Fußball

Feiner Sané, Vollprofi Hummels Mutige DFB-Elf stürmt gen Abstieg

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Sané ist einer, der den Unterschied machen kann.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Der Bundestrainer springt über seinen Schatten, ein junges Sturmtrio hat richtig Lust auf Fußball und der deutschen Nationalelf gelingt in Frankreich das beste Länderspiel des Jahres, trotz nächster Niederlage. War das der Neuanfang?

Die gute Nachricht für die deutschen Fußballnationalspieler ist, dass alle, die in Amsterdam meinten, zu Unrecht verloren zu haben, dieses Mal Recht hatten. Die schlechte Nachricht ist, dass sie eben schon wieder verloren haben, zum sechsten Mal in diesem Jahr. Das ist in der Geschichte der DFB-Elf ein Rekord, auf den alle Beteiligten gerne verzichtet hätten. Das 1:2 (1:0) beim Weltmeister in Frankreich an diesem Dienstagabend birgt die bittere Erkenntnis, dass es bei all dem frischen Wind wieder nicht gereicht hat. Vor 75.000 Zuschauern im Stade de France zu Saint-Denis stellten die Deutschen nicht unbedingt die schlechtere, auf jeden Fall aber die unglücklichere Mannschaft.

Für die Wertung in der neuen Nationenliga heißt das, dass das Team von Bundestrainer Joachim Löw mit nur einem Punkt aus drei Partien auf dem dritten und letzten Platz bleibt. Vor dem letzten Spiel am 19. November in Gelsenkirchen gegen die Niederlande droht nun endgültig der Abstieg aus der Eliteliga dieses Wettbewerbs. Dabei war der Bundestrainer über seinen Schatten gesprungen, hatte im Vergleich zum 0:3 gegen die Niederlande am vergangenen Samstag fünf neue Akteure  in seine Startelf mit noch sieben WM-Teilnehmern gestellt. Er setzte damit nach dem peinlichen Aus in der Vorrunde bei der Weltmeisterschaft in Russland nun endlich so konsequent auf die Jugend, wie es sich viele gewünscht hatten. Doch so gut das am Anfang aussah und auch war, gereicht hat es am Ende nicht. Die deutschen Spieler nach ihrem besten Länderspiel des Jahres in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Wer in diesen Tagen über den 32 Jahre alten Schlussmann des FC Bayern diskutiert und darüber, ob nicht mal der sechs Jahre jüngere Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona spielen sollte, der tut das nicht ohne Grund. Neuer, einer von drei Weltmeistern von 2014 in der Startelf, ist zurzeit nicht der alles und jeden überragende Torhüter, der er einmal war. Aber er ist immer noch gut. Die beste Parade in seinem 82. Länderspiel zeigte er sieben Minuten nach der Pause, als er aus seinem Tor stürmte und einen Flachschuss von Kylian Mbappé mit dem Fuß abwehrte. Der war zuvor locker an Niklas Süle vorbeigezogen. Bei beiden Gegentoren war Neuer machtlos, nachdem er am Samstag vor dem ersten Tor der Niederländer noch gepatzt hatte. Den extraordinären Kopfball von Antoine Griezmann in der 62. Minute aus zehn Metern zum 1:1 konnte er beim besten Willen nicht halten. Auch in der 80.Minute beim Elfmeter des Angreifers von Atlético Madrid, der hofft, Anfang Dezember den Ballon d'Or für den besten Fußballer der Welt zu bekommen, hatte er keine Chance. Sollte es tatsächlich einen Neuanfang bei der Nationalelf geben, wird er mit Neuer stattfinden.

