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Mehr ist bei Hertha nicht drin Warum Klinsmann so ins Risiko geht

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Klinsmann gefiel, was er sah. Aber was soll er auch sagen.

(Foto: imago images/Bernd König)

Aufbruchsstimmung? Jürgen-Klinsmann-Effekt? Geht so. Auch mit neuem Trainer verliert Hertha BSC, diesmal gegen den BVB. In der Tabelle der Fußball-Bundesliga stehen die Berliner nun auf dem Relegationsplatz. Doch Klinsmann ficht das nicht an. Er hat einen starken Verbündeten.

Er kam zurück, wie er einst gegangen war. Als Verlierer. Und als das Maskottchen Herthino ihn nach dem Schlusspfiff abklatschen wollte, wirkte selbst Jürgen Klinsmann ein wenig genervt und lächelte gequält. Mehr als zehneinhalb Jahre waren vergangen, bevor er an diesem Samstag wieder in der Fußball-Bundesliga an der Seitenlinie stand. Seinerzeit war er nicht lange beim FC Bayern geblieben. Nach 302 Tagen und einem 0:1 gegen den FC Schalke Ende April 2009 war es mit seinem ersten Job als Vereinstrainer schon wieder vorbei. Und nun, bei seinem zweiten Versuch, verlor er sein erstes Spiel mit Hertha BSC vor 74.667 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion mit 1:2 (1:2) gegen Borussia Dortmund. Die Berliner rutschten auf den drittletzten Tabellenplatz ab.

Mit dem neuen Trainer stehen sie nun also schlechter da als mit Ante Covic, der am Mittwoch hatte gehen müssen. Aber Klinsmann wäre nicht Klinsmann, würde er nicht auch aus der Niederlage gegen einen besseren, aber nicht überragenden BVB, der nach der Gelb-Roten-Karte gegen Mats Hummels eine Halbzeit lang in Unterzahl spielte, etwas Positives ziehen: "Die Stimmung war klasse, ich bin sehr zufrieden mit der Mannschaft. Wenn wir viel arbeiten, mehr arbeiten als die anderen, dann geht es Stück für Stück nach oben." Die Spieler hätten mannschaftstaktisch das umgesetzt, was er und sein Trainerteam ihnen mit auf den Weg gegeben hätten. "Mir hat gefallen, wie kompakt wir miteinander verbunden waren." Und auch die "Zweikampfbissigkeit" sei da gewesen.

Das änderte allerdings nichts daran, dass die Dortmunder, die weiter zur Spitzengruppe der Liga zählen, souverän und unaufgeregt durch die Tore von Jadon Sancho und Thorgan Hazard in der 15. und 17. Minute in Führung gingen. Kurz darauf forderten die Hertha-Fans: "Wir woll'n euch kämpfen sehen." Nach Aufbruchsstimmung klang das nicht. Doch dann erzielte Vladimir Darida in der 34. Minute das 1:2, kurz vor der Pause flog Hummels vom Platz, drei Minuten danach traf Davie Selke für Berlin. "Wir dachten, wir hätten das 2:2 geschossen", sagte Klinsmann. Aber Videoschiedsrichter Günter Perl signalisierte: Abseits, knapp zwar, aber erkennbar. "Das nervt natürlich ein bisschen, das ist klar", räumte Klinsmann ein. "Wenn da 2:2 gilt, dann geht das Ding hier in die andere Richtung ab." Ging es aber nicht. Doch er insistierte: "Der Wille ist da. Der Wille ist enorm." Seine Spieler hätten "alles gegeben, was im Moment da ist". Vielleicht ist das genau das Problem. Mehr ist zurzeit nicht drin. "Auf uns kommen sehr arbeitsreiche Wochen zu, das ist kein Thema."

Wer bezahlt eigentlich die Musik?

Aber was soll er auch sagen? Er weiß, dass er ein Risiko eingegangen ist, als er das Angebot der Hertha annahm. Aber auch eine Chance. Deshalb muss er es schaffen. Er ist immer noch der, der in den zwei Jahren bis zur Weltmeisterschaft 2006 als Bundestrainer den DFB umgekrempelt hat. Das versuchte er von 2011 bis 2016 mit dem Verband in den Vereinigten Staaten von Amerika gleich noch einmal, mit mäßigem Erfolg. Seitdem war er raus aus dem Geschäft und mag sich mit seinen 55 Jahren gefragt haben, was er beruflich noch machen soll in seinem Leben. Insofern ist Klinsmann nicht nur eine Chance für die Hertha, sondern sie auch für ihn.

