisch beleidigt zu haben.

Es konnte ja nur besser werden. Zumindest war das die Hoffnung eines jeden, der den guten Fußball mag. Nachdem das Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC und dem FC Schalke 04 am vergangenen Freitag im Berliner Olympiastadion eine ebenso torlose wie freudlose Veranstaltung war, musste doch jetzt etwas kommen. Oder etwa nicht? Einige Fans in der Straßenbahn der Linie 302 vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof zum Stadion befürchteten jedenfalls, dass ihre Schalker gegen Hertha wieder einmal kein Tor schießen würden: "Wahrscheinlich steht es selbst nach zehn Minuten im Elfmeterschießen noch 0:0." Sie sollten sich gewaltig täuschen. Am Ende sahen die 53.225 Zuschauer all das, was ein gutes, spannendes und am Ende auch dramatisches DFB-Pokalachtelfinale ausmacht.

Die Schalker trafen nämlich dreimal, einmal davon in einer turbulenten Verlängerung, gewannen mit 3:2 (2:2, 0:2). Der FC Schalke 04 gehört nun, anders als der Nachbar aus Dortmund zum erlauchten Kreis der besten acht Mannschaften des DFB-Pokals. Die spielen am 3. und 4. März das Viertelfinale aus. Der Wunschtraum der Herthaner, endlich einmal das Endspiel zu erreichen, das ja seit 1985 im Berliner Olympiastadion stattfindet, bleibt wieder einmal unerfüllt. Benito Raman war der Mann, der sie an diesem Dienstagabend in der überdachten Arena in der 115. Minute zum 3:2 (2:2, 0:2) traf. Nach einer abgefangenen Ecke und einem Pass des Kollegen Juan Miranda war er einfach losgerannt und allen Gegenspielern davon, 70 Meter bis zum gegnerischen Tor, und hatte dann auch noch Herthas Torhüter Rune Jarstein getunnelt. Das sei, sagte Raman im Keller des Stadions "der längste Sprint meines Lebens" gewesen. Immerhin hat es sich gelohnt.

Schalke 04 - Hertha BSC 3:2 n.V. (2:2, 0:2)

Schalke: Nübel - Boujellab (60. McKennie), Todibo (46. Kabak), Nastasic, Oczipka - Mascarell - Caligiuri (91. Miranda), Schöpf - Harit - Kutucu (60. Raman), Gregoritsch. - Trainer: Wagner
Berlin: Jarstein - Boyata, Stark, Torunarigha - Wolf (90.+1 Klünter), Arne Maier (105. Dilrosun), Ascacibar, Plattenhardt (69. Mittelstädt) - Skjelbred - Köpke (77. Lukebakio), Piatek. - Trainer: Klinsmann
Schiedsrichter: Harm Osmers (Hannover)
Tore: 0:1 Köpke (12.), 0:2 Piatek (39.), 1:2 Caligiuri (76.), 2:2 Harit (82.), 3:2 Raman (115.)
Zuschauer: 53.525
Gelb-Rote Karte: Torunarigha wegen unsportlichen Verhaltens (100.)
Rote Karte: Wagner (Trainer Schalke 04) nach einer Tätlichkeit (102.)
Gelbe Karten: Harit, Raman, Miranda, Oczipka

Da hatten die Berliner nur noch zehn Spieler auf dem Rasen. Abwehrspieler Jordan Torunarigha hatte in der 100. Minute die Gelb-Rote Karte gesehen. Nach einer Grätsche von Omar Mascarell vor der Bank des Gegners hatte er sich eine Wasserkiste gegriffen und vor Schalkes Trainer David Wagner auf den Boden geschmissen. Von der Tribüne aus wirkte es so, als habe er anschließend versucht, den erbosten Torunarigha zu stützen und zu beruhigen. Schiedsrichter Harm Osmers aber war der Meinung, ihm mithilfe des Videoassistenten eine Tätlichkeit nachweisen zu können. Wagner wirkte ratlos: "Ich habe null Erklärung für die Rote Karte." Er räumte aber ein: "Um ehrlich zu sein, sieht es in der Zeitlupe dämlich aus. Aber das war weniger als nichts. Meine Hand war auf seinem Hals, ja. Ich versuche aber mehr, dass alle die Balance halten. Der Spieler wirft dann die Wasserkiste hin."