Thilo Kehrer: In seinem zweiten Länderspiel nach seinem Debüt beim 2:1 im Test gegen Peru Anfang September durfte der 22 Jahre alte Verteidiger von Paris Saint-Germain im Zuge der All-In-Strategie des Bundestrainers erstmals von Beginn an ran. Ihm, also Kehrer, fiel die Aufgabe zu, im Verteidigungsfall als fünftes Glied in der Abwehrkette, genau, ganz rechts zu verteidigen und sonst vorne mitzumischen - wie Niko Schulz auf der anderen Seite. Kehrer gelang das gut. Klar, er war ein wenig nervös. Aber wenn Löw es ernst damit meint, vier Monate nach dem Debakel in Russland endlich jungen Spielern eine Chance zu geben, dann können sie gegen Gegner solcher Güte viel lernen. Zum Beispiel, dass es keine gute Idee ist, Lucas Hernandez flanken zu lassen. So nutzte Frankreichs Linksverteidiger Kehrers Zaghaftigkeit schamlos aus und schlug nach einer guten Stunde den Ball auf seinen Vereinskollegen Griezmann, der die Führung durch den Elfmeter von Toni Kroos in der 14. Minute egalisierte.

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Hummels verursachte den zweifelhaften Elfmeter.

(Foto: picture alliance/dpa)

Matthias Ginter: Auch im vierten Spiel nach der WM durfte der 24 Jahre alte Innenverteidiger der Mönchengladbacher Borussia von Beginn an ran, da Joshua Kimmich ins Mittelfeld aufgerückt ist. In seinem 22. Länderspiel bildete Ginter das rechte Ende der Dreierkette neben Niklas Süle und Mats Hummels, spielte somit etwas weiter innen als in einer Viererkette. Damit war er von allzu vielen Flankenläufen befreit, was ja nicht so seine Sache ist. Bei einem Eckball, den wie stets Kroos schoss, tauchte Ginter aber in der 24. Minute vor des Gegners Tor auf und hätte beinahe das 2:0 erzielt. Im Fallen schoss er den Ball aufs linke Eck und nötigte Torhüter Hugo Lloris zu einer Parade. Zwölf Minuten später, wieder nach einer Ecke, wieder von Kroos, versuchte Ginter es mit dem Kopf. Dafür, dass er das unbedrängt tun konnte, flog der Ball sehr weit über das Tor. Ansonsten störte Ginter die Kreise von Blaise Matuidi und hielt sich wacker gegen Mbappé und Griezmann, den er nach einer knappen halben Stunde foulte und dafür zurecht die Gelbe Karte sah. Nach 83 Minuten war Schluss, es kam der 22 Jahre alte Leverkusener Julian Brandt in die Partie und zu seinem 22. Länderspiel.

Niklas Süle: Der 23 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern rückte für den verletzt abgereisten Jérôme Boateng in die Mannschaft. In seinem 14. Länderspiel agierte er zentral zwischen Ginter und Hummels. Das war eine richtig gute Idee. Im Verein gilt er unter dem neuen Trainer Niko Kovac ja als gesetzt, auch in der DFB-Elf könnte das bald der Fall sein. Ach was, das sollte so sein. Auch Löw dürfte gesehen haben, dass Süle eine sehr souveräne Vorstellung bot und gegen die schnellen Franzosen so etwas wie der Turm in der Schlacht war. Die Frage ist, wie zu diesem etwas schiefen Bild das Adjektiv zweikampfstark passt. Und statisch ist der Münchner auch nicht. Dass Mbappé ihm kurz nach der Pause einfach davonlief, heißt nicht, dass Süle zu langsam ist, sondern dass der vier Jahre jüngere Angreifer von PSG schneller als fast jeder andere Spieler auf diesem Planeten ist. Kurzum: Der Innenverteidiger der Zukunft heißt Süle. Um diese Position muss sich niemand Sorgen machen.

