Fußball

Ungeimpfter Bayern- und DFB-Star So kommentieren Medien den "Fall Kimmich"

259836394.jpg

Im September führte Kimmich die DFB-Elf als Mannschaftskapitän aufs Feld - eine verantwortungsvolle Aufgabe.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich sorgt mit seiner Aussage für Aufsehen, dass er bislang nicht gegen das Coronavirus geimpft ist. Der Profi des FC Bayern begründet seine Entscheidung zwar - doch deutsche Medien kommentieren seine Beweggründe und sein Verhalten kritisch.

Joshua Kimmich ist nicht der einzige, aber sicherlich der bekannteste Fußballer Deutschlands, der öffentlich über seinen Status als "nicht geimpft" gesprochen hat. Nach Medienberichten erklärt sich der 26-Jährige im Anschluss an einen deutlichen Heimsieg seines FC Bayern, das Sportliche gerät dadurch in den Hintergrund. Kimmich erläutert zwar, warum er bislang auf die Impfung verzichtet hat. Doch seine Worte stoßen in den Meinungsstücken, den Kommentaren großer deutscher Medien auf wenig Verständnis.

So schreibt etwa die "Nordwest-Zeitung" aus Oldenburg: "Zu Kimmich bleibt zu sagen: Daneben, dass es nicht klug (sondern eher bedenklich, weil gefährlicher) ist, sich nicht impfen zu lassen - zumal auf Basis einer fatalen Wissenslücke! -, ist es nicht klug, das im TV öffentlich zu sagen. Er hätte wissen müssen, dass das eine riesige Debatte lostritt, die ja gar nicht in seinem Sinne sein kann, da sie Impfgegnern und Corona-Leugnern in die Hände spielt - zu denen er sich explizit nicht zählt - und angesichts wieder steigender Infektionszahlen nicht hilft, die Pandemie weiter einzudämmen. Zudem: Bundesliga-Profis sind Vorbilder, hatten noch im ersten Lockdown das Privileg, wieder kicken zu dürfen. Auch wenn es ihr Job ist, wünschen sich viele Fans etwas mehr Demut."

Auch der Sportinformationsdienst bezieht eindeutig Stellung: "Er sei kein Corona-Leugner oder Impfgegner, sagte der Profi. Aber seine nun öffentlich geäußerten Bedenken spielen gerade den vielen Corona-Leugnern und Impfgegnern in die Karten. Bei einer Pandemie, die es erst seit knapp zwei Jahren gibt, sind Langzeitstudien nicht möglich. Es gibt in Deutschland aber klare Empfehlungen der Wissenschaft und der Ständigen Impfkommission. Darüber setzt sich Kimmich mit seiner Haltung hinweg. Kimmich gilt als kommender Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er gilt als Vorbild. Aber dieser Vorbildfunktion wird er in diesem Fall nicht gerecht."

Bei der "Frankfurter Rundschau" heißt es: "Das Verheerende an der Einstellung von Joshua Kimmich, sich vorerst nicht impfen zu lassen, ist doch, dass derlei Beteuerungen Wasser auf alle Mühlen von Querdenkern und Impfgegnern ist. Es ist genau die krude Argumentationskette der Aluhüte, 'ein paar Bedenken' zu formulieren 'was fehlende Langzeitfolgen angeht'. Da kann Joshua Kimmich vom FC Bayern München noch so viel erzählen, er sei kein grundsätzlicher Impfgegner oder gar Corona-Leugner, er könne sich durchaus vorstellen, sich irgendwann impfen zu lassen. Was ankommt in der Öffentlichkeit ist viel mehr: Impfen ist mindestens mit Risiko verbunden, wenn nicht mit Gefahr. Und das ist ziemlicher Unsinn: Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Argumente, die gegen das Impfen sprechen, Langzeit-Nebenwirkungen sind weitgehend unbekannt. Impfen schützt vor schweren Verläufen. Fatal ist, dass diese Impfskepsis ja nicht irgendein 08/15-Fußballer artikuliert."

Besonders deutlich wird es in der "Hamburger Morgenpost": "Wie denken Fans darüber, wenn auf den Rängen die 2G-Regelung gilt und auf dem Rasen Ungeimpfte kicken? Was ist ein Impfbus des DFB bei Länderspielen noch wert? Und warum sollten sich Unentschlossene impfen lassen, wenn die in der Corona-Krise über alle Maßen privilegierten Fußball-Profis die Möglichkeit nicht wahrnehmen? Für mich ist klar: So lange Joshua Kimmich nicht geimpft ist, sollte er das Trikot des DFB nicht tragen - und am besten auch nicht das von Bayern München."

