Fußball

Unverzichtbar für Löws Umbruch Marco Reus - Krampflöser der DFB-Elf

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Mit seiner Hereinnahme erhielt das Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Serbien deutlich mehr Struktur. Für den Umbruch des Teams ist Marco Reus ein unverzichtbar Bestandteil.

(Foto: imago images / Bernd König)

Die erste Halbzeit im Testspiel gegen Serbien fahrig, die zweite Hälfte dynamisch und zielstrebig: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft deutet in Wolfsburg 45 Minuten an, wie die "neue Zeitrechnung" aussehen soll. Sie zeigt aber auch: Marco Reus sollte besser fit bleiben.

Die Gefahr einer Peinlichkeit dürfte Bundestrainer Joachim Löw für sich als eher gering ausgemacht haben. Zwar war es dem "Fan Club Nationalmannschaft" augenscheinlich ein wichtiges Bedürfnis, sich von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller mit einer großflächigen Choreografie zu verabschieden. Aber auf die Idee, einen der drei DFB-(Un)-Ruheständler zum "Nationalspieler des Jahres 2018" zu küren, soweit würde es an diesem Mittwochabend in Wolfsburg eher nicht kommen. Zu dieser Wahl hatte der "Fan Club" bereits vor einiger Zeit aufgerufen, zur Ehrung wurde nun vor dem Testspiel gegen Serbien (1:1) gebeten. Geehrt wurde: Marco Reus. Selbstverständlich ein ausgezeichneter Auszuzeichnender, aber eben auch einer der nur ganz wenigen Gewinner des DFB-Horrorjahres.

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Danke Mats, danke Jérôme, danke Thomas - der "Fan Club Nationalmannschaft" verabschiedet drei 2014er-Weltmeister.

(Foto: imago images / regios24)

Es war der erste Auftritt von Deutschlands besten Fußballern nach dem 2018er-Trauma, dem schlechtesten der Verbandsgeschichte. Es war auch der erste Auftritt von Deutschlands besten Fußballern ohne drei der besten deutschen Fußballer der letzten Dekade - ohne eben Hummels, Boateng und Müller. Die drei 2014er-Weltmeister des FC Bayern hält Löw mittlerweile für verzichtbar. Den Wiederaufbau der Nationalmannschaft stellt er lieber auf andere Füße, auf jüngere. Überwiegend zumindest. Sein größter Hoffnungsträger heißt allerdings Marco Reus, 29, damit noch so alt wie Müller und bald, ab dem 31. Mai nämlich, auch so alt wie Hummels und Boateng - nämlich 30.

So uneinig die unfreiwillige DFB-Rente der Münchener diskutiert wurde, so einig sind sich die Fans mit Löw bei der Beantwortung der Frage, wem sie die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft verantworten wollen. Trotz seines akut ausbootungsgefährdeten Alters steht der Kapitän von Borussia Dortmund für all das, was sich der Bundestrainer für die "neue Zeitrechnung" zurechtgelegt hat: Tempo, Dynamik, Zielstrebigkeit. Und er steht dafür derzeit mehr als jeder andere Spieler der DFB-Elf. Diese Erkenntnis hat das Spiel, hat die zweite Halbzeit gegen Serbien noch einmal wuchtig zementiert.

Mit Reus kommt Mut, mit Reus kommt Struktur

Entgegen seiner Ankündigung auf Experimente verzichten zu wollen und mit dem Spiel gegen Serbien alles auf den EM-Qualifikationsauftakt gegen die Niederlande am Sonntag in Amsterdam (20.45 Uhr bei RTL und im ntv.de-Liveticker) auszurichten, überraschte der Bundestrainer mit seiner Aufstellung: Er verzichtete neben den mutmaßlich in den wichtigen Spielen gesetzten Verteidigern Matthias Ginter und Antonio Rüdiger auch auf Toni Kroos und eben auf Reus. Er wolle, so hatte Löw erklärt, mal sehen, "wie die neuformierte Mannschaft sich verhält." Die Erkenntnis: Sie war bemüht, verhielt sich aber fahrig und orientierungslos. Statt Dynamik gab's Durcheinander, statt Zielstrebigkeit Zauderei. Der Umbruch - eine zähe Angelegenheit. Eine Geduldssache, die das Publikum aber nicht unbedingt zu unterstützen bereit ist.

