Fußball

Puh, die Fußball-Bundesliga ... Ein paar richtig widerliche Horrortrips

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Eieiei.

(Foto: imago images/MIS)

Der FC Bayern ist nach sehr langer Zeit (gefühlt) wieder mal Herbstmeister der Bundesliga. Das ist so verdient wie überraschend. Auch, weil die beiden wohl stärksten Verfolger unerwartet große Probleme haben. Die Sensation der Saison spielt in Berlin.

1. Der FC Bayern ist eine echte Überraschung

Ist es nun eigentlich eine Überraschung, dass der FC Bayern erstmals seit 2017 wieder Herbstmeister der Fußball-Bundesliga ist? Ja? Nein? Jein! Denn trotz Weltfußballer Robert Lewandowski, trotz Welttorhüter Manuel Neuer und trotz Hansi Flick, dem Welttrainer der Herzen, schleppt der Rekordmeister reichlich Probleme mit sich herum. Neben einem knallrot blinkenden Akku bei sehr vielen Stammspielern, der den erfolgreich praktizierten Powerfußball nicht mehr so robust gegen jede Form der Gegenwehr macht, ist da auch die gravierende Abwehrschwäche in dieser Saison. Das so stabile und unerschütterliche Fundament der Triple-Spielzeit ist in dieser Saison eher Pfusch am Bau. Weder David Alaba, der mutmaßlich weltweit beste Abwehrchef des Jahres 2020, noch der wiederauferstandene Jérôme Boateng und auch nicht Niklas Süle bekommen Stabilität in ihr Spiel. Ganz zu schweigen vom schwächelnden Rechtsverteidiger Benjamin Pavard. Und auch Kämpfer Lucas Hernández ist noch nicht der glamouröse Abwehr-Gladiator.

Aber gut, Gegentore entstehen ja nicht nur, weil die Männer ganz hinten patzen. Gegentore entstehen ja auch, wenn es ganzheitlich nicht stimmt. Und auch da entlarvt der Fußball-Freund einige Defizite. Leroy Sané etwa fremdelt (trotz klarer Tendenz nach oben) mit dem System von Coach Hansi Flick, Serge Gnabry erlebt seine erste schwere Zeit in München und wenn Joshua Kimmich mal ausfällt, ist das ein gewaltiges Problem. Ein Problem, das auch ein anderes offenbart: das Fehlen von Thiago. Der Spanier, der nun beim FC Liverpool spielt und dort noch nicht das ganz große Glück gefunden hat, täte den Münchnern in dieser Phase unglaublich gut. Mit seinem Gespür fürs Team, mit seiner Fähigkeit, den Powerfußball auch mal durch ein kräfteschonenderes Ballbesitzspiel zu ersetzen.

So aber waren es vor allem die vielen Tore von Lewandowski (22), die vielen Vorlagen von Müller (13, beides historische Rekorde), die zahlreichen Paraden von Neuer (Zahlen liegen der ntv.de-Redaktion nicht vor) und zuletzt auch noch zweifaches Aluminium-Glück, das noch mehr Schaden als nur zwei Niederlagen (ausgenommen der Pokalblamage gegen Holstein Kiel) und drei Remis verhinderten. Das ist schon auch eine erstaunliche Qualität. Und dann irgendwie auch verdient.

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2. Oh weh, oh weh, der BVB

Was für einen wunderbaren Kader der BVB doch hat. Erling Haaland zum Beispiel. Und Jadon Sancho. Und Gio Reyna. Und natürlich auch noch Marco Reus, Axel Witsel und Mats Hummels. Und die all die anderen Hochbegabten. Ob jung oder nicht mehr ganz so jung. Eigentlich ist es ziemlich perfekte Mischung, die die Dortmunder da mit sehr viel Geld unterhalten. Aber das mit der Perfektion klappt irgendwie nicht. Es ist eine ziemlich verzweifelte Suche, die ab Anfang Dezember nicht mehr von Lucien Favre angeleitet wurde. Und die auch unter seinem Nachfolger Edin Terzic längst nicht abgeschlossen ist.

Es ist eine sehr verzweifelte Suche nach der richtigen Balance aus defensiver Stabilität und dem Spektakel, das Haaland, Sancho und Konsorten mit ihrem wahnsinnigen Talent veranstalten können. Und den Schlüssel für das erfolgreiche Ende dieser Suche nehmen sie in Dortmund so gar nicht gerne in die Hand. Der lässt sie schaudern. Denn jede Berührung mit ihm reizt die Seele der schwarzgelben Fußballer, packt sie in ihrem Arbeits-Ethos. Der Schlüssel lautet nämlich "Mentalität". Und dieses Mal ist es tatsächlich keine mediale Horror-Kampagne, sondern eine Dringlichkeit, die Terzic unbedingt geklärt haben möchte. Und muss. Denn zehn Punkte Rückstand auf den FC Bayern und sechs auf RB Leipzig, das tut jedem Borussen sehr, sehr weh. Auf dem Feld und auf der Tribüne (dort sitzen derzeit leider nur die Bosse).

