Fußball

Aber es lauert eine große Gefahr Thomas Tuchel bekommt, was er verdient

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Voll motiviert.

(Foto: REUTERS)

Nur gut einen Monat nach seinem Rauswurf bei Paris St. Germain eröffnet sich für Thomas Tuchel eine herausragende neue Chance. Der hochbegabte Trainer soll den kriselnden FC Chelsea zu dem machen, was der Kader hergibt: zu einem titelreifen Spitzenteam.

Es droht ein Problem. Es heißt Marina Granovskaia. Sie gilt als mächtigste Frau im Weltfußball und wurde vom Magazin "Forbes" einst zur Nummer fünf der mächtigsten Frauen in der gesamten Sportwelt ernannt. Marina Granovskaia ist eine Frau, die harte Entscheidungen trifft. Eine besonders harte hat sie am Montag getroffen, als sie sich endgültig gegen Frank Lampard entschied. Als sie dafür sorgte, dass die Legende des FC Chelsea nicht mehr für die Profifußballer des FC Chelsea verantwortlich ist. Das Projekt Herzenstrainer und Herzensklub war krachend gescheitert. Es war Medienberichten zufolge eine Trennung mit reichlich Vorlauf. Begründet nicht nur in der aktuell großen Krise der "Blues", die sich in spielerischen Defiziten und mit Platz neun in der Liga ausdrückt. Elf Punkte hinter Tabellenführer Manchester United.

Dafür, dass Frank Lampard nun nicht mehr Trainer seines Herzensklubs ist, sollen auch Zerwürfnisse bei Transferentscheidungen eine erhebliche Rolle gespielt haben. Dabei soll es unter anderem auch um den Torwart gegangen sein. Während der Trainer jedes Vertrauen in den einst arg teuren Kepa verloren hatte und einen neuen Mann haben wollte, wollte die Führung des Klubs offenbar, dass der Trainer den Spanier wieder hinbiegt. Das Duell ging an Lampard, er bekam Edouard Mendy. Und der 28 Jahre alte Senegalese löste tatsächlich das Problem zwischen den Pfosten. Nicht aber das alles überlagernde Problem, über das Lampard nun gestolpert ist: die Transformation von einem teuren zu einem erfolgreichen Ensemble.

Das hinzubekommen, wird nun die Aufgabe von Thomas Tuchel werden. Dass er das Amt übernimmt, galt schon lange vor der offiziellen Bekanntgabe am Dienstagabend als sicher. Bereits am Mittwoch soll der 47-Jährige die Hoheit an der Seitenlinie haben, wenn es für Chelsea gegen die Wolverhampton Wanderers geht (ab 19 Uhr im Liveticker bei ntv.de). Wenn es darum geht, den Trend zu stoppen und sich wieder nach oben zu orientieren. Denn das Selbstverständnis des Vereins, der im Sommer rund 250 Millionen Euro in den Kader gesteckt hat, ist nicht das nationale und internationale Mittelmaß, sondern die Spitze. Am besten garniert mit neuen Titeln.

Immer wieder im Clinch

Und Titel, das kann er, der Thomas Tuchel. Allein sieben hat er mit Paris St. Germain eingesammelt. Nun, mit der besten Mannschaft des Landes und nur einem kleinen Kreis an nationalen Konkurrenten, wirkt das womöglich nicht besonders beeindruckend. Allerdings hat es Tuchel geschafft, ein Team aus riesigen Egos zu einer Mannschaft zu formen. Die verpasste ihre Krönung am 23. August nur ganz knapp, als sie im Finale der Champions League mit 0:1 gegen den FC Bayern verlor. Tuchel und Paris, das war trotz all der Misstöne eine erfolgreiche Geschichte. Die Misstöne gab es vor allem zwischen dem Trainer und seinem Sportdirektor. Immer wieder lagen Tuchel und Leonardo im Clinch. Immer wieder ging es um den Kader. Mit dem Ergebnis, dass der Deutsche den Machtkampf verlor. Anders als zuvor in Dortmund, als es ebenfalls eine Kontroverse mit Borussias Chefscout Sven Mislintat gab. Damals mit dem "Sieger" Tuchel.