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Sicher vom Punkt: Kroos.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mats Hummels: Hätte sich mit seinen 29 Jahren als Stubenältester der defensiven Fünferbande und nach Neuer zweiter Weltmeister in der Anfangsaufstellung ja eigentlich das imaginäre Abzeichen des Chefs ans Trikot heften dürfen. Aber das war nun einmal sein sechs Jahre jüngerer Vereinskollege Süle. Der kritikfreudige Hummels zeigte sich in seinem 69. Länderspiel keineswegs als Vollamateur, sondern als professioneller Innenverteidiger. Den sehr viel jüngeren und sehr viel schnelleren Mbappé nervte er so lange mit seinem guten Stellungsspiel und seiner Souveränität im Zweikampf, dass der auf den linken Flügel auswich. Bleibt die Frage, was in der 80. Minute geschah: War es richtig, dass Schiedsrichter Milorad Mazic nach Hummels Zweikampf mit Matuidi auf Foulelfmeter entschied? Ja? Nein? Vielleicht? Für den Bundestrainer war die Sache klar: "Völlig unberechtigt. Mats hat ihn überhaupt nicht berührt." Knifflige Sache. Hummels hatte den Franzosen am Trikot gezupft, das ja. Matuidi fiel aber erst, nachdem er dem Deutschen auf den Fuß getreten hatte. Und da kann der nun wirklich nichts für. Sagen wir es so: Pech gehabt.

Niko Schulz: Der 25 Jahre alte linke Außenverteidiger der TSG Hoffenheim, der wie Kehrer gegen Peru sein erstes Länderspiel absolviert hatte, stand nun zum zweiten Mal in der Startelf und erhielt den Vorzug vor dem Kölner Zweitligaspieler Jonas Hector. Sagen wir es so: Schulz hat das nicht schlecht gemacht, hielt im Sprintduell bisweilen gar mit Mbappé mit, aber vor allem offensiv kam nicht viel dabei herum. Dabei hatte er gegen Peru sogar das Siegtor zum 2:1 erzielt. Immerhin steckte er im Stade de France nie auf, war ständig unterwegs und hatte seine stärkste Szene, als er kurz vor der Pause den Ball mit der Hacke für Leroy Sané auflegte. Ach komm, einigen wir uns auf solide. Es kann aber gut sein, dass demnächst Hector wieder in der Startelf steht.

Joshua Kimmich: Dass er der kommende Kapitän ist, dürfte so ziemlich außer Frage stehen. Beim FC Bayern gibt er den rechten Außenverteidiger, in der DFB-Elf spielt er seit der WM in defensiven Mittelfeld. In jedem Fall aber ist der einer, der schon mit 23 Jahren über Führungsqualitäten verfügt. In seinem 36. Länderspiel war er an der Seite von Toni Kroos, mit dem er gut harmonierte, in der Mittelfeldzentrale vornehmlich damit beschäftigt, die Defensive zu unterstützen und zu organisieren. Dabei kam ihm zugute, dass er keinen der Zweikämpfe scheute und die meisten auch gewann, notfalls per Grätsche. Und das muss man gegen Spieler wie Paul Pogba und N'Golo Kanté erst einmal schaffen, gegen die er einiges einstecken musste. Den Angriff, der schließlich zum Elfmeter und zum Tor der DFB-Elf führte, leitete er ein. Vor dem Strafstoß ging er dann noch zum Kollegen Kroos und redete mit ihm. Zudem gelang ihm, also Kimmich, bei einem Konter in der 19. Minute ein wunderschöner Pass auf Sané.

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Gnabry überzeugt auf ganzer Linie.

(Foto: picture alliance/dpa)

Toni Kroos: Eines vorweg - den Handelfmeter in der 14. Minute hat er sehr knapp an Llloris vorbei ins Tor gelogen. Da sage noch einer, deutsche Fußballer hätten kein Glück. Es war sein 14. Tor für die DFB-Elf. Und er wird für immer und ewig derjenige bleiben, der das allererste (und bisher einzige) deutsche Tor in der Nations League erzielt hat. Ansonsten spielte der 28 Jahre alte Mittelfeldakteur von Real Madrid in seiner 90. Partie für Deutschland besser, als er das gegen die Niederlande getan hat. Das könnte nach einem vergifteten Lob klingen, weil in Amsterdam nicht wirklich viel kam, ist aber nicht so gemeint. In Saint-Denis war der neben Neuer und Hummels dritte Weltmeister im Bunde wieder der zuverlässige Ballverteiler, als der er bekannt ist. Und es dürfte den drei jungen Angreifern gut getan haben, einen wie ihn hinter sich zu wissen. Auch seine Eckstöße waren besser als in Amsterdam, wobei auch diese Messlatte nicht sehr hoch liegt.

