Fußball

Das Herz der DFB-Offensive "Mesut Özil ist einzigartig in Deutschland"

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Der Fußballer Mesut Özil wird der deutschen Nationalmannschaft fehlen.

(Foto: dpa)

Mit Mesut Özils Rücktritt per Twitter-Generalabrechnung verliert die deutsche Nationalmannschaft nicht nur einen überragenden Fußballer, sondern auch das Herz seiner Offensive. Taktik-Experte Constantin Eckner von "Spielverlagerung.de" erklärt im Interview mit n-tv.de, was dem Team von Bundestrainer Joachim Löw in Zukunft fehlen wird und welche Chancen der heftig diskutierte Abgang des Spielmachers dem deutschen Spiel bietet.

n-tv.de: Der Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird heftig kritisiert. Vermutlich ebenso heftig wie der Spieler Özil selbst. Finden Sie es schade, dass wir den Spielmacher nicht mehr im DFB-Trikot sehen werden?

Constantin Eckner: Natürlich ist es schade. Besonders unter diesen Umständen. Es ist ja kein klassischer Rücktritt aus Altersgründen oder weil er sich stärker auf den Verein konzentrieren will. Rein sportlich betrachtet glaube ich, dass er noch mindestens bei einem Turnier eine wertvolle Rolle im deutschen Team hätte einnehmen können. Er ist ja erst 29 Jahre alt. Also im besten Fußballeralter.

Der Abgang hat ja eben nicht nur die sportliche Komponente. Wie bewerten Sie die Art des Abschieds?

Özil hat sehr viele wichtige Dinge angesprochen. Was mir aber fehlt, ist eine reflektierte Sicht auf seine Handlungen. Er hat das Foto nicht kritisch hinterfragt. Wir reden ja nicht über ein Foto mit Angela Merkel oder Emmanuel Macron, sondern über ein Foto mit Recep Tayyip Erdoğan, der die Türkei und die Gesellschaft fundamental umgestaltet - und nicht zum Guten. Eine kritische Sicht auf sein Tun wäre sicher wichtig gewesen, um sein Statement noch eindrücklicher zu machen.

Nun ist er vermutlich unumstößlich zurückgetreten, und wer sich die Reaktionen in den sozialen Netzwerken durchliest oder sich die Umfragen anschaut, der bekommt das Stimmungsbild "gut, dass er endlich weg ist" vermittelt. Werden wir den Spieler Mesut Özil aber nicht dennoch schon bald vermissen?

Özil ist als Spielertyp absolut einzigartig in Deutschland. Er ist außergewöhnlich. Auch mit Blick auf den erweiterten Kader oder die U-Nationalmannschaft gibt es niemanden, der seine Rolle im Nationalteam einnehmen kann. Seine möglichen Nachfolger wie Julian Draxler, der Leverkusener Kai Havertz oder Hoffenheims Nadiem Amiri sind ganz andere Typen. Sie kommen mit ihren Aktionen mehr übers Dribbling, nicht so sehr über den letzten Pass. Am ehesten könnte vielleicht Mario Götze die Özil-Rolle ausfüllen.

Was zeichnet den Spielmacher Özil aus? Was macht ihn so einzigartig?

Er steht in der Tradition der ganz großen Spielmacher um Michel Platini, Socrates oder Juan Riquelme. Özil kann den tödlichen Pass in die Spitze mit einer ungeheuren Präzision spielen. Er sieht Laufwege, die sonst keiner sieht. Er hat das bei Real Madrid an der Seite von Cristiano Ronaldo gemacht, beim FC Arsenal und natürlich auch in der Nationalmannschaft. Aufgrund dieser Fähigkeiten hat Joachim Löw das Spiel seiner Offensive ja auch fast komplett auf Özil zugeschnitten. Die Frage war ja stets: Wie bekommen wir den Ball von Toni Kroos zu Özil in den Raum zwischen Mittelfeld und gegnerischer Abwehr?

In ihrer Analyse über den sportlichen Wert von Özil für die Nationalmannschaft kommt die "Bild"-Zeitung zu dem Schluss: Die Spielweise von Özil passt immer weniger zum modernen Fußball ...

Oh, natürlich ist der Spielertyp Özil nicht überholt. Niemand darf glauben, dass er weiß, wie sich der Fußball in den kommenden zehn Jahren verändern wird. Außer vielleicht Trainer wie Josep Guardiola oder Thomas Tuchel, die die Entwicklung mit ihren Ideen maßgeblich mitbestimmen werden. Wer also darauf wettet, dass Spielmacher wie Özil nicht mehr gebraucht werden, der geht ein hohes Risiko ein.

Wieso?

DFB-Karriere von Mesut Özil

  • Mesut Özil spielte für die U19- und U21-Nationalmannschaften des DFB. In 11 Spielen der U19 erzielte er 4 Tore, in der U21 ist seine Bilanz 16 Spiele, 5 Tore.
  • Für die A-Nationalmannschaft debütierte er am 12. August 2009 im WM-Quali-Spiel gegen Aserbaidschan in Baku.
  • In neun Jahren brachte es Özil auf 92 Spiele, 23 Tore und 40 Vorlagen.
  • Seinen größten Erfolg mit dem DFB-Team feierte er 2014 in Brasilien mit dem WM-Titel.
  • Im Zuge der Erdogan-Fotoaffäre trat er am 20. Juli 2018 aus dem DFB-Team zurück.

