Fußball

Das Borussia-Dortmund-Syndrom In Berlin erleidet der BVB Systemschaden

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Auch mit vier Spielern bekommen die Dortmunder keinen Zugriff auf Herthas Belfodil.

(Foto: picture alliance / nordphoto GmbH / Engler)

Borussia Dortmund verliert zum Jahresabschluss. Zur Winterpause ist die Bundesliga bereits entschieden. Mit vier Punkten aus den letzten vier Spielen verabschiedet sich der BVB in die Winterpause und endgültig auch aus dem Meisterrennen. Zeit, um an den strukturellen Kader-Problemen zu arbeiten.

Wenn es besonders gut läuft, singen die Fans in der Bundesliga gerne von einer "Abwehr aus Granit, so wie einst Real Madrid", die am Ende zur Meisterschaft führt. Die Fans von Borussia Dortmund sind da nicht anders. Doch es läuft nicht gut für die Borussia. Statt den alten Tribünenschlager von der Rückkehr an die Spitze anzustimmen, gehen die Fans der Dortmunder momentan anderen Dingen nach.

Beim Spiel in Berlin lässt sich das im Gästeblock beobachten. Einer schläft, andere sprechen über vergangene Reisen mit dem BVB, unterhalten sich über Frank Zander und wieder andere warten auf die Minuten vor dem Schlusspfiff. Dann beginnt ihre Arbeit. Runter zum Graben. Plakat entrollen. Vielleicht hat jemand ein Trikot übrig? Doch die Spieler stampfen an diesem Samstag schnell in die Kabine. Nur weg aus dem Olympiastadion. Nach der 2:3-Pleite gegen Hertha BSC.

Es ist eben auch so, dass der BVB in dieser Saison gewiss keine Abwehr aus Granit aufbieten kann. Eher eine aus Sand. Mit 26 Gegentreffern nach 17 Spielen steht der Ballspielverein Borussia aus Dortmund, der am Sonntag seinen 112. Geburtstag feierte, im Mittelmaß fest. Die Abwehrreihe genügt keinen höheren Ansprüchen, schon gar nicht an diesem unfreundlichen Abend im Berliner Olympiastadion. Dort starten der biedere Thomas Meunier und der wie fast immer verloren wirkende Nico Schulz auf den Außenpositionen, und innen kämpfen Marin Pongracic und der gelernte Mittelfeldspieler Axel Witsel mit den Verhältnissen, mit dem Tempo, dem Spielaufbau und Freigeist Julian Brandt, der sie immer wieder in Notlagen bringt.

Dortmunder Markenzeichen wird zum Problem

Für Dortmund geht es nun mit 34 Punkten und einem immer noch soliden Polster auf Rang fünf, den Platz außerhalb der Champions-League-Ränge, in die letzte Winterpause des ewigen Sportdirektors Michael Zorc. Die Dortmunder Legende stand im letzten Jahrzehnt für den Weg der Borussia. Nach den beiden Meisterschaften unter Jürgen Klopp hatte sich der Verein zur Kaderschmiede für Europas Topklubs entwickelt.

Was mit Nuri Sahin 2011 begann, steigerte sich über die Jahre immer weiter, wurde zum Markenzeichen des Vereins. Weltweit gilt Borussia Dortmund als eine der wichtigsten Talentschmieden für die Riege der Superklubs. Doch trotz einer langen Liste an hochkarätigen Abgängen ist es über die Jahre kaum einem Spieler gelungen, in die Fußstapfen des ablösefrei zu Bayern München gewechselten Robert Lewandowski zu treten. Der hat sich nach seiner Dortmunder Zeit bei einem Spitzenklub durchgesetzt. Wie auch İlkay Gündoğan, der bei Manchester City zum Schlüsselspieler in der Premier League reifte. Danach wird es dünn.

Über Spieler wie Christian Pulisic oder Ousmane Dembélé kann man nicht das Gleiche behaupten wie bei Gündoğan, auch Henrik Mkhitaryan erreichte nie wieder das Niveau, auf dem er in der Saison 2015/2016 für Borussia Dortmund spielte. Bei Jadon Sancho ist die Jury noch unentschieden, Pierre-Emerick Aubameyang ist es nicht gelungen, Arsenal konstant in der Spitze zu halten, Mario Götze konnte nie mehr an seine brillante erste Dortmunder Zeit anschließen, Shinji Kagawa ebenfalls nicht. Achraf Hakimi war nur leihweise beim BVB.

