Fußball

DFB-Elf testet ernsthaft Umbruch Das große Risiko ohne die (Un-) Ruheständler

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Bundestrainer Joachim Löw stellt den Umbruch auf die Probe.

(Foto: imago images / regios24)

Besser wäre, wenn's nicht schief geht: Nach dem Katastrophenjahr 2018 startet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nun gegen Serbien den tiefgreifenden Umbruch. Joachim Löw muss sich beweisen, für die junge DFB-Elf geht's um nationale Nervenberuhigung.

Worum geht's?

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Müssen sich an neue Mitspieler gewöhnen: Die 2014er-Weltmeister Kroos (l.) und Ginter (2.v.r.).

(Foto: imago images / Eibner)

Womöglich geht es in Wolfsburg an diesem Donnerstagabend um 22.33 Uhr (geschätzte Angabe), wenn der Schotte Bobby Madden seinen letzten Pfiff getan hat, nicht um Hummelsboatengmüller. Für den neuerdings rigorosen Bundestrainer Joachim Löw und seine Fußballer der mittlerweile von fast allen 2014er-Weltmeistern - nur Manuel Neuer, Toni Kroos und Matthias Ginter sind aktuell noch dabei - entkernten deutschen Nationalmannschaft wäre das die beste Nachricht. Denn dann wäre Folgendes passiert: Die umbrechende DFB-Elf hätte ein ziemlich gutes Testspiel gegen zuletzt sehr gute Serben abgeliefert, mutmaßlich hätte sie sogar gewonnen. Sie hätte die erste sportliche Therapie-Doppelstunde zur Bewältigung des 2018er-Traumas genutzt, um sich und ihrem angespannten Umfeld Mut zu machen, Hoffnung zu geben und Vertrauen zu schöpfen, dass der deutsche Fußball international doch konkurrenzfähig ist.

Wie ist die Ausgangslage?

Ausgerechnet Jürgen Klinsmann, Ex-Löw-Chef, Immer-noch-Löw-Freund und nun RTL-Experte (Premiere heute Abend um 20.45 Uhr bei, natürlich, RTL und im Liveticker bei n-tv.de) wähnt den deutschen Fußball am Boden und den "Jogi" auf einem "Pulverfass". Das ist sehr wortgewaltig, damit vermutlich scho au gut für seine Rolle als TV-Analyst. Ernstlich widersprechen mag im vermutlich eh keiner. Zu gewaltig ist die Indizienkette aus WM-Fiasko, Nations-League-Abstieg und Europapokal-Debakel. Außer natürlich für Eintracht Frankfurt. Aber da spielen ja auch drei Serben, haha.

Wie ist deutsche Mannschaft drauf?

Die Lage ist aufgeregt - vor allem durch den von Löw herbeigeführten (Un)-Ruhestand der Nationalmannschaftsinstitutionen Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller. Zu diesem Thema ist aber nun wirklich alles gesagt, das hat selbst Bayern-Präsident Uli Hoeneß eingesehen und seine inszenierte Kommentarankündigung mittlerweile zu einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Bundestrainer verzwergt. Nun also Umbruch. Endlich und richtig. Mit den bereits im vergangenen Herbst etablierten Helfern um Leroy Sané, Kai Havertz, Thilo Kehrer und Nico Schulz sowie nun den Umbruchdebütanten Niklas Stark (Hertha BSC, Abwehr), Lukas Klostermann (RB Leipzig, Abwehr) und Maximilian Eggestein (SV Werder Bremen, Mittelfeld). Für Löw beginnt eine "neue Zeitrechnung" (ob er das Wort Umbruch nicht mag?). Die war "alternativlos" und ist behaftet mit einem "gewissen Risiko", aber auch mit einem "großen Vertrauen in die Mannschaft". Ihm ist völlig klar, "dass man als Nationaltrainer liefern muss und von der Art und Weise und den Ergebnissen abhängig ist: Das weiß ich seit 14 Jahren, mit dem Druck kann ich sehr gut Leben. Mein Anspruch an mich selbst ist hoch."

Im Warm-up für den wichtigen Auftakt in der EM-Qualifikation am Sonntag in Amsterdam gegen die Niederlande - gegen also jene Mannschaft die im vergangenen Herbst maßgeblich verantwortlich für alle neue Umbrüche und Zeitrechnungen in der DFB-Elf war - wird Löw auf große Experimente (der Umbruch ist da Experiment genug) verzichten. Fest steht: Niklas Süle ist neuer Abwehrchef, Joshua Kimmich bleibt zukünftig auf der "Sechs". In der Offensive sind Leroy Sané, Marco Reus und Timo Werner die zentralen Rollen zugedacht. Der Kampf um den Platz im Tor zwischen Neuer und Marc-André ter Stegen ist offen. "Alles ist ausgerichtet auf das Spiel gegen die Niederlande. Die Serben haben eine ähnliche Spielweise, ähnliche Automatismen. Das kommt uns entgegen." Eines sei aber klar, betonte Löw: Man wolle sich durch die Quali "nicht so durchwurschteln", sondern "mehr Tempo, Dynamik und Zielstrebigkeit" zeigen. Die Spielweise soll am Ballbesitzfußball orientiert bleiben. "Er ist nicht tot", so Löw. "Was aber besser werden muss, ist das Verteidigen nach Ballverlusten."

