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Bayerns Konsens-Trainer Niko Kovac - kleinste gemeinsame Lösung

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(Foto: imago/Jan Huebner)

Niko Kovac übernimmt zur neuen Saison den vakanten Cheftrainerposten beim FC Bayern. Der Ex-Münchner befreit die Bayern aus einem großen Dilemma, die Wunschlösung ist er nicht. Bei Ex-Klub Frankfurt hinterlässt der Wechsel verbrannte Erde.

Das größte Trainerrätsel des deutschen Fußballs ist tatsächlich gelöst. Nach monatelangen Spekulationen steht fest: Niko Kovac trainiert ab dem 1. Juli 2018 Rekordmeister FC Bayern München. Möglich ist das, weil er sich in sein bis 2019 gültiges Arbeitspapier bei der Frankfurter Eintracht eine Ausstiegsklausel hat hineinschreiben lassen - und nun für eine Millionenablöse aus dem Vertrag kommt. "Kovac ist der perfekte Trainer", betonte Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic, als er offiziell bestätigte, was sich in den vergangenen Wochen längst angedeutet hatte und am Vorabend von verschiedenen Medien vermeldet wurde: "Niko kennt den Klub, er kennt die DNA des Klubs."

Wunschlösung Kovac also? Unstrittig ist auch außerhalb Münchens, dass der Ex-Bayer Kovac den Deutschen Meister aus dem großen Dilemma befreit, in das sich die Verantwortlichen mit dem Trainerbeben um Thomas Tuchel selbst hineinmanövriert hatten. Doch der große Name, die rekordmeisterliche Antwort auf die drängendste Personalfrage, die ist Kovac nicht. Vielmehr darf er - wie schon Salihamidzic bei der Besetzung des Sportdirektorpostens - als kleinster gemeinsamer Nenner von Präsident Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge gelten, dem Vorstandsvorsitzenden der FC Bayern München AG. Ein Makel, der ein hohes Risiko birgt - für den Verein und auch für Kovac selbst.

Manch Beobachter dürfte sich deshalb an das Rummenigge-Bonmot erinnert fühlen, dass man manchmal nicht nur kleinere Brötchen backen müsse, sondern sie auch essen muss. Auch Kovac wird wissen, dass er trotz seiner herausragenden Aufbauarbeit bei Eintracht Frankfurt in den vergangenen beiden Jahren eines nicht ist: Derjenige Trainer, der sämtliche Wunschvorstellungen der Bayern-Bosse auf sich vereint.

Jupp Heynckes, Thomas Tuchel, Jürgen Klopp - das war die Trainerkategorie, mit der man sich in der neuen Saison gern geschmückt hätte. Als sie dann in der Münchner Chefetage irgendwann einsahen, dass der "idealste deutsche Trainer" (O-Ton Rummenigge über Heynckes) wirklich nicht mehr wollte, da wollte Tuchel auch nicht mehr. Es war kein besonders glückliches Bild, das die in einen internen Machtkampf verstrickten Bayern-Alphazauderer Hoeneß und Rummenigge da abgegeben hatten.

Enormer Vertrauensvorschuss

Nun also Kovac, bei dem die Entscheidung im Vorstand laut Salihamidzic "einstimmig" gefallen ist - und der, anders als die Kandidaten Ralph Hasenhüttl und Lucien Favre, weder als Hoeneß- noch als Rummenigge-Trainer eingeordnet werden kann. Der 46-Jährige gilt als Freund von Salihamidzic, mit dem er von 2001 bis 2003 zusammen in München kickte. Kovac ist zudem der erste Ex-Bayern-Spieler seit Jürgen Klinsmann 2008, der den Posten als Chefcoach in München übernimmt. Allerdings kommt der Kroate wie der krachend gescheiterte Klinsmann ohne schmückenden Titel als Jobempfehlung. Eine Rarität in der stolzen Bayern-Trainerhistorie, die als letzte Einträge die Champions-League-Gewinner Jupp Heynckes, Josep Guardiola und Carlo Ancelotti verzeichnet.

Umso veritabler ist der Vertrauensvorschuss für den unerfahrenen Kovac zu bewerten, dem die Freude über seinen rasanten Aufstieg in den prestigeträchtigsten Trainerjob der Bundesliga jedoch nicht anzumerken war. Im Gegenteil: Der 46-Jährige wirkte sichtlich gezeichnet, als er auf der Frankfurter Spieltags-Pressekonferenz die Umstände seines Wechsels darlegen sollte. Obwohl angesichts des ausgedünnten Kandidatenfelds seit Wochen über den Wechsel spekuliert worden war, obwohl der Frankfurt-Coach in alle Dementi immer eine Hintertür eingebaut hatte, erklärte er nun: Erst am Donnerstag - also gestern - sei er vom FC Bayern erstmals kontaktiert worden. Damit aber, erzählte Kovac, "kam Dynamik in den Tag, den ich in der Form noch nicht erlebt habe. Ich habe einen Anruf aus München bekommen, wo ich gleichzeitig auch ein Vertragsangebot bekommen habe. Dieses habe ich auch angenommen."