3. Und die anderen Jäger so?

Tja, Leipzig muss sich ärgern. Allerdings in gänzlich anderen Dimensionen als die Borussia. Denn bei RB sind es nicht bizarre Leistungsschwankungen und Mentalitätsdebatten, die über Sieg oder Punktverlust entscheiden, sondern eine bisweilen hanebüchene Abschlussschwäche. Die übrigens nicht damit erklärt werden kann, dass Timo Werner nicht mehr für die Sachsen spielt. Zwar war er der alles überragende Vollstrecker der Mannschaft von Julian Nagelsmann, aber die Qualität im Zentrum ist auch ohne den kriselnden Stürmer des FC Chelsea enorm hoch - eigentlich! Aber weder die Neuzugänge Justin Kluivert und Alexander Sörloth, noch der ewige Yussuf Poulsen bekommen Stabilität in ihre Abschlussklasse.

Und Bayer Leverkusen? Nun, was will man denen vorwerfen? Dass es ihnen wieder einmal nicht gelingt, dauerhaft den Druck auf den FC Bayern hochzuhalten? Fair wäre das nicht. Denn obwohl die Mannschaft von Trainer Peter Bosz bisweilen fantastischen Fußball gespielt hat, hat sie immer noch die Abgänge von Deutschlands vermutlich größtem Talent, Kai Havertz, und Stürmer Kevin Volland zu verkraften. Dass die Kompensation bis vor Weihnachten so überragend gelungen war, eine schon tolle Geschichte. Aber eine, die so nicht zu erwarten war. Und dass sich Bayer dabei an einem 17-Jährigen, an Florian Wirtz, berauschen durfte, ebenfalls toll. Aber ein 17-Jähriger bleibt eben ein 17-Jähriger, auf den es aufzupassen gilt. Trotz aller Qualitäten.

4. Womöglich ist nicht alles Scheiße auf Schalke

Auf Schalke sollte sich tatsächlich niemand wundern. Vermutlich weiß das jeder Mensch, der dem Klub nahesteht. Denn nach einer Rückrunde in der Saison 2019/20, die sportlich, nun ja, scheiße war und auch auf der Ebene der Funktionäre von zahlreichen, nun ja, scheißigen Entscheidungen geprägt wurde, folgte eine Hinrunde, die, nun ja, sportlich scheiße war (mit einem 0:8 in München begann) und auf Ebene der Funktionäre, nun ja, von scheißigen Entscheidungen geprägt wurde. Mit einem klitzekleinen Einwand, denn womöglich dreht sich dieser bizarre königsblaue Horrorfilm doch noch irgendwie zu einem guten Ende. Womöglich treffen die Schalker seit ein paar Wochen ein paar kluge Entscheidungen. Eine könnte doch tatsächlich die Anstellung von Christian Gross sein (diese Personalie verwunderte zuvor fast deutschlandweit), der den mit der Situation in Gelsenkirchen offenbar arg überforderten Manuel Baum ablöste. Der ja zuvor den arg überforderten David Wagner abgelöst hatte.

Zumindest gibt es nun ganz, ganz zarte Anzeichen, dass sich das beinahe peinlich tasmanisierte Ensemble doch trainieren und zusammenführen lässt, wobei nach wie vor, erst recht nach dem Schock gegen den 1. FC Köln, nicht abschließend geklärt ist, ob Schalke und Fußball nicht doch zwei sich abstoßende Pole sind. Sehr klug sein könnte derweil die Entscheidung sein, Sead Kolasniac (für den emotionalen Wahnsinn) und Klaas-Jan Huntelaar (für Tore) zurückgeholt zu haben. Könnte! Aber nun, auf Schalke sollte man sich über nichts mehr wundern.

Auch nicht, wenn der Klassenerhalt trotz acht Punkten Rückstand auf den Relegationsrang und bereits zehn Zählern Rückstand auf den ersten sicheren Platz zum Ligaverbleib doch noch gelingt.