Tuchel, das hat man immer wieder erlebt, ist kein einfacher Typ. All seine drei bisherigen Stationen als Trainer verließ er nicht im Guten. Besonders schäbig wurde es damals bei der Borussia, als es nach dem Anschlag zu einem nicht mehr zu kittenden Dissens mit den Klubbossen kam. Die Kulmination von angestauten Problemen. Unbestreitbar indes war stets: Der Tuchel, der ist ein guter Trainer. Ein sehr guter. Womöglich einer der besten der Welt. Taktisch herausragend, mit dem Makel der mangelnden Empathie. Ob dieser Makel aber wirklich zu halten ist? In Paris hat er immerhin große Egos wie Neymar gebändigt. Nur mit autoritärer und unempathischer Führung geht das bei einem so sensiblen Fußballer wohl nicht.

Ein Kader mit überragender Perspektive

Was für ein herausragender Trainer er ist, das kann und muss Tuchel jetzt beim FC Chelsea beweisen. Dort bekommt der 47-Jährige nun tatsächlich das, was er verdient: eine Top-Mannschaft mit überragender Perspektive. Aber eine ohne erkennbare Spielidee. Ohne Philosophie. Eine, die nicht satt ist - die Pariser wirkten angesichts der so unausgeglichen Machtverhältnisse in den nationalen Wettbewerben bisweilen doch arg gelangweilt und nicht sonderlich motiviert - , sondern gierig. Gierig auf alles was kommt.

Wie schon in Paris liegt die Stärke des "Blues"-Teams absolut in der Offensive. Die ist unter anderem mit Tammy Abraham, Timo Werner, Hakim Ziyech, Christian Pulisic oder aber Callum Hudson-Odoi brutal talentiert. Das offensiv ausgerichtete Mittelfeld mit Kai Havertz, mit Mason Mount und Billy Gilmour ebenfalls. Dahinter sichern Spieler wie Mateo Kovacic, N'Golo Kanté und Jorghinho ab, allesamt Top-Leute. Und auch die Abwehr ist mit Kurt Zouma, Antonio Rüdiger, Ben Chilwell und Reece James sehr ordentlich besetzt. Hinzu kommt noch der alternde Thiago Silva, den Tuchel im vergangenen Sommer unter Protest ziehen lassen musste.

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Warum diese Mannschaft in dieser Saison nicht ins Rollen kommt, das gilt es für Tuchel nun dringend zu ergründen. Womöglich liegt es daran, dass sie von Lampard keinen Matchplan bekam, an dem sie sich orientieren konnte. Laut dem Portal "The Athletic" sollen mehrere Spieler der "Blues" das Ausbleiben von klaren taktischen Anweisungen der Klub-Legende beklagt haben. Ein Umstand, den sie künftig nicht mehr befürchten müssen. Denn Tuchel gilt neben Josep Guardiola wohl als der Trainer, der den Fußball in allen Details am intensivsten durchdenkt. Dessen Teams sich immer durch eine so klare Struktur ausgezeichnet haben, zwischen offensiver Brillanz (BVB) und stabiler Balance (PSG). Stets mit durchaus großem Erfolg.

Ein weiteres Problem der Londoner in dieser Saison: Die Star-Einkäufe Werner und Havertz haben ihren Platz in der Mannschaft noch nicht gefunden. Werner plagt sich gar mit einer aberwitzigen Schwäche im Abschluss herum. Was ihm in den vergangenen Jahren bei RB Leipzig so brillant gelungen war, gelingt nun gar nicht mehr - nach einem eigentlich guten Saisonstart. Und Havertz, der fremdelt auch. Tuchel kommt und hat direkt Druck, Lösungen zu finden. Denn sonst droht ein Problem. Es heißt Marina Granovskaia.

Quelle: ntv.de

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