Fußball

Hoppes beeindruckende Wandlung Viel zu aggressiv für einen Spielmacher

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Hoppes Bundesliga-Bilanz: Sieben Spiele, fünf Tore.

(Foto: Tim Rehbein/RHR-FOTO/Pool)

Schalke 04 steht vor dem sportlichen Abgrund. Der Traditionsverein ist mit mageren sieben Punkten Letzter der Bundesliga und benötigt eine optimale Rückrunde, um doch noch den Abstieg zu vermeiden. Ein überraschender Hoffnungsträger wird in diesem Unterfangen der junge US-Stürmer Matthew Hoppe sein.

Matthew Hoppe sorgte in den vergangenen zwei Wochen für Aufsehen in der Liga. Erst erzielte der 19-Jährige drei Tore beim einzigen Schalker Saisonsieg gegen die TSG Hoffenheim, dann legte er jeweils einen Treffer gegen Eintracht Frankfurt und den 1. FC Köln nach. Wenngleich Hoppe die Niederlagen gegen die beiden letztgenannten Mannschaften nicht abwenden konnte, macht sich doch ein wenig Hoffnung unter den Schalkern breit. Die Offensive - und insbesondere das Sturmzentrum - galt lange als absolute Schwachstelle des Teams. Nach der Suspendierung von Vedad Ibišević und der schweren Knieverletzung von Gonçalo Paciência sah es so aus, als müssten die Königsblauen ganz ohne echte Spitze auskommen.

Doch mit Hoppe haben sie wieder einen großgewachsenen und zugleich dynamischen Angreifer, der eventuell sogar zusammen mit Rückkehrer Klaas-Jan Huntelaar für Furore sorgen könnte. Der steile Aufstieg Hoppes mag allerdings für einige überraschend kommen. "Als er zur U23 kam, erhielt er nicht viel Einsatzzeit. Er war einfach nur da", erinnert sich Sean McCafferty, Hoppes ehemaliger Jugendtrainer in den USA.

McCafferty berichtet im Gespräch mit ntv.de, dass er mit dem Vater von Hoppe immer noch in Kontakt steht und auch davon erfuhr, als Hoppe zum Training der ersten Schalker Mannschaft berufen wurde. "Er traf dann in einem Testspiel. Und drei Wochen später hat er schon fünf Treffer in drei Bundesliga-Partien erzielt", weiß der Ire. So kann es manchmal gehen.

Vom Spielmacher zum Stürmer

Die Beziehung zwischen McCafferty und der Familie Hoppe ist eine besondere. Matthew spielte als Teenager zunächst in keinem renommierten Team an der US-amerikanischen Westküste. Obwohl er aus der Region um Los Angeles stammt, wurde er von dem dortigen Top-Klub LA Galaxy nicht in die Jugendakademie geholt. Ein Probetraining in der Barça Residence Academy in Arizona im Jahr 2017 sollte dann die Karriere Hoppes entscheidend verändern.

"Man konnte es sofort erkennen. Er sah damals schon so aus wie heute. Er war groß und drahtig, ein intensiver Läufer. Er machte immer diese Läufe hinter die Abwehr. Seine Arbeit gegen den Ball war auch phänomenal", berichtet McCafferty. Wenn er die Videos von Hoppes aktuellen Auftritten sieht, fühlt sich McCafferty sofort an die gemeinsame Zeit erinnert. "Ich habe ihn über zwei Spielzeiten trainiert und musste ihn manchmal sogar etwas bremsen und ihm sagen: 'Sei etwas cleverer. Manchmal musst du gar kein Pressing spielen.'" Interessanterweise war der schon damals hochgewachsene 16-Jährige zunächst kein Mittelstürmer. Er spielte vor seiner Zeit in Arizona durchgehend auf der Spielmacherposition hinter den Sturmspitzen. "Doch als wir seine Physis betrachteten und auch seine Aggressivität im Strafraum sahen, wussten wir, dass er für uns als Stürmer spielen sollte."

