Fußball

Warum Deutschland Hollands K.o. feiert Mats grinst, Rijkaard rotzt, Koeman wischt

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Ein Sinnbild der ausgeprägten Rivalität zwischen Deutschland und den Niederlanden; Das Duell zwischen Rudi Völler (l.) und Frank Rijkaard bei der WM 1990.

Es gibt Leute, die am Ausscheiden der Niederlande in der EM-Quali auch Positives finden können: Im Fußball sei Oranje immer noch besser als Kasachstan und Lettland. Was wie Trost klingen soll, ist höchster Spott in bitterböser Tradition.

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Wer glaubte die früher bis zum Hass ausgelebte Fußball-Rivalität zwischen Deutschland und den Niederlanden sei mittlerweile etwas abgekühlt, der irrt. Als Josef Sural am Dienstagabend in der 35. Minute seinen Gegenspieler Virgil van Dijk narrt und dann auch noch Keeper Jeroen Zoet düpiert, läuft der Twitter-Kanal #NEDCZE so richtig heiß. Hohn und Spott ergießen sich über die Niederländer, die nun mit 0:2 gegen die Tschechen zurückliegen. "Ich habe gesunde Süßigkeiten" gegoogelt und war frustriert. Dann habe ich die Holländer gesehen und es ging wieder", schreibt eine Userin. Ein anderer lästert über das naive Abwehrverhalten der Elftal: "Die Abwehr ist so stabil und fest wie Vla im Tetrapack."

Am Ende verlieren die Niederländer mit 2:3 gegen die Tschechen und verpassen die EM 2016 in Frankreich. Auch dafür gibt's bei Twitter ordentlich Häme: "Viele Vorreservierungen auf französischen Campingplätzen für Sommer 2016 verfallen gerade." Und viele deutsche Medien bedienen sich in ihren Überschriften über den frühzeitigen EM-K.o. des Nachbarn des Helmut-von-Mallorca-Klassikers: "Ohne Holland fahr'n wir zur EM (im Original: WM)".

Wie Niederlagen glücklich machen

Nun mag es sein, dass Schadenfreude ein natürlicher Reflex ist, wenn es eine große Fußball-Nation erwischt. Denn auch als sich England im Jahr 2008 nicht für die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz qualifiziert, wurde in Deutschland - und nicht nur hier - fröhlich geunkt. Doch kaum eine Nation löst in ihrem Scheitern bei den Fußball-Fans hierzulande ein so kollektives Glücksgefühl aus wie die Niederlande. Doch woher stammt diese Biestigkeit, die übrigens, das sei hier auch erwähnt, von beiden Lagern gleichermaßen gelebt und geliebt wird?

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Gepflegt wird die innige Rivalität spätestens seit 1974. Im WM-Finale von München kommt es zum Aufeinandertreffen der Nachbarn. Die Niederländer um Johan Cruyff gehen mit ihrem praktizierten "Voetbal total" als Favorit in das Endspiel, doch sie verlieren 1:2. "München 74" wird zum niederländischen Trauma. Dem größten seit der deutschen Besatzungszeit von 1940 bis 1945. Und während die Deutschen feiern, wittern die Unterlegenen eine Verschwörung. Nicht nur eine angebliche Schwalbe von Bernd Hölzenbein, die das 1:1 per Elfmeter durch Paul Breitner nach sich zog, sei schuld gewesen, sondern auch die "Hiltruper Mädchen." Nur wenige Tage vor dem Finale hatten mehrere weibliche Fans das Trainingslager der "Elftal" in Münster besucht. Es wurden vielsagende Fotos geschossen, Cruyffs Frau sah die Bilder und machte ihren Johan in der Nacht vor dem Finale so richtig rund.

"Wir fressen sie auf"

Es dauerte dann schließlich 14 Jahre, bis sich beide Teams erneut in einem K.o.-Spiel wiedertrafen. Und schon vor dem Halbfinale am 21. Juni 1988 schürten die Niederländer den Hass. "Wir fressen sie auf", wütete Oranje-Chef Ruud Gullit. Die Niederländer gewannen und verloren im Siegesrausch ihre guten Manieren. Abwehrspieler Ronald Koeman wischte sich am gerade mit Olaf Thon getauschten Trikot demonstrativ den Hintern ab. In der Kabine gibt's Schmähgesänge, als Franz Beckenbauer zum Gratulieren vorbeikommt. In der Heimat, so heißt es in einem Bericht der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" kommt es zur größten Massenkundgebung seit der Befreiung von den Nazis. Die Zeitung "de Telegraaf" schreibt: "Endlich Rache!"

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Ronald Koeman vergisst seine guten Manieren...

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Noch unter dem Eindruck von 1988 kommt es nur zwei Jahre später im WM-Achtelfinale zum wohl skandalträchtigsten Spiel zwischen beiden Nationen. „Wir waren wie ein bisschen wie Kain und Abel, Brüder die sich gegenseitig fertigmachen“, sagte Hans van Breukelen, der sowohl '88 als auch '90 das Tor der Niederländer hütete. Und es dauerte gerade einmal 22 Minuten, bis der "Hass" durchbrach. Gleich zweimal rotzt Frank Rijkaard in die Haarpracht von Rudi Völler. Beide Spieler fliegen mit Rot vom Platz. Am Ende eines mitreißenden Spiels setzt sich Deutschland 2:1 durch Tore von Jürgen Klinsmann und Andreas Brehme durch - und wird am Ende Weltmeister.

"Krieg gibt es keinen mehr", aber...

Nach dem bislang letzten K.o.-Rundenduell flaut die Rivalität zumindest auf dem Feld ab. Die Akteure gehen auch verbal friedlicher miteinander um. So bekannte Jerome Boateng im November 2011 vor einem Freundschaftsspiel gegen die "Elftal": "Krieg gibt es keinen mehr, ich habe da eher Freunde wie Nigel de Jong." Nur auf den Rängen und im heimischen Wohnzimmer wollen die Fans vom neuen Frieden nichts wissen. Höhnisch wird im Jahr 2002, nachdem die Niederlande unter Trainer Louis van Gaal die WM in Japan und Südkorea verpasst hatte, in ganz Deutschland das Lied "Ohne Holland fahr'n wir zur WM" gesungen, 15 Wochen bleibt der inhaltlich eher dünne Song in den Charts.

Nur zwei Jahre später bei der EM in Portugal erfreuen sich die niederländischen Fans dann mit "Schade Deutschland alles ist vorbei" am Vorrunden-Aus des DFB-Teams. Aber die Retourkutsche lässt nicht lange auf sich warten, wieder zwei Jahre später hallt es nach dem Achtelfinal-Aus der "Elftal" bei der Heim-WM in Deutschland von den Rängen: „Ohne Holland fahr’n wir nach Berlin“. Neun Jahre herrschte fortan Ruhe, selbst 2012 als der geliebt-gehasste Nachbar bei der EM in Polen und Ukraine in der deutschen Vorrundengruppe fast mitleiderregend schlecht als Letzter ausschied, gab's kaum Häme. In Erinnerung blieb nur diese eine Szene:

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Mats Hummels mag sich beim 2:1-Vorrundensieg über Holland bei der EM 2012 ein hämisches Grinsen nicht verkneifen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Ruhe herrschte bis Dienstagabend 22:36 Uhr.

Quelle: n-tv.de