Fußball

BVB kontert mit wilder Lust Der FC Bayern ist wütend auf sich selbst

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Alles gegeben, keinen Punkt geholt: Javi Martinez und Teamkollegen nach dem 2:3.

REUTERS

Stark gespielt, aber spektakulär verloren: Der FC Bayern belohnt sich gegen den BVB nicht für seine wohl beste Saisonleistung. Dennoch wertet Klubboss Karl-Heinz Rummenigge die Niederlage als "Benchmark-Basis" für die kommenden Spiele.

Kurz bevor Jérôme Boateng die Kabine des FC Bayern in den Katakomben des Dortmunder Signal-Iduna-Parks betritt, verlangsamt er sein Tempo. Den müden Blick nach 95 intensiven, emotionalen und dramatischen Minuten lenkt er nach oben auf einen kleinen Fernseher, ARD-Teletext, Seite 253. Die Tabelle der Bundesliga nach dem 11. (noch nicht vollendeten) Spieltag. Was der 30-Jährige dort liest ist die gegenwärtige Wahrheit im deutschen Fußball: Bis auf sieben Punkte ist Tabellenführer Borussia Dortmund dem Münchener Abo-Meister auf Rang drei enteilt. Boateng geht weiter, dreht den Kopf noch einmal um, dann bricht die Wut nach einer spektakulären 2:3 (1:0)-Niederlage vor 81.135 Zuschauern im BVB-Stadion aus ihm heraus. Der Innenverteidiger pfeffert die Kabinentür zu, dann fliegen offenbar Gegenstände. Was genau, das bleibt an diesem Samstagabend gut gehütetes Bayern-Geheimnis.

Die Wut ist groß beim FC Bayern. Ein bisschen auf Schiedsrichter Manuel Gräfe, aber noch mehr auf die eigene Leistung. Die war nämlich ausgerechnet im wohl wichtigsten Spiel der bisherigen Saison phasenweise richtig stark – und wurde dennoch nicht mit mindestens einem Punkt belohnt. Eine bittere Pointe nach zuletzt reihenweise schwachen Spielen mit meist erfolgreichem Ausgang. BVB-Kapitän Marco Reus (49. Foulelfmeter/67.) hatte zunächst zwei Münchener Führungen durch Stürmer Robert Lewandowski (26./52.) gekontert, ehe Paco Alcácer den deutschen "Clásico" mit katalanischer Lässigkeit für die Gastgeber entschied (73.). Als Boateng in der Kabine schließlich Gesellschaft von Franck Ribéry, David Alaba und Joshua Kimmich bekam, wurde mehrfach das F-Wort gebrüllt. Die "Bild"-Kollegen wollen sogar ein "Immer-die-gleiche-Scheiße" gehört haben.

"Die Bayern bleiben die Bayern"

Dabei war das Happy-End aus Münchener Sicht nach einem phänomenalen Fußballspiel in der 95. Minute ja bereits geschrieben worden. Joshua Kimmich lupfte seine Gott weiß wievielte Flanke in die Mitte des Strafraums. Dort stand wie so oft Robert Lewandowski und legte den Ball mit der Hacke ins Tor zum drei zu..., doch nicht, Abseits. Eine knappe, aber korrekte Entscheidung. "Vielleicht wäre ein 3:3 das gerechte Ergebnis gewesen", mutmaßte Karl-Heinz Rummenigge später in der Interviewzone. Denn seine Bayern, so hatte es der Boss gesehen, hatten "erstklassig gespielt." Sie hatten ein Zeichen gesetzt. Sie hatten sich selbst, den Experten und den tüchtig ermahnten Medien gezeigt, dass der angestimmte Abgesang auf das Ende der Münchener Dominanz noch immer auf großen Widerstand trifft. Und das mit großer Überzeugung.

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Franck Ribery sucht ausgerechnet beim Schiedsrichter Trost.

