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Sieht die meisten Spieler auf Bauchhöhe: Sitz-Profi Rotenberg.
Sieht die meisten Spieler auf Bauchhöhe: Sitz-Profi Rotenberg.(Foto: imago/Russian Look)
Mittwoch, 04. April 2018

WM-Countdown (71): Russlands Rekordfußballer darf nicht zur WM

Von Katrin Scheib, Moskau

Boris Rotenberg hat etwas geschafft, wovon die Ronaldos und Neymars dieser Welt nur träumen können. Trotzdem darf der Rekordfußballer, der aktuell bei Lokomotive Moskau unter Vertrag ist, nicht zur WM. Es ist ein Skandal!

Lionel Messi. Cristiano Ronaldo. Neymar. Wenn Mitte Juni die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland beginnt, sind sie alle dabei: die Männer, die den schönsten, klügsten, schnellsten, erfolgreichsten Fußball auf dem ganzen Planeten spielen. Nur ein Rekordfußballer wird fehlen: Boris Rotenberg.

Das ist nichts anderes als ein kapitaler Skandal, denn Rotenberg hat etwas erreicht, das Messi nie gelungen ist. Ronaldo wäre daran gescheitert, hätte er es auch nur versucht. Neymar? Keine Chance, niemals! Der Rekord, den Rotenberg aufgestellt hat, gelang ihm in der Premjer-Liga, über Jahre hat er ihn sich hart erarbeitet: Er ist der Spieler mit den meisten Einsätzen in dieser höchsten russischen Liga - wenn man "Einsatz" ganz, ganz wörtlich nimmt: Rotenburg hat gesessen. Auf der Ersatzbank. Ohne dass ihn jemand eingewechselt hätte. Öfter als jeder andere Spieler.

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131 Ersatzbank-Sitzungen haben die Sportstatistiker von "Zifroskop" gezählt. Sowas schafft ein Spieler nur, wenn ihm keine Ausreißer passieren. In der Spielzeit 2013/14 zeigte Rotenberg bereits, wohin es gehen sollte: Nur dreimal aufgestellt, im Schnitt bloß 21 Minuten auf dem Platz, den Rekord fest im Blick. Dann die harten Jahre: elf Spiele in der Saison 2014/15, sogar 15 in der danach - der Rekord rückte in weite Ferne. Doch Rotenberg kriegte die Kurve, blieb wieder brav sitzen und kann nun feiern: Keiner drückt in Russland mit solcher Hingabe und Ausdauer die Bank wie er.

Man muss in diesem Zusammenhang auch den vielen Vereinen, bei denen Rotenberg in den vergangenen Jahren gespielt hat, Respekt zollen. Nicht jeder Klub würde sich einen Fußballprofi kaufen, um ihn dann weitgehend auf der Bank zu parken. Dass besagter Profi der Sohn eines engen Freundes von Wladimir Putin ist, hat damit natürlich nichts zu tun.

Auch bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land hätte Rotenberg sein Talent ausleben können. Die Füße auf dem Boden, den Hintern auf der Bank - so hätte er internationalen Fußballfans auch die wichtige Rolle des Sitzens in der russischen Kultur nahebringen können. Schließlich ist hier das Land, in dem man sich vor jeder Reise, zu der man aufbricht, noch einmal kurz hinsetzt, weil alles andere Unglück bringt.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Allein, es hat nicht sollen sein. Russlands Nationalmannschaft hat noch nie irgendein Interesse an Rotenberg gezeigt und für die finnische - er hat beide Staatsangehörigkeiten - durfte er bisher genau einmal spielen: am 9. Juni 2015 gegen Estland, Finnland verlor mit 0:2. Hätte Boris Rotenberg tun dürften, was er am besten kann, das Spiel wäre vielleicht anders ausgegangen, wer weiß. Fest steht jedenfalls: Finnland hat sich nicht für die WM qualifiziert, die Fußballwelt wird Rotenberg also nicht in Bank-Aktion erleben. Und er selbst? Kann das Turnier auch nur vor dem Fernseher verfolgen. Immerhin: sitzend.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de