4.a Horrortrips gibt's auch woanders

Man soll ja ein bisschen vorsichtig sein mit dem Begriff "Horrortrip". Denn für einen "Horrortrip" braucht es ja irgend so was wie einen Kontrollverlust oder aber eine irrationale Angst. Und ja da schau her, Frau Stachelbär, rappelte es ja gewaltig in der Angstkammer Bundesliga. Das königsblaue Leiden ist bereits erschöpfend erzählt, aber was sollen denn die Mainzer sagen, die sich mit ebenfalls nur äußert mickrigen sieben Punkten durch die Liga fürchten. Bizarrerweise hatte sie ihren vermutlich furchtlosesten Auftritt ausgerechnet beim 2:5 gegen den FC Bayern. Auf einem sehr amtlichen Trip sind auch die Fußballer des "Effzeh" unterwegs, die allerdings retten ihren Markus Gisdol immer dann noch irgendwie, wenn bereits der Trainer-Sensenmann durch Müngersdorf schleicht. So überstand Gisdol zwischen dem 11. März und 28. November 2020 sogar eine Horror-Sieglos-Serie von 18 Spielen. Richtig mies lief's zwischendurch auch für Sebastian Hoeneß, den jungen Trainer der TSG Hoffenheim. Der vermöbelte mit seiner Truppe zwar früh in der Saison den FC Bayern, erlebte dann aber nach dem Rausch dann einen fürchterlichen Kater. Das allerdings auch, weil sein Team wie kein anderes von Corona gebeutelt war. Vor knapp zwei Wochen zitterte Hoeneß indes brutal um seinen Job, als sein persönlicher Horrorfilm auf Schalke mit einer krachenden 0:4-Klatsche garniert wurde. Mehr Trip geht wohl nicht. Aber zwei Spiele und vier Punkte später, ist die Lage mittlerweile wieder einigermaßen schockfrei.

5. Union, alter Schweizer!

Es ist vermutlich äußerst unhöflich, eine Würdigung von Union Berlin mit einem Schlenker in den Westen zu beginnen. Denn dort, nur ein paar Kilometer entfernt, spielt sich etwas Erstaunliches ab. Manche in Berlin finden es sogar lächerlich. Andere dramatisch. Tatsächlich stümpert Hertha BSC mit einem doch talentierten Kader und viel Geld Richtung Abstiegskampf. In dem war dagegen viel eher Union erwartet worden. Wegen der Schwierigkeit der zweiten Saison und so. Und trotz Neuzugang Max Kruse. Aber alles ist ganz anders. Die Eisernen sind die Sensation der Saison. Mit körperlichem Spiel, mit Fußballern, die andernorts verkannt wurden (unter anderem Torwart Andreas Luthe etwa oder Stürmer Taiwo Awoniyi) und mit einem Schweizer Trainer (Urs Fischer sein Name), dessen Fimmel zur Ordnungsliebe eine äußerst widerborstige Mannschaft geschaffen hat, die sogar den FC Bayern nervte (1:1) und sowohl Borussia Dortmund (2:1) als auch Bayer Leverkusen (1:0) zermürbte. Das alles übrigens ohne ihren offensiven Anker Kruse, der bereits seit Wochen verletzt ist, bis zum 10. Spieltag aber mit sechs Toren und fünf Vorlagen eine der absolut größten Attraktionen der Saison war.

6. Hach, Christian Streich ...

Wenn wir die Wahl hätten, welche Person des aktuellen Bundesligazeitgeschehens auf ewig bleiben dürfte, dann würden wir uns für Christian Streich entscheiden. Noch beeindruckender als die ewig erfolgreiche Aufbauarbeit einer Freiburger Mannschaft ist seine Gabe, auch abseits der Ereignisse rund um den Ball stets mit einer klaren und überzeugenden Haltung aufzutreten. Mahnend, aber ausgewogen. Und das ganz egal, ob beim Thema Flüchtlinge, Trump, AfD, Folgen der Coronakrise oder dem so hochgekochten Thema "Fußballer-Frisuren". Man möchte den Freiburgern nicht nur gerne beim Spielen zusehen, man möchte auch Christian Streich immer wieder gerne zuhören.

7. Der Heimvorteil hat sich verabschiedet

An Jubel vor leeren Rängen mussten sich die Spieler schnell gewöhnen. Nur bei 29 Spielen durften Zuschauer ins Stadion - ehe sich die Liga ab dem 6. Spieltag pandemiebedingt erneut mit Geisterspielen arrangieren musste. Und das wirkt sich auch auf die Teams aus. Nur 53 Heimspiele konnten die Teams gewinnen, genau so viele Pleiten setzte es in den eigenen Arenen. Der Blick in die Statistik zeigt zudem: Noch nie gab es so wenige Heimsiege wie in dieser Hinrunde. Der bisherige Tiefpunkt wurde in der Hinserie der Saison 2009/10 mit nur 58 Heimspielsiegen erreicht. Der Heimvorteil, er war einmal.

Quelle: ntv.de