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RB Leipzig ringt um Königsklasse Legt die Uefa Red Bull an die Kette?

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RB Leipzig feiert in Berlin den Einzug in die Champions League - dabei muss darüber noch formell entschieden werden.

imago/Annegret Hilse

Zu RB Leipzigs sportlicher Qualifikation für die Champions League gratuliert die Uefa eilig - und muss die Glückwünsche abschwächen. Erst im Juni gibt es Klarheit, ob die Sachsen in der europäischen Königsklasse antreten dürfen.

"Mathematisch" habe sich der Fußball-Bundesligist RB Leipzig einen Platz in der Champions League gesichert, konstatiert der europäische Fußball-Verband Uefa. Sportlich gesehen steht dem ebenfalls nichts im Weg. Und trotzdem könnte der Klub bei seinem rasanten Aufstieg noch über eine große Hürden stolpern.

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Weshalb könnten RB Leipzig und Red Bull Salzburg gegen die Integritätsregeln verstoßen? Im Grunde laufen nicht RB Leipzig oder Red Bull Salzburg Gefahr, gegen die Uefa-Integritätsregeln zu verstoßen - jeder Klub für sich genommen hätte wohl keine Probleme bei der Klublizenzierung. Vielmehr ist es der mögliche Einfluss von Red Bull (inhaltlich und finanziell), der Probleme bereitet. Dabei besagen die Integritätsregeln der Uefa, dass keine Partei Einfluss auf mehr als einen Verein haben dürfe. Laut Definition im Uefa-Reglement ist ein "maßgeblicher Einfluss" einer Partie gegeben, "wenn sie mit 30 Prozent oder mehr zu den Gesamteinnahmen des Lizenznehmers während einer Berichtsperiode beitragen". Sprich: Da der Anteil in Leipzig deutlich über 30 Prozent liegt, müsste das Red-Bull-Engagement in Salzburg im geprüften Drei-Jahres-Zeitraum darunterliegen.

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Ist das gewährleistet? Offiziell ist der österreichische Getränkeriese seit März 2015 in Salzburg nur noch Sponsor, der Einfluss auf die Gremien wurde beschränkt, der Anteil des einstigen Investors am Etat soll auf unter 30 Prozent zurückgegangen sein, heißt es. Doch das ist auch maßgeblich durch Transfereinnahmen aus Leipzig geschehen. Etwa 37,8 Millionen Euro hat RB in den vergangenen Jahren nach Salzburg überwiesen - mehr als ein Drittel der gesamten Salzburger Transfereinnahmen in diesem Zeitraum.

Was sagen Experten? Fußball-Finanzexperte Ludwig Hierl sagt: "Die Transfereinnahmen, die Salzburg aus Leipzig erhalten hat, werden wohl Red Bull zugerechnet werden", schätzt der Professor von der DHBW Heilbronn ein. Dies "als Geld zu deklarieren, das nicht mittelbar auf Red Bull zurückzuführen ist, wird wohl nicht funktionieren", sagt er. Hierl hat viele europäische Klubs hinsichtlich ihrer Finanzkonstrukte und des Financial Fair Play untersucht. "Die Konzern- beziehungsweise Zahlungsstruktur und damit die Identifikation von verbundenen Parteien ist bezüglich Red Bull relativ einfach aufzudecken", sagt er. "Gerade britische Klubs sind hier deutlich kreativer in der Ausarbeitung komplexer Strukturen, bei denen solche Verflechtungen nicht mehr so einfach nachvollziehbar sind." Gut möglich also, dass die Uefa das durchschaut und das Red-Bull-Invest auch in Salzburg oberhalb der 30-Prozent-Schranke einstuft.

Wie relevant sind inhaltliche und optische Verbindungen? Zwar tritt Salzburg auf europäischer Bühne als FC Salzburg an, doch auch ohne Red Bull im Namen sehen sich die Leipziger und Salzburger Trikots und Logos zum Verwechseln ähnlich. So ähnlich, dass Salzburgs Spieler Andreas Ulmer in der Champions-League-Qualifikation gegen den FK Liepaja mit einem Leipziger Trikot auflief. Und nachdem der Transfer von Defensivallrounder Bernardo nach Leipzig bereits bestätigt war, hatte Rangnick zur Ablösesumme gesagt: "Das wird sicherlich noch zu besprechen sein, aber sicherlich nicht in den Dimensionen, in denen wir uns bei anderen Spielern in der Bundesliga befinden." Transfers auf kurzem Dienstweg. Zudem soll es laut dem österreichischen "Kurier" nach wie vor Mitarbeiter geben, die für beide Klubs zuständig sind; auch die Drähte zwischen beiden Klubs beim Nachwuchsscouting sind eng.

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Da ist etwas falsch: Andreas Ulmen von Salzburg trägt versehentlich ein Leipziger Trikot.

(Foto: imago/Eibner Europa)

Gibt es Probleme beim Financial Fair Play (FFP)?
Auch hier könnten Beanstandungen drohen. Generell, schätzt Hierl ein, seien die zugänglichen Bilanzen von RBL für die Jahre 2014 und 2015 zwar "für ein Quasi-Start-up hervorragend", sagt der Experte für Rechnungswesen. "Der einzige Angriffspunkt hinsichtlich der Financial-Fairplay-Regularien ist die Marktüblichkeit der Sponsoringbeziehung zwischen Red Bull und RB Leipzig."