Viel Geld für durchschnittliche Spieler

Das Borussia-Dortmund-Syndrom setzt sich auch bei den Spielern durch, denn die Stagnation derer, die den Verein verließen, ist ein Spiegelbild der Situation der Dortmunder in der Liga. Sie sind zu stark für sehr viele Vereine, aber meist nicht gut genug, um den endgültigen Durchbruch in die internationale Spitze zu schaffen. Aktuell stehen mit Jude Bellingham und natürlich Erling Haaland zwei dieser Spieler im Dortmunder Kader. Sie werden Borussia irgendwann verlassen und dem Verein viel Geld einbringen.

Doch neben diesen Ankerspielern ist es Borussia Dortmund in den vergangenen Jahren zunehmend schwerer gefallen, die richtigen Transfers zu tätigen. Gerade bei Geschäften innerhalb der Bundesliga, aber auch bei Käufen im mittleren Preissegment, neigt der BVB zu Fehlgriffen. Der so talentierte Julian Brandt verliert mit seinen Aussetzern manchmal Spiele, Nico Schulz hat selten gehobenes Bundesliga-Niveau, Emre Can überschätzt seine Fähigkeiten, Thorgan Hazard ist ein guter Bundesliga-Spieler und Axel Witsel über die Jahre zu einem Mitläufer geworden.

Allein diese Spieler ließ sich der BVB über 120 Millionen Euro kosten, ohne die Mannschaft signifikant zu verbessern. Spieler wie Roman Bürki oder Marius Wolf verdienen in Dortmund so gut, dass kein Verein sie bezahlen kann. Mahmoud Dahoud steht seit Jahren kurz vor dem Sprung in die nächste Kategorie, doch gelingen will ihm der nicht. In der so wichtigen mittleren Altersklassen zwischen 24 und 30 hat der BVB keine Führungsspieler im Kader. Der enteilte Rivale Bayern mit Spielern wie Joshua Kimmich und Leon Goretzka schon.

Für den kommenden BVB-Transferboss Sebastian Kehl beginnt die Amtszeit im kommenden Sommer mit einer monumentalen Aufgabe. Er muss die Mannschaft in großen Teilen neu aufstellen und eben nicht nur Erling Haaland, der sich gegen Berlin wie bereits in Bochum in keine richtige Abschlussposition bringen kann, ersetzen. Schon wieder Umbruch am Borsigplatz. Die Defizite des BVB sind struktureller Natur. Sie haben dem Verein viel Geld gekostet.

Eine unwürdige Lehmwiese

"Sie haben das meiste Geld, sie machen es gut. Wobei, mit dem Geld würden es andere vielleicht auch gut machen", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Sonntag in einem Gespräch in den Springer-Studios: "Wenn ich jetzt sage, ich erhöhe unseren Etat von 150 auf 300 Millionen, dann glaube ich, dass wir konkurrenzfähig sind. Aber in zwei Jahren mache ich wieder Gläubigerversammlung."

Ein Blick auf die Transferbilanz der Borussia lässt Zweifel zu. Die Unwucht des Kaders lässt die Fans schon lange nicht mehr von einer Abwehr aus Granit singen und Watzke erneut mit dem Schicksal hadern. Er macht auch die Lehmwiese im Berliner Olympiastadion für die Niederlage verantwortlich. "Unwürdig" sei diese gewesen, habe aber natürlich nichts mit der Niederlage zu tun, sagte Watzke, der den Rasen im Berliner Olympiastadion aber eben doch kritisiert. Dabei kann der nun nicht für die verdiente Niederlage herangezogen werden.

Bis die Dortmunder Fans wieder von einer Abwehr aus Granit singen werden, wird Deutschland noch viele Wellen der Pandemie erleben. Immerhin wacht der schlafende Fan im Gästeblock auf und verschwindet noch vor Abpfiff der Partie. Ohne was gesehen zu haben, hat er genug gesehen.

Quelle: ntv.de

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