Die Sportschau kommentiert: "Angesprochen auf die Gründe für seine Entscheidung, äußerte Kimmich Bedenken, die ganz offensichtlich Unsinn sind. Kimmich argumentiert nämlich, er habe sich nicht impfen lassen, weil er Langzeitstudien abwarten wolle. Und genau hier liegt sein grundlegender Irrtum. […] Bei den Corona-Impfstoffen haben wir sogar noch den Vorteil, dass sie weltweit schon millionenfach verimpft wurden. Sodass selbst die Erkennung ganz seltener Nebenwirkungen vereinfacht worden ist. Joshua Kimmich steht es selbstverständlich frei, sich in der Impffrage zu entscheiden, wie er will. Nur Schluss bitte mit Unsinn vor Mikrofonen zum Thema Langzeitstudien bei Impfstoffen."

Auch die "Süddeutsche Zeitung" übt Kritik am Nationalspieler: "Denn wer auf der einen Seite sagt, er habe Bedenken bei seltenen Nebenwirkungen der Impfung, der riskiert auf der anderen Seite auch, sich ungeschützt mit Corona zu infizieren. Kimmich ist jung, er ist Sportler, wahrscheinlich ist ein schwerer Verlauf bei ihm nicht, aber auch dieses Risiko ist mit der Delta-Variante wieder gestiegen. Aber wo so viel von Risiken die Rede ist, steht auf der anderen Seite der überwältigende Nutzen des Impfstoffes: Er schützt zuverlässig vor schweren Verläufen. Das ist eigentlich die wichtigste Botschaft - die nun durch die Haltung des Nationalspielers weniger stark ankommen wird."

Beim ZDF wird die Sachlage so eingeschätzt: "Sein Verein, der FC Bayern München, wird sein wichtigstes Kapital, seine Spieler, über die Zusammenhänge aufgeklärt haben. Wenn ihm das nicht reicht, hat Kimmich alle Möglichkeiten, weitere Fachleute zu kontaktieren, um mehr zu erfahren. Vor allem aber: Sein Verhalten in dieser Frage passt nicht zu seinem selbst gesetzten Anspruch der Gradlinigkeit, er duckt sich weg. Noch kann Joshua Kimmich das Vorbild sein, das er für viele bisher war, und sich impfen lassen: Es wäre ein starkes Signal."

Die "Augsburger Allgemeine" wirft Kimmich vor, sich unsolidarisch zu verhalten: "Es ist legitim, sich wie Kimmich nicht impfen zu lassen - allerdings ist das eben eine Entscheidung, die nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Umwelt betrifft. Und etwas mit gelebter Solidarität zu tun hat. Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich, sondern auch seine Mitmenschen. Auch wenn, wie Kimmich argumentiert, es mitunter Impfdruchbrüche gibt. Kimmich konnte am Samstag wieder vor 60.000 Menschen in der Münchner Arena spielen, weil ein Großteil der Gesellschaft bereits doppelt geimpft ist. Der Nationalspieler profitiert im beruflichen wie privaten Bereich von einem gesamtgesellschaftlichen Einsatz, ohne selbst seinen Teil dafür geleistet zu haben."

Der "Sportbuzzer" wählt eine Fußball-Metapher, um das Verhalten Kimmichs zu kritisieren: "Profi-Fußballer haben Verantwortung, sind Vorbilder für Millionen. Mit seinem Verhalten und seiner Erklärung hat Kimmich nun all den Impf-Zweiflern, all den Zauderern und Zögerern Argumente geliefert und Schwurblern wie Verschwörungstheoretikern ein prominentes Gesicht ('Na, wenn der schon nicht...!') und damit eine Steilvorlage gegeben. Kimmich scheut den kleinen, zweimaligen Piks. All die großen Einschläge des Shitstorms muss er nun aushalten. Vermeidbare Nebenwirkungen eines Eigentors."

Und der "Spiegel" meint, dass Kimmich seine Vorbildfunktion ins Gegenteil verkehrt: "Wenn Kimmich darauf hinweist, dass er erst auf entsprechende Studien wartet, dann tut er so, als sei er ein Otto Normalverbraucher irgendwo am Ende der Informationskette. Der zu erwartende Effekt scheint klar: Wenn schon so einer wie der Kimmich Bedenken hat, der sich doch so umfassend um Corona kümmert, warum soll ich mich dann impfen lassen? Das wäre dann zwar wiederum eine Vorbildfunktion, diesmal aber in umgekehrter Richtung."

Quelle: ntv.de, tsi

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen