Fußball

Eine "einschlagende Bombe" Hoeneß verwirrt den FC Bayern zur Unzeit

Für Joshua Kimmich fühlt es sich wie eine "einschlagende Bombe" an, David Alaba kann sich den FC Bayern ohne Uli Hoeneß kaum vorstellen. Der Medienbericht vom möglichen Rückzug sorgt für Aufruhr - aber nicht, weil die Entscheidung überrascht.

Uli Hoeneß ist tatsächlich schon 49 Jahre beim FC Bayern, viele davon ist er quasi der FC Bayern selbst gewesen. Eine seiner größeren Leistungen hat er noch in der vergangenen Saison vollbracht: Er hat Niko Kovac als Trainer im Amt gehalten. Gegen große Widerstände. Einige Spieler sollen rebelliert haben, Klubchef Karl-Heinz Rummenigge sowieso. Auch viele Medien haben hart daran gearbeitet, den Kroaten als nicht kompatibel mit der Klubphilosophie zu erklären. Zumindest diesen Kampf also hat Hoeneß gewonnen. Er wurde mit dem Double aus Deutscher Meisterschaft und DFB-Pokalsieg belohnt. Und womöglich war es der letzte große Kampf, den der 67-Jährige in München für sich entschieden hat.

Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, steht er im Herbst vor dem Rückzug aus dem Verein, aus seinem Verein. Weder Klub-Präsident wolle er noch mal werden noch den Aufsichtsrat weiterführen, obwohl er das noch bis 2022 könnte, gewählt ist gewählt. Bestätigt ist das alles nicht. Was aber viel bemerkenswerter ist: Die Nachricht ist auch nicht dementiert. Die Aufregung ist groß. Auch weil Hoeneß am Tag nach der Meldung unter anderem dem "Kicker" erklärte, dass er am 29. August erst dem Aufsichtsrat seine Entscheidung mitteilen wolle. Vorher "gibt's keine offizielle Erklärung". Hoeneß Wunschkandidat für die Nachfolge soll Ex-Adidas-Chef Herbert Hainer sein. Ein sehr enger Freund (und ein Einflusssicherer?) des 67-Jährigen, ein sehr erfahrener Manager und als stellvertretender Vorsitzender (vom 14. März bis zum 8. September 2014 interimsweise sogar Vorsitzender) ein Mann mit Erfahrung im Aufsichtsrat des Klubs.

Hoeneß informierte offenbar niemanden

Den FC Bayern ohne Hoeneß, das kann sich nicht nur David Alaba kaum vorstellen. Einen Schock nannte der Österreicher die Nachricht. Auch Kovac und Münchner (Ex)-Nationalspieler wie Thomas Müller, Leon Goretzka und Joshua Kimmich waren überrumpelt. Die Nachricht aus München erwischte sie auf ihrer von Rummenigge für unverzichtbar erklärten US-Tour, die Hoeneß dezent kritisiert und nicht mitangetreten hatte -  mehr Distanz zwischen Sender und Empfänger geht kaum. Offenbar hatte sich Hoeneß niemandem im Verein mitgeteilt, auch Rummenigge nicht. Dessen offizieller Kommentar laut "Bild"-Zeitung: Kein offizieller Kommentar. Wie die "Bild"-Zeitung überhaupt an diese (unbestätigten) Informationen kam? Zu ihr pflegt Hoeneß bekanntlich eine Art deftige Hassliebe, die zwischen Kronzeugentum und Frontalattacke changiert. Durchstechereien? Durchaus möglich.

Gleichermaßen skurril wie passend: Denn seit Monaten wundert man sich über die gespaltene Zunge, mit der beim FC Bayern gesprochen wird. In der Trainerfrage vor allem, in der Sache mit dem Sportdirektor (Besetzung) auch. Rummenigge wollte Thomas Tuchel - Hoeneß aber nicht. Hoeneß wollte Max Eberl - Rummenigge aber nicht. Rummenigge wollte Philipp Lahm im Vorstand - Hoeneß aber nicht. Einig wirkt schon seit langem nix mehr, weshalb an der Meldung vom Hoeneß'schen Hauruck-Komplett-Rückzug eher Zeitpunkt und Umstände des Durchsickerns als die Tatsache an sich überraschen. Im Gespräch mit n-tv erklärt Philipp Köster, Chefredakteur bei "11 Freunde": "Es wäre durchaus verständlich, wenn er sich zurückziehen würde. Die Querelen mit Rummenigge, die Kritik an ihm auf der Mitgliederversammlung, das fortgeschrittene Alter. Es würde Sinn machen. Zugleich aber würde die Bundesliga einen streitbaren Kopf verlieren einen, der natürlich auch immer mal wieder Themen gesetzt hat, ganz wichtige."

