Fußball

Wilde Gerüchte um Haaland Borussia Dortmund gewinnt und alle verlieren

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Haalands Ehrenrunde sorgt für Unruhe.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Mühsam erarbeitet Borussia Dortmund sich einen 3:0-Sieg gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten Greuther Fürth. Dann passieren Dinge, die nur passieren, wenn alle unzufrieden sind. Der Trainer zofft sich im TV, der Star-Stürmer zieht seine Show durch und die Fürther fühlen sich verschaukelt.

Dortmunds Trainer Marco Rose blies zur Attacke. Die Worte des TV-Experten Didi Hamann waren ihm ein Dorn im Auge. Der hatte auf Sky wieder das getan, wofür er aller Voraussicht nach bezahlt wird: Kontroverse These raushauen, auf maximale Empörung gehen. Das macht er immer und gerne auch gegen den BVB. Unlängst erst erteilte er Marco Reus, dem Kapitän der Borussia, Katar-Verbot nach EM-Verzicht. Hamann mag es polemisch und Rose, den das nervte. "Didi Hamann nagelt gegen uns, eigentlich von Beginn dieser Saison an", sagte der BVB-Trainer auf Sky: "Sich jede Woche hinzustellen und gegen uns zu schießen, ist dann auch schwierig. Vielleicht lade ich ihn mal ins Stadion oder zu mir ein."

Hamann nahm an und freute sich. Wieder einmal aus dem Sky-Kosmos ausgebrochen. Rose kam das sicher auch gelegen. Er konnte von der Leistung gegen Fürth ablenken und allgemein sprechen, ein wenig klagen und die Sachen geraderücken: Wehklagen eines Gewinners, der sich nicht so fühlen konnte.

Das Lamentieren liegt den Dortmundern beinahe in der DNA. So oft sind es die Verhältnisse, die Bedingungen, die die große Attacke, den großen Angriff verhindern. War es gegen Bayern und bei der entscheidenden Heimpleite in der Champions League gegen Ajax der Schiedsrichter, so waren es auf Strecke die unzähligen Verletzten, die es dem neuen Trainer in neuer Umgebung nicht leicht gemacht hatten und die Rose nun heranzog. "Wenn du wegen Länderspielen und Verletzungen schon mit ganz wenigen Spielern in die Saison gehst und dann ständig Jungs wegbrechen", sagte er, "dann kann man ein paar Sachen schon nachvollziehen." Gewiss aber nicht die Leistung gegen Fürth, die in ihrer Tristesse Erinnerungen an ganz alte Zeiten weckte, unter anderem das 1:1 gegen den SSV Ulm am 12. Februar 2000.

Immerhin: Stadionsprecher Dickel freut sich

Und Erling Haaland? Der traf. Einmal vom Punkt und einmal mit dem Kopf. Dortmund Stadionsprecher Norbert Dickel tat das, was er immer tut, wenn er Haaland treffen sieht. Er brüllte den Namen ins Mikrofon: "Ööööööörling" und von den Tribünen hallte es "Haaaaland" zurück. Dreimal nach dem zweiten Treffer, seinem 53. Tor im 53. Bundesliga-Spiel des Norwegers, und dann noch einmal bei der anschließenden Auswechslung. Später drehte Haaland ohne die Mannschaft eine Ehrenrunde.

Weil es der Norweger war, der einmal als Spieler und einmal als Transferobjekt existiert, wurde danach fröhlich spekuliert. "Verabschiedet er sich von Dortmund", fragte nicht nur die spanische Postille "Mundo Deportivo", sondern fragten auch die BVB-Fans, die von der Ego-Show des 21-Jährigen zunehmend genervt sind. Der Norweger schwieg sich aus. Sein Schicksal liegt nun in den Händen des in den vergangenen Wochen hyperaktiven Beraters Mino Raiola. Alles deutet auf einen Abschied hin. Nicht im Winter, aber eben im nächsten Sommer. Vielleicht dann ja sogar zu den Bayern? Es würde zu der gekippten Liga passen.

Aber die Dortmunder Fans waren nicht nur von Haaland genervt. Der bediente nur einen Dauerzustand. Genervt sind sie immer: Weil sie seit Jahren selten was fühlen. Die Mannschaft verharrt auf einem hohen Plateau, kann nicht nach vorne (denn da sind die Bayern) und nicht aus den Top vier (denn dafür sind sie die Bayern des Rests der Liga). Sie fühlen nichts. Und sie können seit nunmehr fast zwei Jahren auch nichts mehr fühlen. Die Pandemie hat sie, wie alle anderen Fans auch, ausgeschlossen. Nur 15.000 Zuschauer durften das Spiel in Deutschlands größtem Stadion verfolgen und die waren unzufrieden.