Wie läuft's beim Gegner?

Luka Jovic ist Serbe. Er spielt bei Eintracht Frankfurt. Er hat in dieser Saison in 36 Pflichtspielen 22 Tore geschossen und sieben vorbereitet. Das ist super. Sogar super, super. Weswegen natürlich auch der katalanische Superlativ Josep Guardiola neugierig geworden sein soll und sich den 21-Jährigen als super Verstärkung für seine Premiumoffensive bei Manchester City vorstellen könne. Guardiola hinterlegt derweil die Visitenkarte seines Klubs in einem elitären Bieterzirkel. Auch der FC Barcelona, der FC Bayern und der FC Chelsea wurden von den Leistungen des Stürmers aufgeschreckt. Kaum vorstellbar, dass dieser Jovic indes erst 14 Minuten für sein Land gespielt hat - verteilt auf drei Begegnungen, ausgebremst von Stammkraft Aleksander Mitrovic. Der Stürmer des FC Fulham fehlt aber nun verletzt. Gut für Jovic: "Ich wurde bisher noch nicht so oft nominiert, da hat das Spiel natürlich einen hohen Stellenwert. Ich will mein Land bestmöglich vertreten. Deutschland ist der Favorit. Aber wir wollen beweisen, dass wir Qualität haben." Tatsächlich ist die bei Serben reichlich vorhanden, wenn auch durch Verletzungen vorübergehend außer Dienst gestellt. So fehlen unter anderem Aleksandar Kolarov (AS Rom), Nemanja Matic (Manchester United), Ljubomir Fejsa (Benfica Lissabon) und Jovics Frankfurter Teamkollege Filip Kostic. Fraglich ist auch der Einsatz von Ajax Amsterdams Dusan Tadic, der sich als nun schon 30-Jähriger gerade mit überragenden Leistungen in der Champions League in ganz Europa interessant macht.

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Luka Jovic hat tatsächlich erst 14 Nationalmannschaftsminuten auf dem Buckel.

(Foto: imago images / Aleksandar Djorovic)

Es sind jedoch nicht nur Verletzungen, die den serbischen Kader dezimieren, hinzu kommen auch persönliche Animositäten. Trainer Mladen Kristajic muss einige Konflikte in den Griff bekommen. Der 45-Jährige liegt unter anderem mit Luka Milivojevic (Crystal Palace) über Kreuz, der zwar einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Premier League ist, aber von Krstajic nicht mehr berufen wird. Auch das Verhältnis des Nationaltrainers zu Jovics Frankfurter Teamkollegen Mijat Gacinovic sowie dem Schalker Matja Nastasic soll nicht das Beste sein. Zudem bekommt Marko Grujic keine Chance im Nationalteam, obwohl er bei Hertha BSC groß aufspielt. Dem "Spiegel" zufolge soll sich die Leihgabe des FC Liverpool geweigert haben, für die U21 anzutreten - und bekommt dafür jetzt die Retourkutsche.

Sei's drum, seit sechs Spielen sind die Serben, die bei der WM in Russland ebenfalls schon in der Vorrunde ausgeschieden waren (Gegner waren Brasilien, die Schweiz und Costa Rica), nun ungeschlagen, während Deutschland nur zwei der letzten sechs Partien gewonnen hat. Krstajic sieht's aber so: "Natürlich hätte ich gegen die Deutschen gern ein 5:0 für uns. Aber es hat meine Überzeugung nicht erschüttert, wie sie zuletzt bei der WM und in der Nations League gespielt haben. Deutschland ist am gefährlichsten, wenn es scheinbar anfällig ist."

War sonst noch was?

So könnten sie spielen

Deutschland: Neuer - Ginter, Süle, Rüdiger - Kehrer, Kimmich, Goretzka, Kroos - Brandt, Werner, Sané

Serbien: Dmitrovic - Rukavina, Milenkovic, Veljkovic, Bogosavac - Maksimovic, Matic - Tadic, Milinkovic-Savic, Kostic - Mitrovic

Schiedsrichter: Madden (Schottland)

Aber ja! Der derzeit im Unglücklicheformulierungenwählen geübte DFB-Präsident Reinhard Grindel hat wieder eine unglückliche Formulierung gewählt. Über Hummelsboatengmüller sagte er am Sonntagabend in der Sendung "Blickpunkt Sport" des Bayerischen Fernsehens: "Ich würde vorschlagen, dass sich mal alles setzt. Und wenn dann sich die Situation ergibt, dass die Spieler von uns verabschiedet werden möchten, dann werden wir das in einer angemessenen Form tun."

Nun denken Sie mal eine Sekunde drüber nach, wie so etwas ankommt, wenn Ihr Arbeitgeber gerade erst gesagt hat, dass er ohne Sie plant ... Sehen'se!

Quelle: n-tv.de

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