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Chancenwucher und Wackelabwehr Löw ist zufrieden, die Spieler sind es nicht

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Bundestrainer Joachim Löw war vor allem von der zweiten Halbzeit überzeugt.

(Foto: picture alliance/dpa)

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Der Kickstart in den Neustart war es nicht. Aber mit einer mutigen Leistung in der zweiten Halbzeit des Testspiels gegen Serbien erspielt sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Vertrauen für den Umbruch. Ein Kernproblem aber bleibt ungelöst.

Leroy Sané hatte die Zuschauer in Wolfsburg versöhnt. Mit seinen Dribblings über die linke Seite. Mit seinen Dribblings über die rechte Seite. Mit seiner Dynamik, mit seinem Mut, mit seiner Unverwüstlichkeit gegen selbst härteste Bedrängnis. Und selbst zwei eher klägliche Torabschlüsse per Kopf (65.) und per Fuß (73.) nahmen die meisten der 26.101 Menschen in der ausverkauften Arena zunehmend als befreiendes Indiz dafür hin, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sich aus der Lethargie des Trauma-Jahres 2018 befreien will. Sie, die beiden Chancen, waren schließlich engagiert und kreativ vorbereitet worden.

Und als nun dieser Leroy Sané in der Nachspielzeit des Testduells gegen Serbien von dem Serben Milan Pavkov so rustikal am Sprunggelenk bearbeitet worden war, dass neben Rot (für Pavkov) kurzfristig die Sportinvalidität (bei Sané) Thema zu werden schien, da waren deutsche Fans und deutsche Mannschaft wieder ein "wir". Vergessen die bizarre Stille der ersten 45 Minuten, die unversöhnlichen Pfiffe zur Halbzeit. Egal das Ergebnis von 1:1.

Von Ergebnissen, das hatte Bundestrainer Joachim Löw vor dem Wiedergutmachungsjahr 2019 noch einmal für sich versichert, sei man aber halt auch abhängig. Ebenso wie von der Art und Weise. Und die bewertete der Coach für sich grundsätzlich positiv: "In der ersten Halbzeit war es nicht einfach für uns. Nach dem Rückstand hat man gemerkt, dass manche Automatismen noch nicht vorhanden waren. In der zweiten Hälfte haben wir das Spiel bestimmt, uns viele Chancen erarbeitet und druckvoll nach vorne gespielt. Das war, was die Mentalität betrifft, ein sehr gutes, deutliches Signal. Da war ich absolut zufrieden. Wir hätten gewinnen müssen."

So aber endete diese wilde Spiel eben remis, weil einzig Leon Goretzka (69.) an diesem Mittwochabend einen erfolgreichen Konter auf die frühe Führung der Serben durch Frankfurts Luka Jović (12.) setzte. Frustrierend, weil unnötig. Ein ungelöstes Kernproblem.

Löw überraschte mit Aufstellung

"Ich denke, es war zu wenig, wenn man sich anguckt, wie viele Chancen wir hatten. Da muss man mehr draus machen", haderte Bayerns Goretzka, der dem Spiel der DFB-Elf nach seiner Einwechslung für Julian Brandt (56.) deutlich mehr Struktur gab. Auch der erst zur Halbzeit gekommene Marco Reus war mit Aufwand und Ertrag des Spiels nicht einverstanden: "Ein Unentschieden gegen Serbien ist für uns zu wenig. Wir wissen, dass wir viel zu verbessern haben." Noch kritischer wurde Sané: "Wir hatten ein paar gute Ansätze, aber da muss mehr kommen." Von sich selbst auch? Nicht zwingend: "Mit mir bin ich ganz zufrieden."

Entgegen seiner Ankündigung, auf Experimente verzichten zu wollen und alles auf den so wichtigen Auftakt in die EM-Qualifikation am Sonntag in Amsterdam gegen die Niederlande (ab 20.45 Uhr bei RTL und im ntv.de Liveticker) auszurichten, überraschte Löw mit seiner Aufstellung. An der Seite des neuen Abwehrchefs Niklas Süle verteidigte der Leverkusener Jonathan Tah in der Zentrale, die Außen der Viererkette besetzten die Leipziger Marcel Halstenberg (links) und Debütant Lukas Klostermann (rechts).

Im zentralen Mittelfeld ersetzte Ilkay Gündogan, der zur Halbzeit die Kapitänsbinde von Manuel Neuer "voller Stolz und Respekt" übernahm und damit die Erdogan-Foto-Affäre offenbar endgültig hinter sich gelassen hat, den geschonten Toni Kroos. "Ich wollte den jungen Spielern die Möglichkeit geben, zu zeigen, was sie können", erklärte sich Löw. "Was Reus, Kroos oder Antonio Rüdiger können, weiß ich. Ich wollte Erkenntnisse, wie die neuformierte Mannschaft sich verhält."

Es sind Erkenntnisse, die dem Trainer so nicht zwingend gefallen haben werden. Vor allem die von ihm selbst um Mats Hummels und Jérôme Boateng erleichterte Defensivzentrale hatte große Probleme in ihrer Abstimmung und im Stellungsspiel gegen die schnellen Umschaltmomente der Serben. Ausgerechnet das hatte Löw zuvor intensiv angemahnt. Zwei Top-Gelegenheiten zum 2:0 ließ die erst starke, in der zweiten Halbzeit stark abbauende Mannschaft von Trainer Mladen Krstajic liegen. Einmal verteidigte Klostermann in höchster Gefahr spektakulär (25.) gegen Jović, ein anderes Mal vergab Adem Ljajić kläglich (41.).

"Wir hatten mehr Dynamik"

Aber auch der fast aberwitzige Chancenwucher von Reus (59./67.), Sané (64./73.), Gündogan (65.) und des unauffälligen Timo Werner (22./37.) hätten fast zu einem unangenehmen Fehlstart in die von Löw ausgerufene "neue Zeitrechnung" geführt. So aber gab es vorerst Milde vom Chef. Auch weil die Mannschaft in der zweiten Halbzeit mit Tempo gespielt hat, in den gefährlichen Räumen präsenter war und mehr Spieler auf anarchische Weise in die Tiefe gestoßen sind. "Das hat unsere Gefährlichkeit immens erhöht", lobte Löw. "Wir hatten mehr Dynamik. Es geht aber dann auch um Konsequenz in unseren Aktionen, auch beim Verteidigen. Das müssen wir ansprechen und trainieren, so gut man das simulieren kann."

Der Bundestrainer kündigte dann auch an, bis Sonntag intensive Diskussionen führen zu wollen - individuell mit den Spielern, aber auch im Mannschaftskreis. "Erst werden wir das Spiel unter die Lupe nehmen, ab Freitag beginnt schon die Vorbereitung. Das heißt dann auch: Situationen aufzeigen. Was können wir besser machen? Wo waren die Fehler? Daran müssen wir arbeiten", sagte Löw. "Die Serben sind sicherlich von den Einzelspielern her eine gute Mannschaft. Holland hat vielleicht mehr Tempo, Klasse und Qualität. Das ist schon ein anderer Prüfstein für uns." Und ohne die erfahrenen Spieler wird es in den Niederlanden kaum für ein gutes Ergebnis reichen. Zumindest diese Erkenntnis hat Löw nun schon gewonnen.

Quelle: n-tv.de

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