"Er hat auf dem Platz geweint"

Allerdings scheint auch das nicht die ganze Geschichte zu sein. Die Berliner werfen den Schalker Fans vor, Torunarigha rassistisch beleidigt zu haben. Das habe sein Mitspieler ihm erzählt, sagte Herthas Kapitän Niklas Stark. "Das ist unmenschlich, mit Affen-Lauten anzufangen. Das ist abstoßend und darf nicht passieren. Der war heulend auf dem Platz. Da fragt man schon mal, was los ist." Trainer Jürgen Klinsmann bestätigte die Vorfälle und berichtete: "Er hat auf dem Platz geweint." Bleibt die Frage, warum die Spieler dann nicht den Platz verlassen haben. "Wenn das Signal gekommen wäre, wäre ich ganz klar mit marschiert", zitiert die "Bild"-Zeitung Stark. "Aber man will ja das Spiel zu Ende bringen, man will Fußball spielen. Der erste Schritt ist, dass wir als Mannschaft hinter Jordan stehen und so etwas nicht dulden. Wir müssen die Stimme erheben gegen sowas, das geht nicht."

Konfrontiert mit diesem Vorwurf sagte Schalkes Trainer Wagner: "Wenn solche Äußerungen gefallen sind, möchte ich mich im Namen des FC Schalke 04 bei dem Spieler und bei Berlin entschuldigen." Auch Jochen Schneider, der Sportvorstand der Gelsenkirchener, betonte, dafür fehle ihm "jedes Verständnis. Ich habe es nicht gehört, aber das erfindet der Spieler ja nicht. Wir müssen uns bei ihm entschuldigen und alles dafür tun, dass wir diejenigen, die verantwortlich sind, ausfindig machen". Dann können sie auch gleich nach den Fans in der Nordkurve suchen, die in der zweiten Halbzeit versucht hatten, Gegenstände auf Berlins Torhüter Jarstein zu werfen. Völlig unumstritten war also letztlich nur Wagners sportliches Fazit: "Es war ein tolles Fußballspiel." Trotz allem.

"Wir sind Schalker, asoziale Schalker"

Das hatten die Berliner besser begonnen, Klinsmann durfte zunächst für sich reklamieren, wenn nicht alles, so doch vieles richtig gemacht zu haben. So tauschte er sein Team im Vergleich zum Freitag an fünf Positionen aus und ließ den polnischen Angreifer Krzysztof Piatek von Beginn an spielen. Der war für 23 Millionen Euro von AC Mailand gekommen, ist nun der Rekordeinkauf der Hertha und ihr Hoffnungsträger. Etwas überraschend stand ihm der ebenfalls 24 Jahre alte Pascal Köpke zur Seite. Und das sollte sich auszahlen. Köpke erzielte nach zwölf Minuten das erste Berliner Tor und legte nach 39 Minuten das zweite vor, das am Ende eines feinen Konters Piatek besorgte.

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Die 23 Millionen Euro für Krzysztof Piatek wirken gut angelegt.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

An die Betontaktik, mit der die Berliner unter Klinsmann im Abstiegskampf der Bundesliga immerhin zwölf Punkte aus acht Partien ergattert hatten, erinnerte das nur entfernt. Sie spielten taktisch diszipliniert, waren stark in den Zweikämpfen - und eben ungeheuer effektiv vor des Gegners Tor. Und auch nach der Pause sah es lange nicht nach dem großen Comeback des FC Schalke 04 aus. Doch dann reichten den Gastgebern sechs Minuten, um doch noch den Ausgleich zu erzielen. In der 76. Minute umdribbelte Daniel Caligiuri erst den bemitleidenswerten Maximilian Mittelstädt und schoss den Ball dann aus sieben Metern flach ins Tor. Und in der 82. Minute spielte Caligiuri eben jenen Mittelstädt wieder aus, ehe er quer auf Amine Harit legte, der sogar die Zeit und Ruhe hatte, den Ball anzunehmen, bevor er aus neun Metern vollendete und die Verlängerung erzwang.

Die Arena tobte, und die Fans in der Nordkurve sangen in ironischer Intention so, wie sie das stets tun, wenn sie gute Laune haben: "Wir sind Schalker, asoziale Schalker." Erhärten sich aber die Vorwürfe der Berliner, trifft es schlicht und ergreifend zu. Zumindest für die Rassisten unter ihnen.

Quelle: ntv.de