Fußball

Alaba tröstet, Tuchel schwärmt Neymar bricht zusammen, als die Last abfällt

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Neymar konnte seine Metamorphose nicht zu Ende bringen. Der Brasilianer agierte im Champions-League-Finale unglücklich.

(Foto: Panoramic / POOL / UEFA)

Der Plan ist ein anderer, zumindest wenn es nach Thomas Tuchel, nach den Scheichs aus Katar und vor allem nach Neymar ginge: Der Superstar entscheidet in der 18. Minute das Champions-League-Finale - aber ganz anders als erhofft. Das tut weh. Sehr weh.

Natürlich, am Ende, als es mal wieder nichts geworden war mit einem großen internationalen Titel, ergoss sich die Häme kübelweise über den teuersten Fußballspieler der Welt: "PSG-Bayern und Neymar ist ausgelöscht", schrieb die französische Zeitung "Le Parisien" nach dem Champions-League-Finale. "Das Phänomen, das in den letzten Spielen fast übernatürlich geworden war, ist wieder menschlich geworden, fast gewöhnlich." Der englische "Telegraph" sekundierte bissig: "Kylian Mbappé war zahnlos und Neymar ein Schatten seiner selbst." Und die italienische "Gazzetta dello Sport" ätzte poetisch: "Im entscheidenden Moment ist Tuchel von seinen drei Tenören verraten worden. Neymar, Mbappé und Di Maria sind Stars, die nicht glänzen, auch wenn sie gelegentlich wunderbar spielen."

Es ist, als habe Neymar, jener 2017 für sagenhafte 222 Millionen Euro vom FC Barcelona nach Paris gewechselte Edelkicker, im Alleingang gegen den FC Bayern München verloren, "drei Tenöre" hin oder her. Und es wirkte nach dem Schlusspfiff im "Estadio da Luz" auch, als habe dieser Brasilianer die Last einer ganzen Fußball-Welt auf den Schultern getragen. Als die Last abgefallen war, fiel der globale Superstar in sich zusammen.

Alaba will Neymars Tränen trocknen

Neymar brach schon unmittelbar nach dem Schlusspfiff in Tränen aus, hemmungslos weinte der Brasilianer vor Millionenpublikum. Auch Bayern-Verteidiger David Alaba konnte den Schmerz nicht lindern, obwohl er sich sofort auf den Weg zum enttäuschten Gegner machte, statt sich den enthemmt jubelnden Kollegen anzuschließen. Der eine Weltstar nahm den anderen in den Arm, minutenlang, und flüsterte wohl aufbauende Worte. Auch Bayerns Erfolgscoach Hansi Flick spendete später Trost. Es nutzte nichts. Bei der Siegerehrung durfte er den Henkelpott nur kurz streicheln, mit tränenfeuchten Augen. Mitnehmen darf er nur die Medaille des Finalverlierers.

Es hätte auch sein Spiel werden sollen, der krönende Abschluss einer Metamorphose vom spektakulären, aber letztlich erfolglosen Einzelkämpfer hin zum wertvollen Mannschaftsspieler. Die hatte ihren vorläufigen Höhepunkt im Halbfinale gegen RB Leipzig gefunden, mit einem Neymar zwischen Zauberei und defensiver Präsenz. "Nichts erklärt sich ohne Neymar, aber nicht alles erklärt sich nur durch ihn. PSG, bislang oft eine reine Ansammlung von Stars, ist nun ein Team", brachte die spanische Zeitung "El Mundo Deportivo" die neue Rolle Neymars kunstvoll auf den Punkt.

Weil "wir verstehen, dass wir alle zum gewinnen brauchen", sagte Kylian Mbappé, kongenialer Freund und Sturmpartner Neymars: "Nur wir beide können das nicht schaffen." Sein Trainer hatte nach dem Halbfinale gegen Leipzig gelobt: "Er hat die richtige Siegermentalität. Die Mentalität, zeigen zu wollen, dass er einer der besten Spieler der Welt sein und das Team nach vorne bringen kann."

"Lasst uns auf das erste Tor gehen"

Neymar selbst hatte den Titel, seinen ersten internationalen nach dem Champions-League-Sieg 2015 mit dem FC Barcelona, als klares Ziel formuliert: "Niemand bekommt es aus meinem Kopf heraus, dass wir um den Titel spielen werden." Überhaupt: "Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, den Verein zu verlassen. Doch heute bin ich Spieler von PSG und versichere, alles zu geben." Und dann ging alles schief.

Nicht nur hat das mit Hunderten Scheich-Millionen hochgezüchtete PSG wieder das einzige Ziel - den Gewinn der Champions League - verpasst, das Scheitern hat auch tatsächlich ganz viel mit Neymar zu tun. 27 Ballverluste produzierte der Brasilianer, nur vier Dribblings waren erfolgreich, bloß ein einziger Schuss ging auf das Tor von Manuel Neuer. Und dieser Versuch in der 18. Minute, so legt es Thomas Tuchel nahe, war schon spielentscheidend. "Ich habe es vorher gefühlt, dass es heute auf die erste Torchance ankommt", so der Coach. "Wir haben gesagt: Lasst uns auf das erste Tor gehen! Die Bayern mussten hier noch nie einem Rückstand hinterherlaufen, und wir wollten ihnen diese Denkaufgabe stellen."

Neymar war von Mbappé auf der linken Angriffsseite auf die Reise geschickt worden, zeigte in der Ballan- und -mitnahme im Vollsprint seine Extraklasse und schoss mit dem linken Fuß aufs Bayern-Tor. "Du musst ihn machen, und dann kannst du dieses Spiel auch gewinnen", sagte Tuchel. Neymar machte ihn nicht, vor allem, weil Neuer stark parierte.

Die Diva außer Dienst war "ein Anführer"

Sauer war Tuchel nicht, im Gegenteil. "Ich bin mit Neymar super zufrieden. Er hat wieder die Mentalität von einem kleinen Straßenkämpfer gezeigt und ist nicht kaputtzukriegen", sagte der deutsche Trainer bei Sky. "Ein Anführer" sei die Diva außer Dienst geworden, "absolut ausgepowert" habe er sich in der Arbeit gegen den Ball. Es sei aber schwer für Neymar gewesen, "entscheidende Akzente zu setzen".

Das lag nicht am fehlenden Engagement des Superstars, sondern an der defensiven Organisation des FC Bayern. Wie schon mit Lionel Messi, dem anderen Superstar, dem man bereits im Viertelfinale begegnet war, schaffte es der neue Champions-League-Sieger, die Überfigur vom Rest der Mannschaft abzuschneiden. Irgendwann rieb er sich immer mehr auf, verzweifelt, etwas kreieren zu wollen.

Vom Spaß, der Lockerheit, die er vor dem Spiel mit einem Tänzchen in den Katakomben auffallend demonstriert hatte, war da schon lange nichts mehr zu spüren gewesen. Seit dieser schlimmen, schicksalhaften 18. Minute, in der Neymar das Champions-League-Finale 2020 entschieden hatte. Diesen Gedanken kann Neymar niemand von den Schultern nehmen. Kein Alaba, kein Tuchel, kein Flick. Das kann nur ein internationaler Titel.

Quelle: ntv.de