Doch dann kam Reus. Und mit ihm kam Struktur, Leidenschaft, Vehemenz. Plötzlich wirkte jeder deutsche Angriff potenziell gefährlich. Löw sah nun das, was er schon zuvor hatte sehen wollen: "Wir haben mit mehr Tempo gespielt, waren in den gefährlichen Räumen viel präsenter, sind mit mehr Spielern in die Tiefe gestoßen. Das hat unsere Gefährlichkeit immens erhöht." Reus entkrampfte die Offensive, die nun vom stolzen Überraschungskapitän Ilkay Gündogan aus dem Mittelfeld vehement angeschoben wurde. Im wilden Rhythmus schwappten die von Reus und dem immer stärker werdenden Leroy Sané inszenierten und in kaum noch zu bändigender Rotation vorgetragenen Angriffe in den serbischen Strafraum.

Dass daraus aber nur ein Treffer, der vom BVB-Kapitän vorbereitete Ausgleich durch Leon Goretzka (69.) resultierte, fuchste den Krampflöser: "Das war zu wenig, wir sind immer noch Deutschland!" Er mahnte Richtung Sonntag, Richtung Niederlande, eine "bessere Körpersprache" an und mehr "Gier". Denn dann "sind wir eine richtig gute Mannschaft und ich bin mir sicher, dass wir das Spiel gewinnen können." Diese Gier, die hatte ihm wohl bei den gegen Serbien schüchtern spielenden Leverkusenern Julian Brandt und Kai Havertz gefehlt.

Gerade einmal 38 Länderspiele seit 2011

Reus will der Nationalmannschaft helfen. Als Führungsspieler. Endlich. Seit 2011, als er am 7. Oktober in der Türk Telekom Arena in der 90. Minute für seinen Kumpel Mario Götze eingewechselt wurde und debütierte, hat er gerade einmal 38 Länderspiele absolviert. Eins weniger als Joshua Kimmich, der noch nicht einmal drei volle Jahre für die DFB-Elf spielt. Immer wieder wurde Reus durch Verletzungen zurückgeworfen, die WM 2014 verpasste er. Die EM 2016 auch. 26 ewig lange Monate machte er kein Spiel für Deutschland, ehe Löw ihn im vergangenen Jahr noch spontan in den WM-Kader für Russland berief. "Ich will Verantwortung übernehmen. Das passiert zwangsläufig, weil ich in Dortmund Kapitän bin", sagt Reus: "Natürlich bin ich bereit, die vielen jungen Spieler zu führen." Eine aus dem Verein in dieser Saison sehr vertraute Rolle.

"Marco hat uns leider wahnsinnig häufig gefehlt", sagt Löw. "Wenn man seine Qualitäten und seine Klasse als Maßstab nimmt, hätten wir ihn in vielen Spielen gebrauchen können." So nun auch in Amsterdam. Der "Marco", so sieht's der Bundestrainer, "der will immer den Ball, egal bei welchem Spielstand." Der 29-Jährige kenne keine Nervosität. Eine unverzichtbare Qualität für eine neu formierte Mannschaft, der nun der schwierige Spagat zwischen Umbruch, Ergebnispflicht, Vertrauen und Begeisterung gelingen muss. Reus übernimmt so eben zwangsläufig eine Führungsrolle. Auf dem Platz und mittlerweile auch als meinungsstarker Gesprächspartner in der Öffentlichkeit - ob beim Thema Fußball, oder auch beim in Wolfsburg mal wieder aufkommenden Thema Rassismus.

In der durch Löws neue Radikalität zerstörten Team-Hierarchie ist er der logische Leader. Mehr noch als der nicht mehr unumstrittene Manuel Neuer, mehr noch als der emotionskühle Toni Kroos, und bislang auch noch mehr als der unerschütterliche Kimmich. Mit 29 Jahren ist Reus die Zukunft. Ein womöglich ausgezeichneter Auszuzeichnender nach einem starken Länderspieljahr 2019. Dann womöglich ein echter Gewinner unter Gewinnern.

Quelle: n-tv.de

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