Sie pfiffen und haderten mit ihrem Team, das unten auf dem Platz mit sich haderte, unzufrieden wirkte, nicht gemeinsam feiern wollte, schimpfte, sich zurechtwies und natürlich trotzdem gewann. Denn es ging gegen Fürth, diese Mannschaft, von der das Dortmunder Fanzine schwatzgelb.de sehr zum Unmut der nach Unmut lechzenden Internetgemeinde schrieb, dass sie in der ersten Liga nichts verloren haben. Genervt sind sie auch vom VAR, der sie nicht jubeln lässt und von der Pandemie, die sie nicht ins Stadion lässt. Sie sind, nach allem, was auf dem Tisch liegt, gerne genervt. Nur ein paar Zuschauer lieben jede Sekunde. Was dann auch verstört, denn lieben lässt diese Mannschaft selten.

Ein verhunzter Abend

Für Fürth reichte es nicht in Dortmund. Dabei kamen sie sogar zu einigen nicht weiter nennenswerten Torchancen, dabei erarbeiteten sie sich acht Ecken zu Dortmunds fünf, doch es mangelte ihnen an Qualität und auch am Schiedsrichterglück. Der hatte sich, sagten die Fürther später, auf die Seite der Borussia geschlagen. Keine zwei Wochen nach der Kontroverse um Felix Zwayer wirkte Daniel Schlager nicht so, als ob er gesteigertes Interesse an einer Konfrontation mit Borussia Dortmund hatte. Früh traf er viele kleinen Entscheidungen zugunsten des Giganten, bemühte den VAR vor dem Führungstreffer der Dortmunder und entschied sich gegen einen Platzverweis für Bellingham, einem Hauptakteur in der Zwayer-Debatte. Der bereits verwarnte junge Engländer war sehr energisch in einen Zweikampf gegangen und hätte sich über eine zweite Gelbe Karte nicht beschweren können.

So aber war es an Fürth, sich zu beschweren. Und das taten sie. Erst tauchte Manager Rachid Azzouzi hinter dem Sky-Kommentator auf, verwickelte ihn während der Elfmeterentscheidung in ein Live-Gespräch im Fernsehen, dann schimpfte er in der Halbzeitpause. "Wir wären vom Platz geflogen. Da kann ich ihnen Brief und Siegel geben. Wenn das ein blauer Spieler gewesen wäre, wäre er weg gewesen", sagte Azzouzi. Später legte Trainer Stefan Leitl nach. "Ich habe da das Empfinden, dass in der einen oder anderen Situation die Augen verschlossen werden", sagte der nach dem Spiel: "Wirklich wütend bin ich, dass Jude Bellingham kurz vor der Pause keine Gelb-Rote Karte gesehen hat." Da unterbrach sogar Rose seinen Konflikt mit Hamann und pflichtete seinem Kollegen bei: "Wäre ich Fürth-Trainer, würde ich mich auch aufregen."

So konnte sich an diesem rundum desolaten Abend im Dortmunder Stadion jeder ein wenig aufregen, ein wenig spekulieren und genervt sein. Eskapismus pur. Das Spiel, die Stimmung auf den Tribünen und die Laune der meisten Spieler? Alle desolat. Das 3:0 des BVB gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten Greuther Fürth fiel um drei Tore zu hoch aus, schimpften ein paar Fans in den Foren der Dortmunder, als ob sie sich eigentlich lieber den großen Knall gewünscht hätte. Damit sie was fühlen. Nicht einmal das geschah.

Und deshalb passierten die Sachen, die eben passierten: Erling Haaland, der Erling-Haaland-Dinge machte. Die Fürther, die schimpften. Rose, der sich mit Hamann zoffte und die Tabelle, die beide Vereine in ihren wettbewerbsbefreiten Zonen beließ. Fürth hat vier Punkte, der BVB 34. Fürth wird absteigen und der BVB sich weiter rechtfertigen, nach Ausflüchten suchen und sich erneut Champions-League-Teilnehmer auf den Briefkopf schreiben. Die Show muss immer weiter gehen.

Quelle: ntv.de

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