Fußball

Mehr Probleme als Lösungen DFB-Team krampft und rätselt sich zur WM

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Thomas Müller saß, wie mit Hansi Flick verabredet, in Wembley zunächst nur auf der Bank.

(Foto: IMAGO/ULMER Pressebildagentur)

Kai Havertz verhindert, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nicht nur mit einem schlechten Gefühl, sondern auch mit einem schlechten Ergebnis in die WM-Vorbereitung startet. Der Bundestrainer hat derzeit mehr Probleme als Lösungen. Die Zeit aber drängt.

Erst schwieg Wembley zu Ehren der verstorbenen Queen. Dann schwieg Wembley aus Entsetzen über das Spiel der "Three Lions", die bei der Abschiedsvorstellung aus der Topgruppe der Nations League gegen Deutschland lange wie jaulende Kätzchen über das Feld gestolpert waren. Und schließlich explodierte Wembley - zumindest vorübergehend - weil die Kätzchen urplötzlich wieder zu stolzen Löwen mutiert waren. Wie einst Cringer zu He-Man's Battlecat. Warum das an diesen Donnerstagabend alles passierte, das weiß niemand so genau. Was man aber weiß: Dieses wirklich seltsame Fußballspiel endete 3:3 und schickt beide Teams mit reichlich Sorgen in die finale Phase der Katar-Planung.

Diese sieht ja in beiden Nationen vor, dass der WM-Titel ein erlaubtes Mitbringsel ist. Selbst wenn an ihm das imaginäre Blut von zigtausend verstorbenen Arbeitern klebt. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie wird von den Mächtigen immer weniger gerne erzählt, je näher das Turnier rückt. Ausnahmen gibt es immer wieder. Wie etwa Bundestrainer Hansi Flick. Der hat sich in den vergangenen Tagen klar positioniert und die Vergabe scharf kritisiert. Aber auch er weiß: Je näher das Wüsten-Turnier kommt, desto stärker münzt sich der Fokus wieder auf das Sportliche. Ein Reflex, auf den die FIFA als Gönner und Katar als Ausrichter hoffen. Hoffen dürfen.

Erstmal Wembley. Und 45 Minuten ein wahrlich grausiger Kick. Den selbst Uli Hoeneß, der Retter der Diskussionskultur, als "Geplänkel" verurteilte. Wenn man wirklich Worte über die erste Halbzeit verlieren möchte, dann muss man Marc-André ter Stegen für seine Sensationsparade gegen Raheem Sterling loben und die Hersteller der Kapitänsbinden hinterfragen. Denn sowohl bei Harry Kane als auch bei DFB-Chef Joshua Kimmich flatterte die Insigne phasenweise vogelwild am Oberarm. Ja, so spannend war es. Und wer weiß schon, ob es nicht genauso dramatisch weitergegangen wäre, wenn der sehr tollpatschige Engländer Harry Maguire seinem Gegenspieler Jamal Musiala im Strafraum nicht einfach unbekümmert und knackig gegen das Schienbein getreten hätte.

Pope patzt, Havertz rettet Deutschland

Maguire aber wütete gegen die untere Extremität des Bayern-Spielers. Und mit reichlich VARzögerung gab es Elfmeter. Und die Wende. Gündoğan traf cool und das Spiel enthemmte sich (52.). Maguire dribbelte nach vorne, wurde dabei gestoppt, Deutschland konterte und Kai Havertz traf herrlich per Schlenzer zum 2:0 (67.). Das Team von Flick attackierte früh, das Gegenpressing griff. Man hatte alles im Griff, wie auch Joshua Kimmich befand - um sich acht Minuten später zu wundern, dass es tatsächlich 2:2 stand. Die Engländer, die an diesem Abend sehr viel Maguire und sehr wenig Kane waren, hatten ausgeglichen. Luke Shaw stand alleine (72.) und Mason Mount (75.) hämmerte eine Direktabnahme ins Tor von ter Stegen, der top hielt, aber eben dreimal bezwungen wurde.

Beide Situationen werfen kein schmeichelndes Licht auf die Abwehr um Niklas Süle und Nico Schlotterbeck, der mit seinem dritten verursachten Elfmeter im fünften Länderspiel fast das Desaster eingeleitet hätte. Doch Havertz verhinderte das spät (87.). Dank eines derben Patzers von Englands Keeper Nick Pope. Eine Personalie, die Gareth Southgate beschäftigen wird. Beschäftigen muss. Trotz des Halbfinal-Einzugs bei der WM 2018 und des erreichten Endspiels bei der EM im vergangenen Jahr steht der tragische Held von 1996 massiv in der Kritik. Taktisch zu ängstlich, defensiv zu anfällig, vorne zu harm- und planlos. Das sind die Vorwürfe. Manche Medien lassen gar über seinen Nachfolger abstimmen. Besonders hoch im Kurs: Ex-Chelsea-Coach Thomas Tuchel.

