Fußball

Bayers EL-Gegner Glasgow Rangers "Klopp-Nachfolger" kämpft auch um Anfield

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Steven Gerrard erlebt derzeit unerfreuliche Tage in Glasgow.

(Foto: imago images/Colorsport)

In der Liga liegen die Rangers abgeschlagen hinter dem Glasgower Rivalen und Serienmeister Celtic. Die Europa League, wo es gegen Bayer Leverkusen geht, ist die einzige Chance, die Saison zum Erfolg werden zu lassen. Der Druck auf Trainer-Neuling Steven Gerrard steigt.

Wenn die Rangers vor ihren Spielen in der Scottish Premiership den Rasen des charmanten Ibrox-Stadions betreten, wird über die Lautsprecher die selbstbewusste Eigenwahrnehmung kundgetan. Die Einlauf-Melodie des Glasgower Klubs ist "Simply the best" von Tina Turner. Das passt zum Status des 54-maligen schottischen Champions als Verein mit den weltweit meisten nationalen Meistertiteln überhaupt, hat mit der jüngeren Realität des Klubs aber längst nichts mehr zu tun.

Nicht einmal mehr in der eigenen Stadt sind die Rangers ja die Besten. Achtmal nacheinander hat Celtic zuletzt den Titel in Schottland geholt, in dieser Saison dürfte Titel Nummer neun in Serie folgen. Der Rückstand der Rangers auf den Glasgower Erzfeind beträgt 13 Punkte. Im Pokal hat sich die Mannschaft von Trainer Steven Gerrard gerade blamabel gegen Daniel Stendels Heart of Midlothian verabschiedet.

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Das Duell mit dem deutschen Trainer Daniel Stendel verlor die Liverpool-Ikone.

(Foto: imago images/Colorsport)

Die einzige Chance, die Spielzeit noch zum Erfolg werden zu lassen, bietet die Europa League. Zum ersten Mal seit neun Jahren stehen die Rangers wieder im Achtelfinale des Wettbewerbs, wo es an diesem Donnerstag gegen Bayer Leverkusen geht. Auf internationaler Bühne hat Gerrards Auswahl in dieser Saison einige ihrer besten Leistungen abgeliefert. Der technische, weniger körperliche Spielstil scheint den Rangers mehr zu liegen als die raue Herangehensweise im nationalen Alltag. Dort haben die Rangers zuletzt einen besorgniserregenden Form-Verlust erlitten. Noch Ende des Jahres hofften die Menschen im Umfeld des Ibrox-Stadions darauf, Celtics Meisterserie zu durchbrechen. Nach dem 2:1-Erfolg im berüchtigten Old-Firm-Derby am 29. Dezember war die Tabellenspitze – und der Machtwechsel – in Reichweite.

Resignation statt Zuversicht

Doch nach nur drei Siegen aus den jüngsten acht Ligaspielen ist die Zuversicht bei den Rangers der Resignation gewichen. Den Tiefpunkt gab es am Mittwoch vor einer Woche, als das Team im heimischen Stadion eine 0:1-Niederlage gegen den Tabellen-Vorletzten Hamilton Academical kassierte. Bei Abpfiff gab es laute Buhrufe von jenen Zuschauern, die den Ort der tristen Vorstellung nicht schon vorzeitig verlassen hatten. Gerrard saß hinterher mit trauriger Miene im schlecht ausgeleuchteten Presseraum und wusste nicht, wie er die Malaise erklären sollte.

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Steven Gerrard möchte in Liverpool gerne auf Jürgen Klopp folgen.

(Foto: imago/Focus Images)

Die Ikone des FC Liverpool arbeitet bei den Rangers zum ersten Mal als Profi-Trainer und wurde im Frühjahr 2018 mit großer Euphorie empfangen. Davon ist nur noch wenig geblieben. Gerrard hat zuletzt öffentlich die Einstellung seiner Spieler hinterfragt und nach dem Pokal-Aus bei den Hearts mit nebulösen Bemerkungen seinen Rücktritt angedroht. Zwar nahm er davon wieder Abstand und versicherte, dass er "all in" sei, doch die Fragen nach seiner Zukunft dürften sich nicht so einfach vertreiben lassen, wenn sich der fußballerische Sinkflug in der Liga fortsetzt.

Klopp will Gerrard als Nachfolger

Dabei ist Gerrard doch eigentlich angetreten, um sich für einen Job bei seiner großen Liebe zu qualifizieren. Er bekannte öffentlich, dass der Trainer-Posten in Liverpool sein "Traum" sei, und auch der aktuelle Amtsinhaber Jürgen Klopp – gerade mit einem neuen Vertrag bis 2024 ausgestattet – gab im Herbst im Gespräch mit dem Magazin "FourFourTwo" an, dass der einstige Kapitän der ideale Erbverwalter wäre. "Wenn Sie fragen, wer auf mich folgen sollte, würde ich Stevie sagen", bekannte Klopp. Doch seine Stellung als Liverpooler Heiligtum wird Gerrard nicht zur Rückkehr an die Anfield Road reichen, das weiß er selbst. Er muss sich als Trainer profilieren.

Dabei setzt er wie Klopp auf ein 4-3-3-System. Doch wenn man Gerrard am Spielfeldrand beobachtet, drängen sich elementare Unterschiede zum amtierenden Liverpool-Trainer auf. Während Klopp seine Spieler während der 90 Minuten intensiv coacht, ständig vor seiner Bank unterwegs ist und mit dem Publikum interagiert, tut Gerrard nichts davon – diese Eindrücke konnte man jedenfalls bei der Pleite gegen Hamilton vor einer Woche gewinnen. Er stand die meiste Zeit regungslos an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben. Nachdem die Rangers das entscheidende Gegentor kassiert hatten, versteckte er sich immer wieder unter dem Dach der Trainerbank. Als der Schlusspfiff erklungen war, verschwand er umgehend im Spielertunnel. Es sah aus wie eine Flucht.

Quelle: ntv.de