Fußball

Und dann doch Ronaldo Perfides Real im Glück, Simeone stichelt

Am Ende schleppen sich 22 müde Männer über den Platz - und dann kommt Cristiano Ronaldo. Er nutzt die wirklich allerletzte Chance, doch noch im Mittelpunkt zu stehen. Real Madrid gewinnt die Champions League. Und Atlético weint.

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Der Star-Spieler Ronaldo und der Star-Trainer Zidane hatten anschließend nur Nettes übereinander zu sagen.

(Foto: REUTERS)

Es hatte lange gedauert, bis er kam, dieser eine Moment. 120 Minuten lang hatte sich Cristiano Ronaldo bemüht, aber er wirkte angeschlagen und müde. Viel war es nicht, was ihm gelang. Zumindest nicht für einen, der sich für den besten Fußballer der Welt hält. Und andere haben ihn ja dreimal als solchen ausgezeichnet. Aber dieser Samstagabend in Mailand war nicht sein Abend. Bis er antrat, um den letzten Strafstoß zu schießen. Breitbeinig stand er dort, wie er es immer tut. Dann lief er an, Tor - und Real Madrid hatte das Elfmeterschießen gegen den Stadtrivalen Atlético mit 5:3 gewonnen, dieses Finale mit 6:4, nachdem es ach 120 Minuten 1:1 gestanden hatte - und damit zum elften Mal in der Geschichte des Klubs in der Champions League triumphiert.

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Toni Kroos gewinnt die Champions League nach seinem Triumph mit den Bayern 2013 schon zum zweiten Mal.

(Foto: dpa)

Und Ronaldo? Zog sein weißes Trikot aus, jubelte und lag dann minutenlang mit dem Rücken auf dem Rasen vor der Tribüne mit den Real-Fans, ließ sich herzen, ließ sich feiern und wusste: Auch wenn es nicht sein Spiel war, hatte er den krönenden Schlusspunkt gesetzt - und die Show war die seine. Er beendet die Saison als der Spieler, der mit 16 Toren die meisten in der europäischen Königsklasse erzielt hat; er beendete die Saison mit seiner 48. Partie, damit ist er öfter aufgelaufen als jeder andere in seinem Team. Und er beendet die Saison als Champion, weil die Königlichen am Ende eines guten und vor allem spannenden Endspiels ein wenig das Glück auf ihrer Seite hatten. Und weil Atléticos Juanfran, der eh schon aussieht wie das Leiden Christi, seinen Elfmeter in der finalen Fußballlotterie an den Pfosten schoss - und so den Weg für Ronaldo bereitete. Ob dieses Real nun das beste Team Europas stellt, sei einmal dahingestellt. Am Ende ist es so, wie es Diego Simeone, der Trainer des unglücklichen Verlierers sagte: "Das Team, das gewinnt, ist immer das bessere."

Und wieder trifft Ramos

Real Madrid - Atletico Madrid 1:1 n.V. (1:0, 1:1), 5:3 i.E.

Tore: 1:0 Ramos (15.), 1:1 Carrasco (79.)

Elfmeterschießen: 1:0 Vázquez, 1:1 Griezmann, 2:1 Marcelo, 2:2  Gabi, 3:2 Bale, 3:3 Saúl, 4:3 Ramos, 4:3 Juanfran schießt Elfmeter an den Pfosten, 5:3 Ronaldo

Bes. Vork.: Griezmann verschießt FE (48.)

Real: Navas - Carvajal (52. Danilo), Pepe,  Ramos, Marcelo - Casemiro - Modric, Kroos (72. Isco) - Bale, Benzema (77. Vazquez), Ronaldo. - Trainer: Zidane

Atletico: Oblak - Juanfran, Savic, Godin, Filipe Luis (109.  Lucas) - Gabi, Fernandez (46. Carrasco) - Saul, Koke (116. Thomas) - Torres, Griezmann. - Trainer: Simeone

Referee: Clattenburg (England) Zus: 71.500

Beste Spieler: Ramos, Casemiro - Koke, Juanfran Gelbe Karten: Carvajal (3), Navas (2), Casemiro (3), Ramos (3),  Danilo (3), Pepe (2) - Torres, Gabi (3) 

Torschüsse: 25:18 Ecken: 7:6 Ballbesitz: 48:52 Prozent

Es wird ja oft gesagt, seine Mannschaft spiele so Fußball, wie Simeone sich an der Seitenlinie gibt. Wild, entschlossen, aggressiv, provokant, mit Leidenschaft und nie bereit, aufzugeben. Das klingt nach einem Klischee. Aber irgendetwas ist dran an dieser These. Es begann nicht gut für Atlético vor 71.500 Zuschauern im Stadio Guiseppe Meazza im Mailänder Stadtteil San Siro. Und doch haben sie sich wieder zurückgekämpft. Gareth Bale, Karim Benzema und Cristiano Ronaldo hatten vor diesem Endspiel in dieser Spielzeit zusammengezählt 98 Tore erzielt - zehn mehr als die gesamte Mannschaft Atléticos.