Was bleibt? 45 Minuten hielt sich die DFB-Mannschaft schadlos, weil sie sich kaum etwas traute. Gegen Engländer, die aus der Nations League abgestiegen, völlig verunsichert und planlos waren. Gefährlich nur über Sterling und ein weiteres Mal über Kane. Dass Deutschland aber nichts einfiel, um dieses fast panische Kollektiv nicht nur einzuschüchtern, sondern auch in Rückstand zu bringen, zu zwingen, das gehörte zu den wunderlichen Dingen an diesem Abend. Das Experiment mit Havertz im Sturmzentrum war krachend gescheitert. Ebenfalls das mit Musiala als offensivem Mann im Zentrum. Flick baute um. Brachte Timo Werner. Havertz rückte auf die Zehn. Musiala auf rechts. Havertz hatte Ideen, Musiala Tempo - und Deutschland Tore. Flick gefiel das. Und es tat ihm gut. Er hatte zuletzt ja zu viel gesehen, was ihm nicht gefällt. Etwa gegen Ungarn. Beim peinlichen 0:1. An den Problemen hat sich nicht viel verändert. Wer gibt die Außenverteidiger und wie soll die Rolle interpretiert werden? Wer spielt im Zentrum? Und wer in der Spitze? Offene Fragen gibt es genug. Möglichkeiten ausreichend. Lösungen noch ungenügend.

Läuft noch nicht im Jahr 2022

Nach der euphorischen Befreiung aus der immer schwerer lastenden Löw-Spät-Ära im vergangenen Jahr hatten sich die Dinge 2022 etwas weniger euphorisch sortiert. Acht Spiele sind gespielt, nur zwei wurden gewonnen. Zu Beginn gegen Israel (2:0) und Mitte Juni gegen Italien (5:2). Fünf Remis gab es, vier davon endeten 1:1 und eine Pleite. Die gegen Ungarn. Für die sollte es Wiedergutmachung geben. Ohne Thomas Müller in der Startelf. Um den kultigen Freigeist des Rekordmeisters war in diesen Tagen mal wieder eine hitzige Debatte ausgebrochen. Ist er noch wichtig genug, stritten etwa die Ikonen Mario Basler und Stefan Effenberg. Flick sieht die Sache so: Eine Thomas-Müller-Frage stellt sich nicht. Will sagen: Lasse redn.

Allerdings erlauben die Sätze des Bundestrainers aus den vergangenen Tagen auch Interpretationsspielraum. Keine Rücksicht auf Namen, die Besten spielen, sagte er. Viele von den Besten kommen aus München, vom Rekordmeister. Doch der kriselt. Auch offiziell. Viele Leistungsträger sind außer Form. Ob Müller auch dazugehört, das ist Thema für Basler und Effenberg. Aber zumindest liefert er seit Wochen kaum Zählbares. Gleiches gilt für Serge Gnabry, eigentlich ein Unverzichtbarer für das DFB-Team. Bei Leroy Sané bleibt der Grat zwischen Leistungsträger und Nicht-Leistungsträger schmal. Joshua Kimmich ist komplett außer Form. Leon Goretzka nach Verletzung noch nicht wieder in irgendeiner. Und auch Manuel Neuer hat tatsächlich häufiger gepatzt, als man das von ihm kennt. Kleine Erinnerung: Mit ter Stegen gibt es eine Top-Alternative. Für den Rest des bayrischen Personals gilt das nicht unbedingt. Flick braucht seine Münchner. Ohne Zweifel.

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"Wir hatten alles im Griff und führen verdient mit 2:0. Dann werden wir aber viel zu passiv, schieben nicht mehr konsequent durch, verteidigen viel zu tief, haben auch nicht mehr den Mut, gegen den Ball zu spielen - irgendwo unerklärlich", befand Kimmich. "Wenn du 2:0 führst und auf einmal 2:3 hinten liegst, dann muss dir das natürlich Sorgen bereiten", sagte Havertz. "Wir haben noch sieben Wochen Zeit, die Fehler abzustellen. Vielleicht war das wieder ein gutes Spiel zum Lernen." Ja, vielleicht. Aber wer weiß das schon nach diesem seltsamen Abend?

Zweifel, die sind der nicht abzuschüttelnde Begleiter auf dem Weg nach Katar. Moralisch in weiten Teilen des Fußballs und der westlichen Gesellschaft längst, sportlich in den europäischen Top-Nationen immer mehr. Denn nicht nur Deutschland und England fremdeln mit sich. Auch Frankreich stümpert herum, Italien ist gar nicht erst dabei. Spanien macht seine Sache solide. Die Niederlande spielen stark, aber um das Nervenkostüm bei großen Turnieren ist es ja nicht immer gut bestellt gewesen. Was bei großen Turnieren der Genickbruch ist: individuelle Fehler. Davon leistet sich Deutschland seit Monaten zu viele. Flick nervt das: "Jeder einzelne Spieler muss wissen, was er auf seiner Position zu tun hat. Da muss ich meinem Außenverteidiger auch zur Seite stehen. Da müssen wir Ball-entfernt abdecken, aber dazu brauchst du die Außenstürmer, die mitmachen - das hatten wir bei beiden Treffern nicht. Daran müssen wir arbeiten." 57 Tage hat er dafür noch Zeit. Katar is calling.

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 27. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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