Zwar ist die genaue Höhe der Sponsoringzahlungen von Red Bull an RB Leipzig nicht bekannt. Doch laut Schätzungen eines Experten, der selbst jahrelang die Geschäfte eines Fußball-Bundesligisten geführt hat, habe sich der Getränkegigant aus Österreich das Hauptsponsoring bei Rasenballsport bereits in der 2. Liga etwa 50 Millionen Euro kosten lassen - etwa das Achtfache dessen, was selbst bei den finanzstärksten Zweitligisten üblich ist, sagt der Experte. Sprich: Durch überhöhte Sponsoring-Zahlungen könnte Red Bull negative Jahresbilanzen vermieden haben. Finanzexperte Hierl hält es für "denkbar, dass die Uefa hier Korrekturen auf einen marktüblichen Wert durchführen könnte". Falls der Verband Teile des Red-Bull-Sponsorings nicht anerkennt, könnte laut Hierl durchaus ein Minus entstehen, das "die zulässige Verlustobergrenze von 30 Millionen Euro für den dreijährigen Bewertungszeitraum übersteigt". Ein möglicher Verstoß gegen die sogenannte Break-Even-Regelung.

Was sagen die Verbände dazu? Beim Glückwunsch-Tweet war die Uefa schnell. Wer dieser Tage jedoch bei den Verbänden Auskunft zum Stand der Klublizenzierung für die kommende Saison einholen möchte, trifft auf beredtes Schweigen. Die Uefa flüchtet sich in allgemeine Hinweise auf das Lizenzierungsreglement und verweist auf die Deutsche Fußball-Liga (DFL). Der deutsche Ligaverband, der die Unterlagen der qualifizierten Klubs in die Uefa-Zentrale ins schweizerische Nyon weiterleitet, windet sich ebenso um eine konkrete Stellungnahme zum internationalen Lizenzierungsprozess herum. Ein DFL-Sprecher sagte auf Anfrage, das würde nur den Eindruck erwecken, als beschäftige man sich in Frankfurt aktuell mit der Causa RB Leipzig. Und der soll offenbar tunlichst vermieden werden.

Und die Vereine? RB Leipzigs Sportdirektor Rangnick macht sich im ZDF "überhaupt keine Sorgen". Und auch Geschäftsführer Oliver Mintzlaff betonte in den vergangenen Monaten immer wieder, dass RB seine Hausaufgaben gemacht habe. "In den vergangenen zwei Jahren hat ein Entflechtungsprozess stattgefunden. Mit dem Wissen, dass man irgendwann europäisch spielen wird, hat man sich dazu entschließen müssen, dass man beide Vereine unabhängig voneinander aufstellt. Ich sehe da keine Probleme auf uns zukommen", hatte er nach der Mitgliederversammlung Ende März gesagt. Und auch was mögliche zu hohe Sponsoringzahlungen angeht, sei Rasenballsport entspannt. "Nicht nur Red Bull, sondern auch alle anderen Partner haben für ihr Investment einen mehr als angemessenen Gegenwert zurückbekommen - insbesondere in den vergangenen drei Jahren", sagt Mintzlaff auf Anfrage. "Auch was das Thema Financial Fair Play angeht, sind wir ziemlich relaxed." Und: "Ich bin ein Befürworter der Financial-Fair-Play-Regelung - nicht nur, weil wir uns daran halten, sondern weil sie für den europäischen Fußball wichtig ist. Deswegen bin ich froh, dass sich bei uns alles in einem vernünftigen Rahmen bewegt." Red Bull Salzburg wollte keine Stellungnahme abgeben.

Fazit: Drohen Sanktionen? Wie konsequent mögliche Verstöße untersucht und geahndet würden und welche Strafen sie tatsächlich nach sich zögen, ist völlig unklar. Zwar führt die Uefa neun Sanktionen von Ermahnung über Geldstrafen und Begrenzung des Spielerkaders bis zum Ausschluss aus dem Wettbewerb auf. Doch Experte Hierl kritisiert, dass die Regelungen der Verbände für die Lizenzierung der Klubs "höchst intransparent" seien. "Anders als etwa beim Bußgeldkatalog in der Straßenverkehrsordnung ist bei der Uefa und der DFL nicht eindeutig geregelt, wann welches Strafmaß anzuwenden ist. So obliegt es auch einer subjektiven Bewertung, ob einem Klub die Teilnahme an der Champions League verwehrt oder nur eine Ermahnung ausgesprochen wird", bemängelt Hierl. "Es wäre wünschenswert, diesen Prozess transparenter zu gestalten." Möglich ist, dass der Verband in Nyon Auflagen und Nachforderungen verhängt, um beide Vereine glaubhaft voneinander beziehungsweise von Geldgeber Red Bull zu trennen - inhaltlich und optisch. Ein Ausschluss/Nichtantritt eines der beiden Vereine ist höchst unwahrscheinlich.

Quelle: n-tv.de

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