Timo Werner: Nominell spielte der 22 Jahre alte Leipziger in seinem 21. Länderspiel auf den rechten Flügel, aber auch in der Mitte und links. Nur ein Tor erzielte er nicht. Dennoch: So viel Tempo, Mut und Lust am Spiel gab es im Angriff schon lange nicht mehr. Und daran war er beteiligt, indem er wie stets viel und schnell rannte. Nur das mit den präzisen Pässen auf die Kollegen muss er noch üben. In der 88. Minute nahm der Bundestrainer ihn raus und gönnte dem Münchner Thomas Müller doch noch ein paar Minuten. Damit war ein vierter deutscher Weltmeister auf dem Rasen, der mit seinen 29 Jahren nun auf 98 Länderspiele kommt. Darf er auch im Test gegen Russland am 15. November in Leipzig und vier Tage später im letzten Nationenligaspiel gegen die Niederlande ran, macht er noch in diesem Jahr die 100 voll. Aber ob das zum arg verspäteten Neuanfang passt?

Serge Gnabry: Heißa, welche Angriffslust! Das war eine Freude. Der 23 Jahre alte Münchner gab in seinem dritten Länderspiel zwar nominell den Mittelstürmer, wich aber oft auf die Flügel aus. Oder besser: Er sprintete - und harmonierte prima mit seinen Kollegen, vor allem mit Sané. Verblüffend ist eigentlich nur, dass Löw erst vier Monate nach der WM auf die Idee kam, es doch mal mit schnellen Konterspielern zu versuchen - zumal er gar keine anderen hat, sieht man mal von Mark Uth ab, der gegen die Niederlande debütierte, aber erfolglos blieb. Ein Tor schoss Gnabry allerdings auch nicht. Prüfte Llloris nach 68 Minuten mit einem starken Schuss und arbeitete brav mit in der Defensive. Sein Fazit: "Ich denke, dass wir in keiner Weise schlechter waren als Frankreich. Wir haben das Spiel gut gestaltet. Wenn wir die Konter besser ausspielen, können wir sogar 2:0 in Führung gehen."

Leroy Sané: Der 22 Jahre alte Flügelspieler von Manchester City gehört ja schon seit knapp drei Jahren zum Kreis der Nationalmannschaft, genauer gesagt seit dem 13. November 2015. Das war der Tag, an dem die Terrorattentäter des IS in Paris 130 Menschen töteten. Unweit des Stade de France zündeten die Islamisten drei Sprengsätze. Das Spiel selbst hatte überhaupt keine Bedeutung mehr. Schnitt. Mittlerweile kommt Sané auf erst 15 Länderspiele. Daran lässt sich bemessen, dass er vom Status eines Stammspielers weit entfernt ist. Immerhin stand er in Saint-Denis in der Startelf. Und er war es, der den Elfmeter provozierte, in dem er einen Pass in den französischen Strafraum spielte, den Presnel Kimpembe mit der Hand abwehrte. Vor allem aber ist Sané halt furchtbar schnell und einer, der auch mal drei Gegenspieler umdribbelt. Ja, auch er erzielte kein Tor, das muss er noch ein wenig üben. Aber wenn einer die Hoffnungen auf eine bessere fußballerische Zukunft trägt, dann er. Nach 20 Minuten hätte er besser selbst aufs Tor geschossen, als nach einem tollen Solo den Ball doch etwas schlampig nach links zum Kollegen Werner zu passen. Eine Viertelstunde vor dem Ende der Partie kam der 25 Jahre alte Julian Draxler von Paris Saint-Germain für ihn rein. Huch, noch ein Weltmeister. Es war sein 49. Länderspiel. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

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Quelle: n-tv.de

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