Da hatte Trainer Zinedine Zidane also die geballte Offensivkraft Reals auf den Rasen geschickt. Der hat nun dreimal den wichtigsten Pokal des Kontinents gewonnen: 2002 als Spieler, 2014 als Assistent Carlo Ancelottis - und nun als Chef. Da war auch dem sonst eher wortkargen Franzosen nach etwas Pathos zumute: " Real Madrid ist die Mannschaft meines Lebens, es ist eine große Ehre, Teil dieser Familie zu sein." Das erste Tor der Partie hatte aber kein Angreifer erzielt: Nach einer Viertelstunde besorgte Kapitän und Innenverteidiger Sergio Ramos das 1:0. Mit dem Kopf, natürlich. Allein: Als zuvor Gareth Bale den Ball mit dem Kopf verlängert hatte, stand Ramos im Abseits. Es war knapp, es ging um Zentimeter, aber es war Abseits. Es war sein erstes Tor in der Champions League seit dem Finale 2014, ebenfalls gegen Atlético. Die Zuschauer hatten es an diesem Samstagabend bereits gesehen, die Uefa ließ vor dem Anpfiff auf der Videolandwand Szenen des Endspiels in Lissabon zeigen. Vor zwei Jahren hatte Innenverteidiger Diego Godin, der auch in Mailand wieder auf dem Platz stand, Atlético nach 36 Minuten in Führung gebracht. Die hielt bis zur 93. Minute. Dann rammte besagter Ramos den Ball mit dem Kopf zum Ausgleich ins Tor. Der Rest ist Geschichte: Real erzielte in der Verlängerung drei weitere Tore und gewann mit 4:1. Eine Schmach, die Atlético nun in San Siro eigentlich nur allzu gerne tilgen wollte.

Griezmann tritt zweimal an

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Atlético-Trainer Diego Simeone gab wieder einmal alles an der Seitenlinie.

(Foto: REUTERS)

Doch dieser frühe Rückstand war das Schlimmste, was Atlético passieren konnte. Denn danach agierte Real erst recht mit einer nahezu perfiden Taktik. Sie hatten sich das durchaus schlau ausgedacht - und überließen dem Gegner einfach mal den Ball, so dass zur Pause das Besitzverhältnis ausgeglichen war. Die Königlichen machten nicht den Fehler, dem Stadtrivalen den Raum und die Gelegenheit zum Kontern zu geben. Und Atlético? Konnte damit wenig bis nichts anfangen. Zweimal schoss Antoine Griezmann aufs Tor, das war's. Sein Stürmerkollege Fernando Torres trat in der ersten Halbzeit gar nicht in Erscheinung. Seine Bilanz: Kein einziger Schuss, kein einziger gelungener Pass, keine Chance kreiert.

Doch dann, nur drei Minuten nach der Pause, war er plötzlich da, ließ sich von Reals Pepe foulen und sorgte so dafür, dass seine Mannschaft aus dem Nichts heraus die Chance zum Ausgleich bekam. Griezmann trat an - und schoss vor der Tribüne mit den Fans Atléticos den Ball aus elf Metern an die Unterseite der Latte und nicht, wie mutmaßlich intendiert, ins Tor. Dass er später im Elfmeterschießen gleich als Erster antrat und traf, dürfte ihn auch nicht getröstet haben. Doch sie gaben sie nicht auf. Und elf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit traf der Belgier Yannick Carrasco dann doch noch zum verdienten Ausgleich. Doch am Ende trugen die Sieger Weiß - und Simeone war wieder der Verlierer. Was ihm denn zu seinem Kollegen Zidane einfalle, wurde er hinterher gefragt. Seine Antwort: "Er hat das Glück, eines der drei besten Teams der Welt zu coachen."

Und er hat das Glück, einen Cristiano Ronaldo in seinem Team zu haben. Der sei übrigens nicht verletzt gewesen, "nein, nein. Er war da, er ist viel gelaufen, wie alle anderen Spieler, und hat seinen Teil zum Sieg beigetragen." Und was hat er, also Zidane, vor dem Elfmeterschießen mit Ronaldo besprochen? "Wir haben uns ein bisschen auf dem Rasen unterhalten, wie antreten soll." Das hat dann ja geklappt. Und was sagte der Champion? "Ich wusste, dass ich den entscheidenden Elfmeter schießen werde und bin so glücklich, dass ich ihn verwandelt habe. Ich möchte diesen Titel mit allen Real-Fans teilen. Dieser Sieg ist aber auch für Zinedine Zidane. Er ist ein echter Monsieur. Er hat sich das verdient."

Quelle: ntv.de