Für Typen wie ihn mit ihrem außergewöhnlichen Passspiel und ihrer unfassbaren Präzision wird es immer einen Platz geben. Alles ist eine Frage des Systems. Wenn ich auf Konter setze und vor allem über das Tempo komme, so wie Frankreich bei der WM, dann muss ich die Zehnerposition nicht mit einem Fußballer wie Özil besetzen, dann brauche ich eher einen Stürmertypen wie Antoine Griezmann. Es gibt aber so viele Ansätze, so viele Systeme, in denen er mit seinem passorientierten Spiel gut zur Geltung kommt. Also zu denken, seine Spielweise ist überholt, da wäre ich sehr vorsichtig. Es ist ja auch so, dass es immer noch den klassischen Abräumer gibt. Und natürlich muss auch nicht jeder Sechser mittlerweile ein überragender Passspieler sein - auch wenn es natürlich hilft. Und als Zehner musst du nicht die komplette Mannschaft des Gegners ausdribbeln. Was Özil übrigens zum Teil ja auch kann. Wer also glaubt, dass ein Führungsspieler des FC Arsenal und des deutschen Fußballs keinen Platz mehr findet, der sieht Dinge, die internationale Top-Trainer nicht sehen.

Aber trotz aller Qualitäten, trotz aller Wertschätzung von Top-Trainern und sogar eines Weltfußballers wie Cristiano Ronaldo wirkt Özil so angreifbar wie kaum ein anderer Fußballer. Warum ist das so? Warum wird er von ehemaligen Spielern wie Mario Basler und Uli Hoeneß so hart angegangen, gar beleidigt?

Es wurde schon oft über seine Körpersprache diskutiert und geschrieben. Aber sie bietet eben eine große Angriffsfläche. Wie übrigens auch bei Toni Kroos. Auch wenn das anders gelagert ist. Özil ist nicht der Typ, der aus sich herausgeht, dem die Brust schwillt, der schreit und Kommandos verteilt. Er kommuniziert anders. Er kommuniziert hauptsächlich über seine Pässe, über seine Aktionen mit dem Ball. Er spielt im Stile der Barcelona-Schule, der Schule von Guardiola. In Mannschaften mit Spielern aus sieben, acht Nationen mit unterschiedlichen Sprachen ist das ganz nebenbei nicht die schlechteste Idee.

Neben der Körpersprache wird Özil auch immer wieder für seine Tempoverschleppung angegangen. Eine lustlose Attitüde wird ihm dann vorgeworfen. Was ist an diesem Vorwurf dran?

Das hat sehr viel damit zu tun, wie er von seinen Mitspielern angespielt wird. Meistens wird er sehr aggressiv angespielt, sehr weit vorne. Er muss dann meistens das Tempo verschleppen, weil er kaum Anspielstationen hat, er wartet darauf, dass seine Mannschaft nachrückt, um den nächsten Pass zu spielen. Özil ist ein Spieler, der immer nach vorne spielen will, der aber auch Situationen erkennt. Er geht nie mit dem Kopf durch die Wand. Wenn zum Beispiel nur ein Mitspieler vor ihm steht, ist das für den Gegner leicht zu verteidigen, weil sie die beschränkten gefährlichen Optionen Pass oder Schuss ja kennen. Özil müsste dann einen grandiosen Pass spielen, das geht nicht immer. Ist die Situation ausweglos, bricht er ab. Er will nicht unnötig den Ball verlieren.

Liegt die Kritik dann vielleicht auch darin begründet, dass viele Fans und Experten bei der Klasse von Özil immer etwas Großartiges erwarten, wenn er am Ball ist?

Natürlich gibt es diejenigen, die immer den grandiosen Pass erwarten. Özil hat davon ja auch reichlich in seiner Karriere gespielt. Es sind aber auch die Leute, die erwarten, dass sich Ronaldo spektakulär durch die Abwehr tankt und dann überragend abschließt. Das kann doch nicht immer klappen. Und dann gibt es noch die Leute, die Özil scheitern sehen wollen - weil sie ihn oder seine Spielweise nicht mögen. Er steht halt nicht dafür, mit 35 Stundenkilometern in den Strafraum zu rennen und dann draufzuhalten. Özil verkörpert den Fußball des intelligenten Passes, er will die Abwehr immer galant aushebeln. Er ist mehr Degenfechter als Axtkämpfer.

Özil sieht sich auch immer wieder genötigt, sich für sein Spiel und seine Laufarbeit zu rechtfertigen. Was hat es damit auf sich?

