Fußball

Der Transfermarkt verändert sich Warum Werner und Havertz nicht wechseln

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(Foto: imago images/Picture Point LE)

Die Fußball-Welt steht aufgrund der Coronakrise weiterhin Kopf. Klubs auf der ganzen Welt blicken in eine ungewisse finanzielle Zukunft, müssen aber zugleich für die kommenden Saisons planen. Auf dem Transfermarkt könnte in diesem Sommer die Vorsicht dominieren.

Timo Werner gehört zu den begehrtesten Stürmern Europas. Der 25-Jährige, der seit langem der Torgarant für RB Leipzig ist, stand bereits nachweislich mit dem FC Bayern München und dem FC Liverpool in Kontakt. Einem Abgang Werners aus Leipzig schien noch vor einiger Zeit nichts im Weg zu stehen. Dann allerdings gerieten die Verhandlungen ins Stocken. Liverpool, das sich in der Pole Position für eine Werner-Verpflichtung befindet, will den ursprünglichen Ablöseforderungen aus Leipzig nicht mehr nachkommen und versucht den Preis zu drücken. Leipzig reagiert reserviert und denkt offen darüber nach, Werner noch wenigstens eine weitere Saison im Klub zu behalten.

Die Personalie Werner repräsentiert eine momentane Entwicklung auf dem Transfermarkt: Angesichts der ungewissen finanziellen Situation und zu erwartender Einnahmeeinbußen verhalten sich viele Vereine zurückhaltender und zücken nicht umgehend das Scheckbuch, wenn ein Juwel wie Werner auf dem Markt ist. Ähnlich ergeht es Kai Havertz, einem anderen hochtalentierten deutschen Spieler. Noch vor wenigen Monaten wäre ein Transfer von Havertz für 100 Millionen Euro nur mit zustimmendem Kopfnicken von vielen im Fußballgeschäft quittiert worden. Es wäre ein dem - zugegeben überhitzten - Markt angemessenes Geschäft gewesen. Aber durch Corona hat sich alles verändert.

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Timo Werner trifft und trifft - Liverpool und der FC Chelsea haben die Fühler nach dem RB-Stürmer ausgestreckt.

(Foto: imago images/Picture Point LE)

"Ich rechne mit vielen Leihgeschäften, aber Großtransfers wird es - wenn überhaupt - nur ganz wenige geben, da bin ich ziemlich sicher", sagte Volker Struth kürzlich der "Sport Bild". Struth gehört zu den am besten vernetzten Spielerberatern in Europa. Zu seinen Klienten zählen Toni Kroos und Marco Reus. Struth ist sich recht sicher, dass beispielsweise ein Verein wie Borussia Dortmund seine Top-Stars Erling Haaland und Jadon Sancho nicht unter Marktwert verkauft. Denn während die Top-Klubs vielleicht vorsichtig beim Einkauf von neuen Spielern sind, müssen Bayern oder der BVB aus wirtschaftlichen Gründen nicht unbedingt Ablösesummen generieren.

Liquide Vereine im Vorteil

Auf der anderen Seite gibt es ganz sicher Vereine, die sich in Richtung Bankrott bewegen und deshalb dazu gezwungen sein werden, ihre Spieler notfalls zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Davon können gerade die Vereine in Europa profitieren, die liquide sind. Dazu zählen Bayern und Dortmund, aber auch Ajax Amsterdam oder etwa der FC Chelsea, dem die Transfersperre im vergangenen Sommer so gesehen sogar zugutekam, denn nun haben die Blues viel Cash auf dem Konto, den sie investieren können. Auch an Leipzigs Werner soll plötzlich Interesse bestehen.

In einer Rezession heißt es oft: "Cash is king", also Geldmittel sind das Beste, was man haben kann. Ein weiteres Rezessions-Motto besagt, dass Qualität besser als Quantität ist. Auf den Fußball übertragen würde dies bedeuten, dass Vereine weniger Transfers tätigen und ihr Geld vor allem in sichere Anlagen, also bereits wettbewerbserprobte Spieler investieren.

