Fußball

Gladbachs Sexismus-Skandal Wenn Frauen zur Strafe werden

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Heiko Vogel trainiert Borussia Mönchengladbachs U23 und "muss" jetzt ein Frauen-Team coachen.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Borussia Mönchengladbachs U23-Trainer Vogel soll zwei Schiedsrichterinnen beleidigt haben. Als "Strafe" wird ihm die Trainingsleitung eines Frauen-Teams aufgebrummt. Die sexistische Aktion reproduziert frauenfeindliche Bilder und macht die Fußballerinnen zum Sozialprojekt.

Borussia Mönchengladbach hängt fest - in der unteren Tabellenhälfte. In den 1950er und 60er Jahren läuft es nicht bei den Fohlen in der damals erstklassigen Oberliga West. Erst nach zwei Jahren in der zweitklassigen Regionalliga West schaffen sie 1965 den Aufstieg in die neu gegründete Bundesliga. Auch derzeit, im Jahr 2021, will so überhaupt nichts mehr klappen in Gladbach. Sieben Niederlagen in Folge fuhr die Mannschaft zuletzt ein - und auch sonst hängt der Verein wohl, gemeinsam mit dem DFB, in den 50er und 60er Jahren fest: Heiko Vogel, Trainer der U23, soll sich gegenüber zwei Schiedsrichter-Assistentinnen "unsportlich" verhalten haben. Nun "muss" er als "Strafe" des Westdeutschen Fußballverbandes (WDFV) sechs Trainingseinheiten einer Frauen- oder Mädchenmannschaft leiten.

Vogels unsportliches Verhalten liegt schon Monate zurück, am 30. Januar wurde er ausfällig. Seine "Strafe" sprach der Verband erst jetzt aus. Der DFB, Borussia Mönchengladbach und auch Vogel, einst Cheftrainer des Champions-League-Teilnehmers FC Basel und Nachwuchscoach bei Bayern München, kommentieren die Aktion nicht. Aber diese Art der Maßregelung ist nichts anderes als Sexismus und Reproduktion von frauenfeindlichen Bildern: Fußballerinnen werden zur Strafe. Vorstellungen, nach der ein Geschlecht einem anderen von Natur aus überlegen sei, werden unterstützt.

Der Gedankengang des WDFV, einer von fünf untergeordneten Regionalverbänden des DFB, ist so altbacken wie wenig durchdacht: Vogel, ein Mensch, der sich offensichtlich frauenfeindlich verhalten hat, würde sicher im Trainingsumgang mit Frauen Respekt ihnen gegenüber erlernen. Doch steckt man jemanden aus der ohnehin dominanten Bevölkerungsgruppe (Männer) in eine Machtposition, in der er eine weniger mächtige Gruppe (Frauen) leiten soll, wird dies seine Ansichten sicherlich nicht ändern.

Fußballerinnen zum Objekt degradiert

Mit so einer Aktion wird vielmehr sexistischer Machtmissbrauch reproduziert, und der ungleiche Status der Geschlechter in der Gesellschaft aufrechterhalten. Wieso ist es eine Bestrafung, ein Frauen-Team zu trainieren? Ist es in Ordnung, Frauen als eine Art Sanktionsmittel zu benutzen? Sind Frauen etwa seit Geburt an eine Strafe für den Mann? Der Sexismus-Skandal und das Schweigen des DFB, Gladbachs und des Trainers legen mal wieder offen, wie sehr das männlich dominierte soziale Milieu der Fußball-Welt in Deutschland sich gegen wirkliche Gleichberechtigung und den gesellschaftlichen Wandel sträubt.

Die "Bestrafung" Vogels und die Grabesstille der Verantwortlichen schützt die Privilegien der Männer im Fußball und verbreitet immer noch herrschende Vorurteile über Fußballerinnen: Sie wären nicht gleich viel wert wie männliche Fußballer, sie könnte man nicht ernst nehmen, sie wären eigentlich eher ein Ärgernis für den Sport. Eine Strafe ist immer etwas Negatives, etwas Elendes, dem man lieber entkommen will. Macht man das Coachen eines Frauen-Teams zur Bestrafung, macht man Frauen zur Strafe - und setzt die Fußballerinnen mit etwas Schlechtem gleich.

Die "Strafe" verwandelt die betroffenen Frauen auch zu einem Sozialprojekt, sie werden zum Objekt degradiert. Über ihren Kopf hinweg wird entschieden, dass sich Vogel mit ihnen "abgeben muss", damit er sein Fehlverhalten geradebiegen kann. Müssen die Fußballerinnen dann auch noch brav danke sagen und sich in Demut üben, obwohl eher sie bestraft werden? Sportlichen Mehrwert wird die Aktion nämlich kaum mitbringen, die Fußballerinnen dürften nicht bis in die Haarspitzen motiviert sein, um nach so einer Benutzung durch die Regelhüter im Training alles zu geben - für einen, der ihr Geschlecht diskriminiert hat.

15 Männer und eine Frau

Dass dem DFB Gleichberechtigung nicht wirklich am Herzen liegt, zeigt die rückschrittliche Haltung des Verbands zum Thema Equal Pay, und dass die Anweisungen an Vogel kein Einzelfall sind. Auch Schiedsrichter wurden schon für frauenfeindliches Verhalten zum Pfeifen von Frauen-Teams "verbannt". 2015 beleidigte Bayer Leverkusens Kerem Demirbay, damals bei Zweitligist Fortuna Düsseldorf, Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus sexistisch und pfiff daraufhin als "Strafe" ein Mädchenfußballspiel. Wie ernst er die Sache nahm, zeigte sich, als er im feinen Designer-Zwirn samt Wintermantel und ohne Turnschuhe anstatt im Schiedsrichter-Outfit auf den Platz lief.

Ähnlich herabwürdigend und respektlos geht das Kapitel jetzt mit Vogels "Bestrafung" in die nächste Runde: Frauen als Strafe - in Fußballdeutschland ist das für einige noch kein Widerspruch. Das Präsidium des Westdeutschen Fußballverbandes erinnert übrigens auch an die 50er und 60er Jahre, dort sitzen 16 Personen: 15 Männer und eine Frau.

Quelle: ntv.de

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