Fußball

Freie Tage, dann Abstiegskampf Wo ist Klinsmanns Idee für Hertha BSC?

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Sichtbar unzufrieden, aber auch hörbar verständnisvoll: Jürgen Klinsmann.

(Foto: imago images/Bernd König)

Hertha BSC träumt von großen Taten im Weltfußball. In der Bundesliga aber droht dem Hauptstadtklub der Abstiegskampf. Anspruch und Wirklichkeit passen nicht zusammen. Auch beim Spiel gegen Mainz hakt es im Spielaufbau. Doch Trainer Jürgen Klinsmann will deswegen nicht mehr schuften.

Zwei freie Tage - die bekommen die Fußballer von Hertha BSC. Verordnet von Trainer Jürgen Klinsmann. Trotz Tabellenplatz 14. Trotz einer ideenlosen 1:3-Pleite im eigenen Stadion gegen den in der Bundesliga-Tabelle noch schlechter platzierten FSV Mainz 05 (15.). Nicht das, was die Fans des Klubs ihren Spielern in dieser Situation gönnen. Aber Klinsmann begründete die Auszeit so: "Die Jungs sollen sich die Köpfe frei machen, mit ihren Frauen ein bisschen rausgehen und das verdauen."

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Erst das Schlappen-Spiel in der Liga gegen den FC Schalke 04, dann das Pokal-Debakel in der Verlängerung, ebenfalls gegen Schalke, und der Ärger mit Schiedsrichter Harm Osmers - das alles sei "zu viel" für das Team gewesen. Auch der Rassismus gegen Verteidiger Jordan Torunarigha beschäftigte den Klub mehrere Tage, gegen Mainz gab's von der Mannschaft eine starke Solidaritätsaktion.

"Ich kann der Mannschaft keine Vorwürfe machen - sie war schwer im Kopf und auch physisch", sagte Klinsmann nach dem Spiel. Dabei analysierte er durchaus richtig: Seine Spieler hätten "kaum antizipiert, kaum die Räume und auch kaum Wege gesehen, die Stürmer zu finden", so der 55-Jährige. Ein absolut ernüchterndes Urteil.

Pleiten nur gegen Bayern und BVB

Dabei hat der Hauptstadtklub in der Winterpause etwa 80 Millionen Euro verprasst, hat Stürmer Krzysztof Piatek und Mittelfeldakteur Santiago Ascacibar verpflichtet. Und auch noch zwei Spieler, die noch gar nicht in Klinsmanns Team eingesetzt werden können: Matheus Cunha ist für die Olympiaqualifikation der brasilianischen Nationalmannschaft abgestellt und Lucas Tousart wurde umgehend bis zum Saisonende wieder an Olympique Lyon ausgeliehen.

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Piatek versucht, die Richtung des Hertha-Spiels vorzugeben.

(Foto: imago images/Camera 4)

Gegen Mainz war so gar nichts von einem weiteren spielerischen Aufschwung - nach dem zumindest über 70 Minuten ansehnlichen Pokalfight - zu sehen. Dabei hatte Klinsmann Ende 2019 davon gesprochen mit einer "kompakten Verteidigung spielen" zu wollen und erhoffte sich, "dass mehr nach vorne abgeht". Und dass er in den acht Spielen vor Mainz nur zweimal verlor - gegen Borussia Dortmund und den FC Bayern - gab dem 55-Jährigen bis zum 21. Spieltag durchaus recht.

Schwacher Spielaufbau, Defensive lässt Räume

Die Pleite im Olympiastadion aber desillusionierte: Zwar wurde das einzige Hertha-Tor später noch Dedryck Boyata zugeschrieben - doch ist es mehr als fraglich, ob der Ball ohne das Zutun des Mainzers Jeffrey Bruma überhaupt ins Tor gegangen wäre. Stattdessen: ungenaue Flanken, Pässe ins Nichts. Schwacher Spielaufbau, Zug zum Tor - nicht vorhanden. Nichts Besseres in der Defensive. Allein Dreifachtorschütze Robin Quaison überlief die Innenverteidigung von Hertha mit Nationalspieler Niklas Stark und Boyata gleich mehrfach. Zudem fand er freie Räume en masse - die Abwehr machte es den Mainzern viel zu einfach.

Nach dem überraschend engagierten Spiel im Pokal-Achtelfinale, reifte nun aber die Erkenntnis: Ein klares Spielverständnis konnten Klinsmann und seine Assistenten dem Team noch nicht einimpfen. Schon beim Amtsantritt in Berlin hatte Klinsmann betont, dass vor allem Co-Trainer Alexander Nouri für das Training verantwortlich ist. "Meine Stimme hören die Spieler oft genug", so Klinsmann. Allerdings hatte Nouri vor dem Engagement bei Hertha in 21 aufeinanderfolgenden Liga-Spielen nicht gewonnen, egal ob mit dem am Ende vollends verunsicherten FC Ingolstadt oder zuvor bei Werder Bremen.

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Wenn Hertha absteigt, bleibt Tousart weg.

(Foto: imago images/PanoramiC)

In der Hansestadt war er jedoch zumindest nach Beförderung Ende September 2016 ordentlich gestartet. Doch das hielt nicht lange an. Darüber, dass Nouris Team eklatante Probleme mit dem Spielaufbau hat, schrieb Taktikexperte Tobias Escher bereits Ende Oktober 2017 für deichstube.de. Eine Analyse, die erschreckende Parallelen zur Hertha 2020 bietet. Dabei besteht die Profimannschaft der Berliner aus Einzelspielern, deren Namen weit größeres als den Abstiegskampf bieten sollten. So aber muss Herthas einziges Ziel der Klassenerhalt bleiben. Und das, obwohl die Berliner hochtrabende Pläne dank des 224-Millionen-Investors Lars Windhorst umwehen. Der "Big City Club" ist ihnen mehr auf die Füße gefallen als Gefallen zu finden.

Neuzugang Tousart unkt schon

Tousart sprach nun bereits gegenüber der "L'Equipe" davon, womöglich doch nicht für den Klub spielen zu wollen: "Ich möchte nicht in die Details gehen, aber wenn sie wirklich absteigen, gehe ich nicht hin." Mehr Alarmsignal geht nicht. In die gleiche Richtung denkt auch Manager Michael Preetz - der vermeintliche Leidtragende der Allianz zwischen Investor Windhorst und Überraschungstrainer Klinsmann. Er hat ob der Situation bereits die "Wochen der Wahrheit" ausgerufen.

Noch ist der Klassenerhalt nicht eklatant in Gefahr. Sechs Punkte steht Hertha über dem Relegationsplatz, den derzeit Fortuna Düsseldorf belegt. Damit das so bleibt, müssen die kommenden Spiele erfolgreicher verlaufen: Es geht gegen die direkte Konkurrenz. Am kommenden Samstag beim SC Paderborn, danach gegen den 1. FC Köln, gegen Düsseldorf und Werder Bremen, bevor nach dem Spiel bei der TSG 1899 Hoffenheim das Stadtderby gegen den 1. FC Union ansteht. Aus dem Derby-Hinspiel steht noch die Schmach der 0:1-Pleite. Die Fans fordern Wiedergutmachung - und hätten dann vielleicht auch Verständnis für zwei freie Tage.

Apropos Bundesliga: Nur vier Tage nach dem Pokal-Debakel bei Werder Bremen kassiert Borussia Dortmund in der Bundesliga gegen Leverkusen den nächsten Rückschlag. Bayer dreht das Spiel dabei in der Schlussphase innerhalb von 82 Sekunden.

Quelle: ntv.de