Fußball

Pressingmonster mit Taktikfinesse RB Leipzig brilliert als Fußball-Kraftwerk

Abseits des Platzes bleibt RB Leipzig ein Streitthema. Auf dem Rasen sorgt der Bundesliga-Aufsteiger für Furore. Nach zehn Spieltagen liegt er ungeschlagen auf Rang zwei - dank einer bekannten Spielidee in perfekter Ausführung.

"Wir wissen noch gar nicht, wo das Limit dieses Kaders ist." Das sagte Ralph Hasenhüttl, Trainer von RB Leipzig, vor knapp einem Monat der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Nun, nach gut einem Drittel der Spielzeit, ist Fußball-Deutschland etwas schlauer. Der Bundesliga-Aufsteiger liegt punktgleich mit dem FC Bayern auf Rang zwei und ist damit der erfolgreichste Neuling der Ligageschichte. Selbst die ambitionierten Leipziger hätten wohl nicht mit einem derart erfolgreichen Saisonstart gerechnet.

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RB Leipzig zeigt eine alte Spielidee in perfekter Ausführung.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Dass die Rasenballsportler dank österreichischer Brausemilliarden in die ganz hohen Gefilde des deutschen und auch internationalen Fußballs vorstoßen möchten, ist bekannt. Doch das erste Jahr in der Bundesliga mit einem Kader, der gespickt mit ebenso jungen wie unerfahrenen Talenten ist, sollte zunächst zur Akklimatisierung dienen, ohne dabei in Abstiegsnöte zu geraten. Zumindest haben sie das so propagiert. Die Realität sieht viel rosiger aus: Leipzig hat bis jetzt noch kein Ligaspiel verloren, lag überhaupt nur zehn Minuten in Rückstand, schlug unter anderem Borussia Dortmund und den VfL Wolfsburg. Heute nun (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) steht am elften Spieltag die Partie beim TSV Bayer 04 Leverkusen an. Und Trainer Ralph Hasenhüttl sagt: "Wir wollen unbedingt was mitnehmen und ungeschlagen bleiben. Wo es einen Punkt gibt, gibt es auch drei."

Weiterentwicklung seit Sommer

Eine befürchtete Eindimensionalität, die der sehr Pressing-lastigen Mannschaft womöglich auf die Füße fallen könnte, ist bisher nicht zu beobachten. Vielmehr erzielte Hasenhüttl bereits merkliche Fortschritte im Mannschafts- und Gruppentaktischen. Der Österreicher kam vor der Saison vom FC Ingolstadt, bei dem er nun schmerzlich vermisst wird. In der vergangenen Spielzeit stand noch Ralf Rangnick an der Seitenlinie. Der 58-Jährige zog sich wieder auf den Posten des Sportdirektors zurück, um einem jüngeren Kollegen die Führung der Mannschaft zu überlassen.

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An der Mittellinie üben beide zentralen Angreifer leichten Druck auf den Ballführenden aus, während sie die gegnerische Anspielstation im Zentrum in den Deckungsschatten stellen. Beide Flügelstürmer schieben flexibel zu ballnahen Gegenspielern (hier Forsberg) oder belauern Passwege und mögliche Passempfänger (hier Sabitzer).

Mit Hasenhüttl hat Rangnick seinen perfekten Nachfolger gefunden. Denn vergleicht man deren Spielsystem mit dem der Ingolstädter aus der vergangenen Saison, so wird deutlich, dass Hasenhüttl gewissermaßen die Weiterentwicklung bereits in der Schublade liegen hat. Während Leipzig in der zweiten Bundesliga noch etwas ungestümer, dafür aber kraftvoller das Pressing führte, präferiert der österreichische Trainer ausgeklügeltere Pressingfallen.