Der Vorwurf lautete ja immer, dass er unterdurchschnittlich wenig läuft. Das stimmt nicht. Özil läuft nicht mehr oder weniger als seine Mitspieler. Und er zieht auch nicht mehr oder weniger Sprints an als die anderen. Er läuft so viel, wie es von ihm erwartet wird. Etwas anderes kannst du dir auf dem Niveau auch gar nicht erlauben - außer, du bist Cristiano Ronaldo und das Spiel ist nur auf dich zugeschnitten. Und außerdem: Bei der WM 2014 hat Özil auf dem Flügel gespielt, dann musste er die Wege nach hinten mitmachen. Hätte er das nicht getan, wäre Deutschland nicht Weltmeister geworden.

Sie haben vorhin das Wort Führungsspieler gesagt. Auch diese Diskussion wird ja seit Jahren geführt: Ist Özil ein Leader oder nicht?

Er ist kein klassischer Leader. Zumindest nicht in der Interpretation des "aggressive leaders".  Wer das gleichsetzt, der übersieht, was im Weltfußball passiert. Der beste Anführer, so heißt es ja, ist der, der selten bis nie seine Stimme erhebt. Der seine Mannschaft mit Aktionen führt. Das war schon im archaischen Zeitalter der Griechen so.

Also ist Özil nun ein Führungsspieler?

Natürlich, Özil ist naturgemäß ein Anführer, weil er einer der besten Spieler ist. Das war bei Real so, bei Arsenal und im DFB-Team. Aufgrund seiner Qualität ist er eben ein Schlüsselspieler. Er war ja nicht ohne Grund der verlängerte Arm von Löw. Mit seinem Spielverständnis konnte er das umsetzen, was der Coach, der ja immer der Kopf des Systems, der Idee ist, an Anweisungen vorgibt. Was bringt es dir also, wenn du laut bist, aber die Vorgaben nicht umsetzen kannst? Wenn Fußball so einfach wäre, du nur Lautsprecher bräuchtest, um Meisterschaft zu gewinnen, dann frage ich mich, wieso Real Madrid - okay, sie haben Sergio Ramos - und Frankreich die Titel holen. Und weil wir vorhin bei Hoeneß waren: Der FC Bayern fährt doch ziemlich gut damit, keinen gesetzten "aggressive leader" mehr zu haben. Der Versuch mit Arturo Vidal ist ja einigermaßen gescheitert. Und ein Thiago oder ein James, die für das Bayern-Spiel viel wichtiger sind, sind wie Özil, sie kommunizieren über ihre Aktionen.

Uli Hoeneß hat übrigens auch noch gesagt, dass die Bayern in Spielen gegen Arsenal immer über Özil gespielt haben, weil sie wussten, dass er die Schwachstelle ist.

Das klingt unsinnig. Wie soll das denn gegen einen Zehner Özil auch funktionieren? Klar kannst du viel über die Mitte spielen, aber die Bayern haben das nicht gemacht. Sie haben meistens über die Flügel angegriffen, wie sie es fast immer tun.

Was kommt denn auf die Nationalmannschaft zu? Wie wird sich das Spiel verändern?

Wie gesagt, der Mannschaft fehlt nun ein überragender Passspieler zwischen Mittelfeld und gegnerischer Abwehr. Er hat das Spiel mit seinen Pässen auf engstem Raum durch die Abwehr hindurch verändert und geprägt. Alles war auf ihn zugeschnitten. Und wenn Özil mal aus dem Spiel genommen wurde oder mal nicht in Topform war, konnte die andere Mannschaft das Spiel durch die Mitte neutralisieren. Dann ging es nur über die Flügel. Das war leicht ausrechenbar. Ohne den Fixpunkt Özil kann das deutsche Spiel mit Draxler, Marco Reus oder Leon Goretzka im Zentrum wieder variabler werden. Aber: Die fehlende Variabilität ist ja nicht der Fehler von Özil, sondern etwas, was sich einzig Löw ankreiden muss. Um mehr Variabilität zu schaffen, hätte Özil also nicht zurücktreten müssen.

Bei der Fußball-WM hat die DFB-Elf wohl gegen Schweden ihr bestes Spiel gemacht - ausgerechnet da saß Özil auf der Bank ...

Die erste Halbzeit gegen Schweden war gut, weil Sebastian Rudy im Spiel war und dem Team mehr Sicherheit gegeben hat. Das hatte nichts mit Özil zu tun. Beide hätten ja gemeinsam mit Toni Kroos im Mittelfeld spielen können. Die zweite Halbzeit lässt sich kaum seriös bewerten, weil die Schweden ja komplett auf Pressing verzichtet haben. Und Ilkay Gündogan, der nach der Verletzung von Rudy im offensiven Zentrum spielte, hatte einen ganz schlechten Abend. Da war gar keine Entscheidungsfreude im Spiel. Das hätte Özil sicher besser gemacht.

Also wird Fußball-Deutschland Mesut Özil vermissen?

Sportlich auf alle Fälle. Und anders als beim Rücktritt von Philipp Lahm vor vier Jahren zum Beispiel bleibt ein bitterer Beigeschmack. Der Verlust Özils war unnötig.

Mit Constantin Eckner sprach Tobias Nordmann

Quelle: n-tv.de

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