"Gesetz vom Tegernsee" gilt nicht mehr

Generationen von Spielern, Trainern und Journalisten hat Hoeneß begleitet. Er hat mit ihnen gefeiert. Er hat sie gefeuert. Und er hat sie attackiert. Wer den FC Bayern angriff, der griff Hoeneß an. Nirgends im deutschen Fußball stehen Verein und Vereinschef so symbiotisch zusammen wie in München. Und das mit einer Bilanz, die jeden Zweifel an der Tauglichkeit des Wirkens, der Kraft seiner Arbeit wegwischt:

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Würden Sie Uli Hoeneß vermissen?

Nun aber gibt es Indizien, dass diese Kraft schwindet. In der vergangenen Saison offenbarte sich zunehmend, dass Sätze von Hoeneß längst nicht mehr gesetzt sind. Das "Gesetz vom Tegernsee", wie die "Süddeutsche Zeitung" im vergangenen Herbst noch Hoeneß' Wortmeldungen nannte, gilt nicht mehr, zumindest nicht mehr unangreifbar. Während die "Pressevernichtungskonferenz" dem Machttriumvirat aus eben Hoeneß, Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic noch im Kollektiv schadete, kratzten die folgenlose Transferoffensiven-Ankündigung und die Bye-bye-Empfehlung für Jérome Boateng an der Allmacht des 67-Jährigen. Der in die Öffentlichkeit getragene Hinweis des Freund-Feindes Rummenigge, sich in Zukunft mit allzu lauten (und inhaltsleeren?) Ansagen bitte zurückzuhalten, rüttelte indirekt ebenso am Hoeneß-Denkmal wie die derzeit sehr gerne kundgetanen Lobreden auf Boateng, der in der Münchner Saisonvorbereitung körperlich und mental prächtig mitmischt.

Ein Uli-Vakuum auf Zeit

Ob ein Rückzug von Hoeneß dem Klub helfen wird, sich für die Zukunft neu und gut aufzustellen oder ob dem Klub damit Herz und Seele wegbrechen? Wer weiß das schon. Ob Hoeneß' Macht intern tatsächlich schwindet? Auch so eine Sache, die wohl niemand aus dem innersten Zirkel bestätigen wird. Und was passiert mit seinem Einfluss, wenn er auf der Mitgliederversammlung im November, die das Ende der Ära Uli manifestieren soll, zum Ehrenpräsidenten gewählt wird, wie Sportjournalist Pit Gottschalk in seinem Newsletter mutmaßt? An wichtigen Sitzungen dürfte er so immer noch teilnehmen. Ob er das noch will?

Schon einmal musste der Klub ohne Hoeneß auskommen. 2014, als er am 2. Juni seine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung in der JVA Landsberg antreten musste. Es war ein Uli-Vakuum auf Zeit, nur wenige Tage zuvor hatte er verkündet: "Das war's noch nicht." Es war ein Satz, der bei den Fans gefeiert wurde. Diese Liebe, so erklärte der Patriarch Jahre später, habe ihn erst animiert weiterzumachen. So kehrte er zurück. Als Präsident, mit einer gewaltigen Zustimmung von 97,7 Prozent. Hoeneß - der Unumstößliche. Diese Liebe aber scheint mittlerweile zu welken. Direkt wie nie zuvor war er im vergangenen Jahr während der Mitgliederversammlung angegangen worden. Der junge Johannes Bachmayr sagte, dass er sich als Fan des FC Bayern für Hoeneß schäme. Bachmayr bekam Beifall. Und Hoeneß vorab schon Pfiffe.

Bachmayr kritisierte den Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden dafür, dass er sich ins operative Geschäft einmischt. Er kritisierte Hoeneß, weil der gegen Spieler wie Juan Bernat nachtrat. Er kritisierte ihn, weil er völlig unsouverän die Medien beschimpft hatte. Und er kritisierte ihn dafür, dass er Paul Breitner von der Ehrentribüne des Stadions verbannen ließ, nur weil der als ehemaliger Spieler Hoeneß wegen der peinlichen Journalistenschelte gerügt hatte. Bachmayrs Vortrag endete mit dem Satz: "Der FC Bayern ist keine One-Man-Show." Auf die Zustimmung für Bachmayr und die Wut gegen ihn, reagierte Hoeneß verstimmt. Er sagte in kleiner Runde: "Heute Abend gibt es Ansätze, wie ich mir den FC Bayern nicht wünsche. Ich hoffe, dass es sich wieder ändert, sonst ist das nicht mehr mein FC Bayern."