Als wolle er seinen Ruf als Reformer gerecht werden, hat er aus seinem Schattenkabinett flugs einen Stab an Experten mitgebracht, der den Karren aus dem Dreck ziehen soll. Am Ende der Saison, so lange will er aushelfen, soll ein gesicherter Platz im Mittelfeld stehen. Wie ambitioniert das ist, dürfte er spätestens nach der Niederlage gegen Dortmund wissen. Er weiß aber auch, dass er aus einer sehr starken Position heraus handelt. Und das liegt an Lars Windhorst. Wer die Musik bezahlt, der bestimmt, was gespielt wird. Nur wer bezahlt denn die Musik bei der Hertha? Ist das immer noch der Verein mit seinem Präsidenten Werner Gegenbauer? Oder ist es nicht vielmehr Windhorst?

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Wird Preetz von einem Machtwechsel überrollt?

(Foto: imago images/Bernd König)

Der Investor hat sich seit dem Sommer über seine Beteiligungsfirma Tennor mit 224 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile an der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien gesichert. Anfang des Monats stellte er Klinsmann als sportlichen Berater ein, der einen von vier Plätzen im Aufsichtsrat besetzte, die dem Investor in dem neunköpfigen Gremium zustehen. Klinsmann sollte ein Auge auf die Arbeit der Geschäftsführung haben, also auch auf Manager Michael Preetz.

Was macht Klinsmann eigentlich nach der Saison?

Doch nun sitzt, so schnell kann es gehen, der Vertraute Windhorsts auf der Trainerbank. Sein Mandat im Aufsichtsrat muss Klinsmann ruhen lassen. Er hat Alexander Nouri und Markus Feldhoff als Assistenten und Werner Leuthard als Fitnesscoach mitgebracht, Torwarttrainer Andreas Köpke vom DFB ausgeliehen und für Arne Friedrich einen Job geschaffen, den es bisher bei den Berlinern nicht gab. Der ehemalige Nationalspieler und Kapitän der Hertha soll, wie Sebastian Kehl in Dortmund, als Bindeglied zwischen ihm als Trainer und Preetz fungieren; nur dass Klinsmann das "Performance-Manager" nennt. Das ist eine Zeitenwende, auf dem Weg zum "Big-City-Klub" rollen Köpfe. Mit Covic mussten seine Co-Trainer Mirko Dickhaut und Harald Gämperle sowie Torwarttrainer Zsolt Petry gehen. Immerhin zollten die Anhänger dem entlassenen Coach Respekt, riefen seinen Namen und hatten in der Ostkurve ein Plakat aufgehängt, auf dem stand: "Covic bleibt Herthaner!"

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Klinsmann und sein Handy: Das könnte noch ein Sponsoren-Nachspiel geben. Herthas Ausrüster ist schließlich Nike.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Und Manager Preetz? Der "Tagesspiegel" hat ihn in dieser Woche schon zum Frühstücksdirektor degradiert. Noch sei er in der ersten Reihe und dürfe dort vorerst bleiben. "Doch zu sagen hat er nichts mehr." Diese These entbehrt nicht einer gewissen Logik. Es dürfte sich schwerlich ein Investor finden, der Millionen in einen Klub steckt und dann tatenlos zusieht, wie die Mannschaft womöglich nach 2010 und 2012 zum dritten Mal mit Preetz in die zweite Liga absteigt. Darauf spielten auch die Fans an, die ein zweites Plakat in ihre Kurve gehängt hatten: "10 Jahre - 12 Trainer - Ein Verantwortlicher." Preetz jedenfalls hatte sich genötigt gesehen, bei Klinsmanns Vorstellung zu betonen: "Es gibt keine Machtübernahme, es gibt ein Miteinander."

Nun könnte man darüber spekulieren, was Klinsmann eigentlich nach seiner bis zum Saisonende befristeten Zeit als Trainer so macht, für die er, wie die "Bild"-Zeitung berichtete, zwei Millionen Euro bekommt. Kaum vorstellbar, dass sich Investor Windhorst und sein Vertrauter dann wieder damit begnügen, dass Klinsmann im Aufsichtsrat sitzt. Auch hierzu hatten die Fans ihre Meinung plakatiert: "Die Entscheidungsgewalt des Vereins - im Windhorst verweht." Erst einmal aber muss Klinsmann dafür sorgen, dass die Berliner in der Bundesliga bleiben. Und er betont, wie gerne er das macht, wie wohl er sich in der Stadt fühle und wie toll die Unterstützung sei. Als sich vor dem Spiel gegen Dortmund die Fotografen vor der Trainerbank drängelten, zückte er sein Handy und filmte die Hertha-Fans in der Ostkurve. "Das war eine spontane Aktion, ich mag das Lied, das die Kurve hier singt." Die sang wie stets, gemeinsam mit dem ewigen Frank Zander: "Nur nach Hause geh'n wir nicht." Und Jürgen Klinsmann? Er ist gekommen, um zu bleiben.

Quelle: n-tv.de

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