Das Intensitätslevel wurde jedoch nicht gesenkt. Noch immer tritt die Mannschaft das Gaspedal über 90 Minuten bis zum Anschlag durch. Neben Ähnlichkeiten zum letztjährigen Ingolstadt erinnert Leipzig oftmals an Bayer Leverkusen. Aber im Vergleich zu den Rheinländern haben Hasenhüttls Spieler eine effektive Rückzugsstrategie verinnerlicht, die Bayer gerne mal abgeht. Umso interessanter ist das Aufeinandertreffen beider Mannschaften an diesem Freitagabend. Leipzig und Bayer formieren sich zumeist in einem 4-4-2, wobei die Flügelstürmer oftmals in die vordere Linie stoßen und den Pressingdruck erhöhen. In der vergangenen Saison rannten die Sachsen gelegentlich ins offene Messer, da sie viel Raum im Mittelfeld aufgaben und ihre Pressingattacken keinen wirklichen Überraschungseffekt entfalteten. Ein präziser Lobpass hinter die erste Pressinglinie brachte Leipzig des Öfteren ins Schwitzen. Deshalb erscheint es nur folgerichtig, dass Hasenhüttl den Rückzug anordnet, sobald der schnelle Ballgewinn unrealistisch erscheint.

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Tief am eigenen Sechzehner ziehen sich die beiden Viererketten zusammen und verdichten den Zwischenraum (rot). Nach Balleroberungen gehen meist beide Mittelstürmer - teils nach kurzer Ballablage - steil nach vorne. Der Linksaußen in diesem Fall würde auf den Flügel driften.

Dann formiert der Bundesliga-Neuling zwei enge Viererketten in der eigenen Hälfte. Nun ist Absicherung das oberste Gebot. Die Abstimmung zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen zum Beispiel beim Verteidigen der Halbräume hat sich in der laufenden Spielzeit um einiges verbessert.

Vor den beiden Ketten warten in der Regel die zwei zentralen Angreifer - manchmal stehen sie tief, manchmal lassen sie ein Loch. Nach Balleroberungen soll das Spielgerät schnell zum offensiven Dreh- und Angelpunkt Yussuf Poulsen gelangen. Der Däne kann mit seinem Körper den Ball abschirmen und die quirligen Nebenmänner anspielen. Gerade Marcel Sabitzer und Emil Forsberg sind starke Dribbler. Neuzugang Timo Werner hingegen kommt vor allem über seine Beschleunigung zum Tragen. Der Ex-Stuttgarter unternimmt viele Läufe hinter die gegnerische Verteidigungslinie, um dort den Ball in Empfang zu nehmen. Ähnliche Qualitäten bringt auch das schottische Talent Oliver Burke mit, das sich langsam an die erste Elf herantastet.

Nicht die Einzigen ihrer Art

Aus dem eigenen Spielaufbau heraus versuchen die Leipziger,  fix den Angriff zu beschleunigen und mit Tempo in die Zwischenräume zu kommen. Da ihnen Leverkusen wenig Zeit lassen wird, greift RB wahrscheinlich wieder auf lange Bälle zurück. Diese Schläge erzeugen oft Situationen, in denen Leipzigs Gegenpressing Wirkung zeigt. An sich sind das keine revolutionären Neuheiten. Da aber die Sachsen ihre Gegner meist mit einem Kraftvorteil überwältigen und damit viele Duelle im Mittelfeld für sich entscheiden, sind sie aktuell derart erfolgreich.

Das birgt jedoch die Gefahr, dass ihnen irgendwann im Saisonverlauf die Körner und damit die entscheidenden Meter fehlen. Bayer 04 ist zudem selbst Spezialist im Gegenpressing, kann ebenfalls zum Kraftwerk werden. Insofern ist das Duell beider Teams ein faszinierendes Aufeinandertreffen zweier ähnlicher Spielstile. RB findet sich womöglich erstmals nicht in gewohnter Rolle wieder und muss den Fokus von der eigenen Gegenpressing- und Zweikampfstärke etwas lösen.

Allerdings tut sich Hasenhüttls Mannschaft schwer, wenn sie konstruktiv das Spiel aufbauen muss und keine allzu großen Lücken angeboten bekommt. Leverkusen jedoch könnte genau diese Lücken in der eigenen Formation infolge zu aggressiven Pressings verursachen. Aber selbst in einem reinen auf Gegenpressing ausgerichteten Duell dürften die Leipziger die Nase vorn haben. Das Kollektiv wirkt gefestigter, die Abläufe werden sauberer ausgeführt und die Verteidigungs- wie auch Umschaltvorgänge sind zielgerichteter. Im Duell Kraftwerk gegen Kraftwerk wäre Leipzig im Moment der Stärkere.

Quelle: ntv.de