"Habe mich um jeden Scheiß gekümmert"

Tatsächlich hat Hoeneß den FC Bayern zu seinem FC Bayern gemacht. Aus anfänglich zwölf Millionen Deutsche Mark Umsatz und Schulden wurden in den vergangenen vier Jahrzehnten unter Hoeneß' Führung 657,4 Millionen Euro Umsatz und das so berühmte wie üppige Festgeldkonto. Die Zahl der Mitglieder stieg von 6616 auf knapp 300.000, die Allianz Arena und der Klub-Campus entstanden. Auch die Basketballer führte Hoeneß an die Spitze der Bundesliga, international soll der große Durchbruch in der kommenden Saison folgen. Über seine Anfangszeit als Manager sagte er einmal: "Ich habe mich um jeden Scheiß gekümmert, Abfahrtszeiten, Busunternehmen, Trikots, zur Not habe ich den Spielern die Stollen reingeschraubt."

Mit dieser detailbesessenen Beharrlichkeit hat er den Verein geführt, hat ihn zur Weltmarke aufgebaut. Wohl auch deswegen empfand er Kritik allzu oft als sehr unangemessen. Dabei scheute er sich nicht, gegen die eigenen Fans, gegen jeden Konkurrenten, gegen Experten, Ex-Spieler und Medien zu keilen, nicht immer keilte er sportlich fair. Aber er war sich eben auch nicht zu fein dafür, Klubs und Fußballer in existenziellen Nöten zu retten sowie Fans zu entlasten. Der "Sankt Uli von München" half Gerd Müller wieder in die Spur, Mehmet Scholl bekam Hilfe, auch Raimund Aumann, Hansi Pflügler und "Katsche" Schwarzenbeck wurden aufgefangen.

"Eier legende Wollmilchsau suchen"

Wie eine Familie wollte er den FC Bayern verstanden wissen, das war ein tragendes und wichtiges Argument für Hoeneß. Wer Probleme hatte, der sprach mit ihm. So verband ihn immer eine ganz besondere Beziehung mit dem ebenso genialen wie streitbaren, mit dem ebenso sensiblen wie aufbrausenden Franck Ribéry. Der FC Bayern ist für ihn kein Klub, dessen stärkstes (und auch einziges?) Argument das Geld ist. Für den finanziellen Irrsinn in der englischen Premier League, für die noch irrsinnigere Finanzierung von Neymar hatte er nie Verständnis. "Die Wahnsinnspreise zahlen wir sicherlich nicht, aber die mittleren Wahnsinnspreise könnte ich mir schon vorstellen", erklärte er einst. Doch wo ist oder war seine Grenze? 40 Millionen Euro für Javi Martinez im Sommer 2012? 80 Millionen Euro für Lucas Hernández zur Saison 2019/2020? Oder mehr als 100 Millionen Euro für den immer noch umworbenen Leroy Sané? Alle einstigen Prophezeiungen erwiesen sich als falsch - das hat Hoeneß sogar zugegeben.

Ist nun die Zeit erreicht, da ihn das Geschäft überholt hat, das nicht mehr sein Geschäft ist? Hat er sich gar von ihm entfremdet? Im November des vergangenen Jahres hatte Hoeneß gesagt: "Ich mach den Job noch zwei, drei Jahre und will meinem Nachfolger eine volle Kasse übergeben. Der Nachfolger sollte jemand sein, der eine menschliche Seite hat. Und einer, der aus dem Fußball kommt. Wir müssen die Eier legende Wollmilchsau suchen. Das wird schwer. Wenn ich wüsste, der oder der kann das, würde ich nächstes Jahr aufhören." Weiß er es inzwischen und damit doch noch einmal mehr als die anderen? Im Vereinsmagazin "51" wurde er im März so zitiert: "Ich habe mal gesagt: 'Das war's noch nicht!' Aber der Tag ist nicht mehr fern, an dem ich sage: 'Das war's!' Und zwar, weil ich a) loslassen kann und b) der Zeitpunkt bald passen wird." Die Frage ist nur, für wen. Für Hoeneß, für den FC Bayern, für beide, worauf aktuell nicht allzu viel hindeutet?

Am 29. August gibt's die Aufklärung.

Quelle: n-tv.de

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