Hinzu kommt, dass Klubs in solch einer Krise noch stärker auf statistische Analysen zurückgreifen. Der Rezenz-Effekt in der Bewertung von Spielern wird eine geringere Rolle rollen - sprich Vereine bieten nicht zwangsläufig für jene Spieler, die sich erst vor wenigen Monaten ins Rampenlicht gespielt haben. Zum einen gab es dieses Rampenlicht zuletzt gar nicht und zum anderen sind solche Transfers stets mit einem erheblichen Risiko verbunden. Statt 50 Millionen für einen 18-Jährigen auszugeben, werden womöglich die 25-Jährigen für zehn oder 15 Millionen umso begehrter sein.

Tauschgeschäfte werden realistischer

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Vielleicht sogar noch begehrter bei Europas Top-Klubs: Kai Havertz.

(Foto: Maik Hlter/team2sportphoto/PoolviaNorbert Schmidt)

Allerdings ist nicht einmal klar, ob in diesem Sommer wirklich viel Geld von einem Klubkonto auf das andere überwiesen wird. Struth erwartet viele Leihgeschäfte, während etwa Barcelona-Präsident Josep Maria Bartomeu davon ausgeht, dass es mehr Tauschgeschäfte geben könnte. Sein Verein wird womöglich in das spektakulärste involviert sein, denn Barça kann die 200 Millionen Euro, die Paris Saint-Germain für Neymar verlangt, nicht bezahlen, offeriert aber einige Spieler im Tausch für den Brasilianer.

Normalerweise sind solche Tauschgeschäfte einzig in den Gerüchteküchen des Fußballs zu finden und werden in der Realität nahezu nie umgesetzt. Das könnte sich nun ändern. Dafür braucht es jedoch erhebliches Verhandlungsgeschick, denn für ein Tauschgeschäft müssen mindestens vier Parteien - die beiden Vereine sowie zwei oder mehr Spieler - ihr Einverständnis geben und sich anschließend noch auf neue Verträge einigen. Die mächtigen Spielerberater werden deshalb in diesem Sommer eine noch gewichtigere Rolle einnehmen. Sie sind es, die Vereine an einen Tisch holen und ihre Klienten von solchen Deals überzeugen können.

Die Zeit des Gesundschrumpfens?

Die Berater werden aller Voraussicht nach zu ihrem Geld kommen, auch wenn die großen Ablösesummen und daran gekoppelte Provisionen in diesem Sommer nicht fließen. Neymar könnte aufgrund des angesprochenen Tauschgeschäfts auch der größte Name sein, der in den kommenden Monaten den Verein wechselt. Sein Mitspieler Kylian Mbappé, der vor einiger Zeit noch als sicherer Abgang aus Paris galt, müsste wohl noch ein weiteres Jahr bei PSG verbringen. Sein Schicksal teilen könnten Werner, Havertz oder auch Sancho.

Ihre aktuellen Vereine würden den Verkauf um ein Jahr hinauszögern, noch eine Saison von ihren Leistungen profitieren und im Sommer 2021 auf eine Normalisierung des Transfermarkts hoffen. Allerdings ist nicht jeder davon überzeugt, dass dies der Fall sein wird. "Ich denke, dass wir im Sommer 2021 noch mal eine ähnlich maue Transferperiode haben werden. Danach aber werden wir langsam wieder zu Zuständen zurückkehren, wie wir sie von vor der Krise kennen", prophezeit etwa Berater Struth.

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Bleibt Mbappé doch bei PSG?

(Foto: picture alliance/dpa)

Vielleicht wird die Krise aber auch dazu führen, dass sich der Fußball in gewisser Weise gesundschrumpft. Wir dürfen nicht vergessen: Kurz vor dem Ausbruch der Pandemie wirkte die Fußballindustrie wie ein mit Steroiden vollgepumpter Strongman, der gar nicht wusste wohin mit all seiner Kraft. Laut der Unternehmensberatung Deloitte generierten die europäischen Klubs vor zwei Jahren einen Saisonumsatz von 28,4 Milliarden Euro. In dieser Spielzeit hätte die Zahl ohne Corona bei fast 30 Milliarden gelegen.

Selbst wenn der Umsatz um 50 Prozent einbrechen und damit auf 15 Milliarden sinken würde, wäre er immer noch auf dem Niveau von 2008. Damals, vor der endgültigen Eskalation der TV-Gelder, wurden bereits horrende Gehälter und Ablösesummen gezahlt. Sollten Spitzenspieler künftig nur noch für niedrige zweistellige Millionenbeträge ihre Arbeitgeber wechseln, würde der Fußball nicht im Geringsten seinen Glanz verlieren.

Quelle: ntv.de