Fußball

Mauer lieber stehen lassen? Mit Herthas Herrlichkeit ist's nicht weit her

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Große Gesten, gute Ideen - abseits des Fußballs.

(Foto: imago images/Contrast)

Es ist ein bewegender Tag für Berlin, die Fans der Hertha feiern den Mauerfall. Bleibt das Problem, dass es danach mit Bundesliga weitergeht. Das laut Jürgen Klinsmann "spannendste Fußball-Projekt in Europa" verliert auch gegen RB Leipzig. Nun heißt es: Abstiegskampf.

Am Ende hatte das "spannendste Fußball-Projekt in Europa" dann doch wieder verloren. Jürgen Klinsmann hatte den Bundesligisten Hertha BSC so genannt. Der ehemalige Nationalspieler und Bundestrainer sitzt nun auf Geheiß des Inverstors Lars Windhorst im Aufsichtsrat der Kommanditgesellschaft auf Aktien, der ausgelagerten Profiabteilung des Vereins. Und an diesem Samstagnachmittag saßen die beiden auf der Tribüne des wieder nicht annähernd ausverkauften Berliner Olympiastadions. Dort sahen sie zusammen mit den 48.530 anderen Zuschauern, wie Klinsmanns neue Lieblingsmannschaft am elften Spieltag der höchsten deutschen Spielklasse mit 2:4 (1:2) gegen RB Leipzig verlor.

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Die Mauer muss weg.

(Foto: imago images/Picture Point LE)

Dabei hatte alles so schön begonnen, schließlich war es ein bewegender Tag für Berlin. Das Spiel fand am 9. November in der deutschen Hauptstadt statt, an dem sich der Fall der Mauer zum 30. Mal jährte. Zu diesem Anlass hatten sich Fans und Verein etwas einfallen lassen. Vor dem Stadion präsentierten sie Teile der echten Mauer, auf der Mittellinie und vor der Ostkurve hatten sie Mauern nachgebaut.

Vor dem Anpfiff liefen auf den Leinwänden historische Videoschnipsel. Ernst Reuter sagte: "Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!" John F. Kennedy behauptete: "Ich bin ein Berliner." Und Ronald Reagan forderte Michail Gorbatschow auf: "Tear down this wall!" Kurz vor dem Spiel fiel dann auch die Mauer. Oder besser: David Bowie sang "Heroes", die Fans bauten sie, also die Mauer, ab und trugen die einzelnen Teile hinaus. Die Spieler beider Teams überschritten die Mittelinie. Die Berliner trugen, als Reminiszenz an 1989, ein Trikot mit einem Berliner Bären, ganz ohne Werbung.

Und trotz der vier Gegentore passt der Kalauer, dass es vielleicht besser gewesen wäre, die Berliner hätten die Mauer stehen lassen, nicht ganz. Schließlich waren sie von der Leipziger Tormaschine nicht gerade überrollt worden. Und anfangs war die Mauertaktik der Hertha, die mit fünf Abwehrspielern in einer Reihe antraten, ja auch aufgegangen. Maximilian Mittelstädt hatte die Gastgeber mit einer feinen Einzelleistung nach 32 Minuten in Führung gebracht, als er erst Konrad Laimer austanzte und dann den Ball aus 20 Metern ins Tor schoss. Leider endete damit die Berliner Herrlichkeit an diesem empfindlich kühlen Novembernachmittag.

Die Punkte addieren, das wäre eine Idee

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Symbolbild Enttäuschung: Davie Selke und Kollegen in ihren Retrotrikots.

(Foto: imago images/Bernd König)

Die Leipziger schalteten flugs einen Gang hoch, Timo Werner (38.) per Handelfmeter und Marcel Sabitzer (45.+1) mit einem abgefälschten Schuss aus 23 Metern drehten mit ihren Treffern die Partie noch vor der Pause. Vier Minuten vor dem Ende der Partie erhöhte der in der zweiten Halbzeit eingewechselte Kevin Kampl auf 3:1, wieder Werner sorgte dann in der Nachspielzeit für das vierte Tor der Leipziger, bevor Davie Selke noch für die Berliner traf.

Am Ende stand für die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann ein verdienter Erfolg aus der Kategorie Pflichtsieg und der zweite Platz in der Tabelle, da Borussia Dortmund am Samstagabend mit 0:4 beim FC Bayern untergegangen war. Für die Herthaner bedeutet die dritte Niederlage hintereinander nach dem 2:3 gegen die TSG Hoffenheim und dem 0:1 beim 1. FC Union Berlin, dass der Aufsteiger aus Köpenick nach dem Sieg in Mainz nun zwei Zähler mehr hat und vor ihnen in der Tabelle steht. Was bei Union von Beginn an klar war, ist jetzt auch für die Hertha Realität. Es geht vorerst darum, irgendwie in der Liga zu bleiben. Einen Platz unter den Topteams der Liga würden die beiden Berliner Klubs nur dann erreichen, würden sie - ganz im Sinne der Einheit - fusionieren und ihre Punkte zusammenzählen. Die Position von Trainer Ante Covic dürfte das alles vor der Mitgliederversammlung an diesem Sonntag nicht gestärkt haben. Er musste einräumen, dass die Frage, ob nun der Abstiegskampf drohe, "vollkommen berechtigt" sei. "Wir müssen uns sammeln, die positiven Dinge herausziehen und möglichst schnell Punkte holen. Wir müssen uns für den Aufwand wieder belohnen."

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Wie damals.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Er ärgerte sich vor allem über den Elfmeter, den Schiedsrichter Sören Storks seiner Mannschaft eine Viertelstunde vor dem Ende verweigert hatte. Dass sich Niklas Stark in dieser Szene auch noch das Nasenbein brach und nun wohl weiter auf sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft warten muss, kam noch hinzu. "Der Schiedsrichter hat gesagt, Niklas läuft in den Ellenbogen des Gegners rein", berichtete Covic. Doch nicht nur der Ellenbogen von Konrad Laimer traf Starks Gesicht, der Ball landete auch noch auf dem Arm des Leipzigers. "Der wollte grad losfliegen, so weit waren seine Arme auseinander." Videoassistent Benjamin Cortus griff aber, anders als vor dem ersten Tor der Gäste, nicht ein. "Wenn man sich die erste Sequenz anguckt, muss man sich die zweite auch angucken. Das ist das Mindeste", beschwerte sich Covic.

Und die Fans? "Uns Berlinern hält keine Mauer stand!" hatten sie auf ein Banner in der Ostkurve geschrieben. Darunter war das Brandenburger Tor zu sehen. Und sie hatten auch einen schönen Gruß an den Gegner geschickt: "RB: Uns trennen keine Mauern, uns trennen Ideale." Nach der Partie aber, als auf der an die Zeit vor 30 Jahren erinnernden Retro-Anzeigetafel ein 2:4 stand, war die gute Mauerfallstimmung futsch. Die Anhänger pfiffen ihre Spieler aus. Wie war das mit dem "spannendsten Fußball-Projekt in Europa"?

Quelle: n-tv.de

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