"Schwer zu glauben" nannte Sky-Experte Christoph Metzelder die Aussage, "dass so ein Wechsel zum FC Bayern innerhalb eines Tages geschieht". Auf die Frage, wie er sich in seiner Haut fühle, antwortete Kovac: "Es ist nicht ganz einfach, das muss ich ganz ehrlich sagen." Aber nicht viele Trainer oder Spieler bekämen in ihrer Karriere die "Möglichkeit in München", versuchte Kovac seine rasante Zusage zu erklären: "Da sehe ich mich auch gewertschätzt."

Als Wertschätzung darf Kovac indes auch die 2,2 Millionen Euro betrachten, die der FC Bayern laut "Kicker" für seine Auslösung nach Frankfurt überweisen muss, Trainerablösen sind im Fußball noch nicht üblich. Andererseits haben die Münchner in dieser Saison bereits kolportierte zwei Millionen Euro an Fußball-Zweitligist Fortuna Düsseldorf gezahlt, um Peter Hermann abzuwerben - als Co-Trainer für Rückkehrer Heynckes.

Auch Heynckes lobt

Gemessen daran und auch an den mindestens 100 Millionen Euro, die der FC Bayern allein in dieser Champions-League-Saison einnehmen wird, ist die Kovac-Ablöse ein geringer Preis für die Lösung des drängenden Münchner Trainerproblems. Schwerer dürfte wiegen, dass Kovac nicht nur keine Trainererfahrung in der Champions League mitbringt, sondern überhaupt keine internationale Erfahrung als Klubtrainer - wie selbst Vorgänger Heynckes kürzlich in der "Sport Bild" angemerkt hatte: Es sei schon "von Nutzen, wenn er im nächsten Jahr erst mal international mit seiner Eintracht spielt und diese Erfahrung sammelt". Lediglich als kroatischer Nationalcoach arbeitete Kovac von 2013 bis 2015 international, allerdings mit bescheidenem Erfolg. Bei der WM 2014 scheiterte er mit Kroatien in der Vorrunde, nach schwachen Ergebnissen in der folgenden EM-Qualifikation musste er gehen.

Nach dem perfekten Kovac-Deal erklärte Heynckes nun dennoch: "Ich denke, dass der FC Bayern eine gute Wahl getroffen hat. Er ist prädestiniert, den FC Bayern zu übernehmen." Kovac sei ein "innovativer und fleißiger Trainer", der zudem eine "gute Kommunikation mit den Spielern" führe. Auch fachlich dürften an der Eignung des 46-Jährigen wenig Zweifel bestehen – schließlich hat er die Frankfurter Eintracht in nur zwei Jahren zu einer der erfolgreichsten Mannschaften der Liga geformt. "90 Prozent des Erfolgs ist Niko Kovac", hatte Mittelfeldspieler Kevin-Prince Boateng erst in der vergangenen Woche dem HR-Fernsehen gesagt: "Er hat diese zusammengewürfelte Mannschaft zu einer Einheit geformt und dieses Wir-Gefühl erzeugt. Er weiß ganz genau, wie er uns handhaben muss. Er weiß, wann er draufhauen muss, wann er uns streicheln muss. Das macht er überragend." Eigenschaften, die ihm auch in der speziellen Münchner Konstellation mit einem Starensemble an Spielern und zwei Alphatieren an der Klubspitze zu Gute kommen dürften.

Was aus den vergangenen 24 Stunden dennoch bleibt, ist das Gefühl, eine weitere kuriose Episode im höchst verwirrenden Prozess der bajuwarischen Trainersuche erlebt zu haben. Reagieren statt agieren, das war in München in den vergangenen Wochen oft zu beobachten. Das gilt nicht zuletzt für die eiligst verbreitete und irgendwie dazwischengeschobene Bestätigung der Personalie Kovac, bei der ein Zusammenhang zur verschobenen Pressekonferenz der Eintracht unschwer erkennbar ist.

Was nachhallt, ist das Gefühl, dass der FC Bayern nach dem erstaunlich raschen Durchsickern der Kovac-Personalie in der ewigen Trainerfrage wenigstens noch einmal das Heft in der Hand haben wollte - und zwar ohne Rücksicht auf die Konkurrenz aus Frankfurt. Für die kommt der Kovac-Wechsel nicht überraschend, aber er kommt angesichts der richtungsweisenden Spiele in der Liga gegen Bayer Leverkusen und im Pokalhalbfinale gegen den FC Schalke zur Unzeit. "Das ist der komplett falsche Zeitpunkt", polterte Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic. "Sehr ärgerlich und unprofessionell und respektlos" sei das Verhalten der Münchner gewesen, er habe das unter Kollegen noch nie erlebt. Die kleinste gemeinsame Trainerlösung des FC Bayern hinterlässt in Frankfurt nichts als verbrannte Erde.

Quelle: n-tv.de

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