Hoppe fremdelte jedoch zunächst mit der neuen Rolle, aber McCafferty und die anderen Trainer überzeugten ihn und zeigten ihm die wichtigen Kniffe eines Stürmers. Der positionelle Wechsel zahlte sich aus. In seinem ersten Jahr gelangen Hoppe 24 Tore in 30 Spielen. In der Saison darauf war er mit 29 Treffern sogar Bester in seiner Altersklasse im US-Nachwuchsfußball. "Er traf sehr häufig für uns - auch gegen starke Gegner. Wir spielten gegen LA Galaxy und er erzielte einen Hattrick", erinnert sich McCafferty.

Barcelonas einzige Auslandsniederlassung

Viele Fußballfans hierzulande haben von der Barça Residence Academy eventuell noch nie etwas gehört. Es handelt sich dabei um eine Niederlassung des FC Barcelona, der einzigen dieser Art. La Masia als Jugendakademie in der katalanischen Hauptstadt ist weithin bekannt, aber der Klub entschied vor einigen Jahren, in den USA eine weitere aufzumachen. Diese steht nun in Casa Granda, Arizona, irgendwo im Nirgendwo in der Wüste.

"Du trainierst entsprechend der Barcelona-Methodik, was natürlich viel Interesse erregt", erklärt McCafferty. 2018 ging eine erste Gruppe von fünf Jugendspielern aus Arizona nach La Masia, um dort zu trainieren. "Die liebten Spieler wie Caden Clark und Julian Araujo. Und dann wurde langsam klar, dass es sich hier nicht nur um ein Marketingprojekt handelte, sondern wir echte Talente produzierten."

In seinem zweiten Jahr gehörte Hoppe der Delegation an, die sich in La Masia zeigen durfte. Die Verantwortlichen von Barça waren auch angetan von ihm, aber konnten Hoppe zum damaligen Zeitpunkt ohnehin nicht verpflichten, weil eine Arbeits- und Spielgenehmigung für einen US-Amerikaner in Europa normalerweise erst ab dem 18. Lebensjahr erteilt werden kann, sofern keine direkten Wurzeln zu einem europäischen Land existieren.

Schalke wollte ihn nicht gehen lassen

Hoppe spielte deshalb die Saison 2019 zu Ende, um sich anschließend nach Möglichkeiten umzusehen. Deutsche Klubs beobachten den amerikanischen Spielermarkt bekanntlich sehr genau. So angelte sich Borussia Dortmund etwa Christian Pulisic aus Pennsylvania und Schalke den Texaner Weston McKennie. Begünstigend kam dabei lange Zeit hinzu, dass die Klubs der Major League Soccer, der höchsten Profiliga, die talentiertesten Teenager nicht frühzeitig an sich binden konnten.

"Es gibt überall Berater in den USA, die mit europäischen Vereinen zusammenarbeiten", erzählt McCafferty. Darüber hinaus findet jedes Jahr im Dezember ein Jugendturnier in Florida statt, bei dem die besten Spieler mit von der Partie sind. "Fast jeder deutsche Klub schickt dort Scouts hin."

Schalke stieß bei der Talentbeobachtung auf Hoppe und lud - genau wie ein weiterer Bundesligist - den jungen Stürmer zum Probetraining ein. "Sein Vater erzählte mir, dass Schalke ihn nicht wieder gehen lassen wollte, ohne nicht vorher einen Vorvertrag zu unterschreiben", erinnert sich McCafferty. Jener Vertrag wurde dann auch unterzeichnet und es ging für Hoppe wenig später in die Schalker "Knappenschmiede" und nun in die Bundesliga-Mannschaft.

McCafferty selbst zog es wie seinen Schützling auch gen Osten, allerdings nur ans andere Ende der Vereinigten Staaten. Er ist heute Jugenddirektor bei New York Red Bulls, beobachtet Hoppe aber weiterhin. Der Ire schwärmt: "Du siehst immer noch die Dinge, die wir früher trainiert haben. Der Hattrick war sicherlich fantastisch, aber das Tor gegen Frankfurt war pure Mentalität und Antizipation. Das Tor zeigt, wie Matthew ist."

Quelle: ntv.de