(Foto: imago/Uwe Kraft)

So schwergängig, träge und uninspiriert sich die Münchener zuletzt in vielen Spielen verteilt auf alle Wettbewerbe vorgestellt hatten, so mutig, aggressiv und kreativ kamen sie nun daher. "Die Bayern bleiben die Bayern", hatte BVB-Coach Lucien Favre seinem jungen Kader vor dem Duell mit den Spitzenspiel-Routiniers noch einmal intensiv verklickert. Er hatte seine auf vielen Positionen noch so unerfahrene Mannschaft ermahnt, "clever" zu verteidigen und "intelligent" anzugreifen. Doch das alles verhallte. Die Gäste hielten sich nicht eine Sekunde mit "erstmal ankommen" auf, sie setzten auf Dominanz. Robuste Zweikampfführung, viel Ball am Fuß und ein leidenschaftlicher Franck Ribéry, der sein zuletzt heftig kritisiertes Spiel vor allem in der ersten Halbzeit noch einmal von "total gebraucht" in noch "gut zu gebrauchen" umetikettierte.

Lob vom Gegner

Zwar hatte die Mannschaft von Niko Kovac bis zur Führung in der 26. Minute nichts Zwingendes herausgespielt, die Überzeugung des Handelns aber hatte den BVB mächtig eingeschüchtert. Eine Mann-gegen-Mann-Situation gegen Manuel Neuer schloss Reus eher kläglich ab (9.). Nicht ganz so kläglich indes wie seine Kollegen zuvor versuchten hatten, eine 5:2-Überzahl auszuspielen (6.). "Die Bayern waren sehr stark. Ihr Pressing war klasse, sie haben uns 25 Minuten sehr dominiert.", lobte Favre. "Vielleicht waren sie so stark wie nie diese Saison." Die Dominanz mündete immerhin in zwei sehenswerte Tore: Das erste Mal wurde Lewandowski nach einem doppelten Seitenwechsel freigespielt, das andere Mal doppelpassten Serge Gnabry (beim 1:0 flankte er auf Lewandowski) und Kimmich zweimal, bis ihr Torjäger einköpfen konnte. Und das nur drei Minuten nachdem der BVB durch Reus das erste Mal ausgeglichen hatte. Durch einen Elfmeter, dem FCB-Sportdirektor Hasan Salihamdizic jede Berechtigung absprach.

So unversöhnlich sich Salihamdizic mit dem Schiedsrichter zeigte, so versöhnlich ging er mit "den Jungs" um. "Es war eine tolle Leistung. Sie haben alles gegeben, mit viel Leidenschaft gespielt, leider stehen wir mit leeren Händen da." Denn die Bayern tappten nach dem Seitenwechsel mit einem unübersehbaren Substanzverlust in jene Konterfalle des BVB, die sie in der ersten Halbzeit mit Javi Martinez und Leon Goretzka noch so herausragend verteidigt hatten. Mal um mal rückten die Einschläge näher. Das hatte unstreitbar mit der Hereinnahme von Mo Dahoud für den verunsicherten Julian Weigl (46.) zu tun. Mehr Struktur, mehr Kreativität, mehr Tempo, endlich Chancen: Erst verdaddelte Reus allein aus fünf und dann nochmal aus elf Metern, schließlich scheiterte der ebenfalls eingewechselte Alcácer nicht weniger unbedrängt. Ein Chancenwucher-Wahnsinn - den aber ausgerechnet Reus mit einer phänomenalen Abnahme und Alcácer mit der Abgezockheit eines selbstbewussten Stürmers selbst korrigierten.

Die Bayern, platt, nun überfordert, kamen nach Alcácers Haken nur noch taumelnd auf die Bretter. Das Gefühl, eine immer noch verdammt starke Mannschaft zu haben, wollten sie sich dennoch auf keinen Fall nehmen lassen. "Dieses Spiel muss die Benchmark-Basis für die nächsten Wochen sein", ließ Rummenigge noch wissen. Und die Meisterschaft, die sei nach Spieltag elf noch längst nicht entschieden. Schräg vor ihm flimmerte dabei der Fernsehen, ARD-Videotext, Seite 253. Sieben Punkte Vorsprung für den BVB, erstmals wieder seit dem Ende der Saison 2011/12. Meister damals: Borussia Dortmund.

Quelle: n-tv.de

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