Fußball

Was soll das? Klinsmann stürzt die Hertha ins Chaos

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Jürgens Klinsmann geht und die Frage bleibt: Was soll das?

(Foto: imago images/Bernd König)

Er tritt an, um als Trainer Hertha BSC vor dem Abstieg aus der Bundesliga zu retten. Vor allem aber, um aus dem Verein einen Großstadtklub, eine internationale Top-Kraft zu machen. Nun schmeißt Jürgen Klinsmann hin. Ein Desaster.

Er kam als Erneuerer und geht als - ja was eigentlich? Überraschend hat Jürgen Klinsmann nach nur 76 Tagen angekündigt, als Trainer von Hertha BSC zurückzutreten. Für den Fußball-Bundesligisten, den diese Entscheidung komplett unvorbereitet traf, ist das ein Desaster. Nicht nur Manager Michael Preetz und Klubpräsident Werner Gegenbauer, sondern auch und besonders die Fans und alle, die es mit der Hertha halten, dürften sich fragen: Was soll das? Es sollte doch ums große Ganze gehen.

Denn Klinsmann war nicht einfach nur Trainer. Er war und ist der Vertraute des Investors Lars Windhorst, der seit dem Sommer 2019 in zwei Tranchen 224 Millionen Euro in den Verein gepumpt hat. Natürlich wusste er, anders als die Verantwortlichen im Verein, vorher von Klinsmanns Entschluss. Und wie überall gilt auch in Berlin: Wer die Musik bezahlt, der bestimmt, was gespielt wird. Windhorst will, das hat er betont, nicht Wohltäter sein, sondern Geld verdienen. Sein Argument ist, dass nirgends die Aussicht auf eine ordentliche Rendite so gut ist wie im Profifußball. "Low hanging fruits" nannte er das im Sommer im Interview mit dem "Spiegel".

Das funktioniert aber nur, wenn der Verein nicht gegen den Abstieg spielt. Einen "Big City Club" will er aus der Hertha machen, mittelfristig auf Augenhöhe mit den ganz Großen des europäischen Fußballs. Daher schickte er Klinsmann als seinen Adlatus erst in den Aufsichtsrat und dann, nachdem Ante Covic gefeuert worden war, auf die Trainerbank. Klinsmann begründet seinen Rücktritt damit, ihm habe das Vertrauen im Klub gefehlt. Vertrauen für was? Für seine tägliche Arbeit, die im Rausch der Ambitionen zu einer elenden fußballerischen Mühsal wurde? Im Ergebnis zwar solide, in der B-Note aber katastrophal. Wie der "Tagesspiegel" berichtet, war Klinsmann durchaus daran interessiert, sein bis zum Saisonende befristetes Engagement als Trainer auszuweiten. Der Klub habe aber erst einmal abwarten wollen, ob und wie sich die Mannschaft entwickelt.

Achja, das bisschen Abstiegskampf

Damit sind wir wieder beim Präsidenten und seinem Manager. Während Klinsmann im Abstiegskampf bereits von der Qualifikation für die Europa League sprach und allein in der vorvergangenen Woche 65 Millionen Euro für drei junge Spieler ausgab, war Preetz der Mann, der die alte Hertha vertrat und als Realist versuchte, die größenwahnsinnig anmutende Euphorie zu bremsen. Das zeigt, dass nicht allen bei der Hertha geheuer war, was der Investor und sein Bevollmächtigter planten.

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Und noch planen. Klinsmann will sich nach seinem Rücktritt auf seine "ursprüngliche langfristig angelegte Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückzuziehen". Von dort aus wird er dann jene kontrollieren, denen er nicht vertraut. Ein Irrsinn. Das Tagesgeschäft sollen derweil andere verrichten. Sechs Punkte steht der Klub in der Tabelle vor dem Relegationsplatz. Beim 1:3 gegen den 1. FSV Mainz am Wochenende im wieder einmal halbleeren Olympiastadion trat die Mannschaft so hilflos an, dass Kritiker nicht zum ersten Mal fragten, was der sportliche Plan Klinsmanns und seines Co-Trainers Alexander Nouri, der nun übrigens in die Verantwortung geschickt wird, ist. Eine Antwort steht noch immer aus.

Noch fataler als der Rücktritt im Alleingang an sich ist aber das Timing. Nach einer Niederlage zum Debüt gegen Borussia Dortmund sammelte Klinsmann mit der Hertha bis zur Winterpause acht Punkte aus vier Spielen. Dass die Mannschaft dabei mit dem Fußball fremdelte, aber stabil auftrat - im Umfeld wurde das leise murmelnd geduldet. Schließlich sollte es sich bei der destruktiven Spielweise bloß um eine Blaupause auf dem Weg in den hell erleuchteten Showroom des internationalen Fußballs handeln. Das Investitionspaket in der Winterpause - ein nächstes Schmerzmittel für die äußerst gereizte "Big City"-Wunde.

Klinsmann ist seinen Weg radikal gegangen. Er hatte nicht nur vier Neue geholt - wovon zwei noch gar nicht gespielt haben. Er hat auch etablierte Spieler verprellt. Er hat sie abgegeben, degradiert oder aus der Verantwortung gezogen. Unter anderem wurde über große Unzufriedenheit beim deutschen Nationalspieler Niklas Stark, bei Kapitän Vedad Ibisevic und bei Top-Talent Arne Maier berichtet. Der "Tagesspiegel" schrieb Ende Januar, dass Herthas Team in zwei Gruppen gespalten sei. Atmosphärisch verstimmt, sportlich nicht mehr erfolgreich, fußballerisch ideenlos. Visionen? Nein, Versagen. Klinsmann geht als Gescheiterter. Und dennoch wird er bleiben. Wie soll das gehen?

Jürgen Klinsmann schmeißt nach nur 76 Tagen bei Hertha BSC als Trainer hin. Anfangs präsentiert er sich als Visionär, weckt Euphorie und entwickelt große Ambitionen. Doch die Realität heißt Abstiegskampf - und endet in einem stillosen Abgang. Auch Fettnäpfchen lässt der Kurzzeit-Coach nicht aus.

Quelle: ntv.de