Fußball

Sechs Dinge, die uns der FC Bayern gelehrt hat Wenn der Meister feiert wie ein Kreisligist

3hmc0431.jpg4301929491887241921.jpg

Er war ja auch als Erster im Bett: Mario Götze am Morgen danach - frisch wie der junge Frühling.

(Foto: dpa)

Da sind sie deutscher Meister - und was machen die Spieler des FC Bayern? Trinken Cocktails im Trainingsanzug. Mario Götze geht als Erster ins Hotel, Josep Guardiola rotiert im Anzug - und dankt Uli Hoeneß.

1. Auch die Bayern sind einfach nur Fußballer

Im Berliner Olympiastadion fiel die Feier an diesem frostigen Dienstagabend doch etwas unterkühlt aus. Nachdem die Spieler des FC Bayern die Hertha in gewohnter Dominanz mit 3:1 besiegt und an diesem 27. Spieltag der Bundesliga die deutsche Meisterschaft perfekt gemacht hatten, zogen sie sich brav die obligatorischen T-Shirts an, setzten rote Basecaps auf und jubelten ein wenig mit den Fans. Zu wenig überraschend war dieses Ereignis, als dass es bei den Profis spontane Extase hervorgerufen hätte. Oder wie es Torhüter Manuel Neuer formulierte: "Wir wussten seit einiger Zeit, dass wir Meister werden." Ach. Hinterher ging's dann vom Westend in den Berliner Bezirk Mitte in ein Etablissement namens Kitty Cheng Bar, dem die Deutsche Presseagentur flugs das Label "eine für ihre guten Cocktails bekannte Szenebar" verpasste. Wir haben das nicht überprüft, überliefert ist aber, wie die Münchner dort aufliefen und, wie es hieß, "bis in die frühen Morgenstunden feierten" - in roten Trainingsanzügen. Sind halt doch ganz normale Fußballer, spätestens beim Bier sind wir alle gleich, ob Kreisklasse oder Deutscher Meister. Nur das Mario Götze und Toni Kroos, wie die "Bild"-Zeitung berichtete, sich bereits um drei Uhr auf den Weg ins Hotel machten - noch vor Trainer Josep Guardiola. Der übrigens keine Sportklamotten trug, sondern Anzug und Krawatte. Wie sich das für einen Veredelungstechniker gehört.

2. Von wegen "never change"

3hlz1748.jpg255034272640296724.jpg

Der Meister und sein Musterschüler: Josep Guardiola mit David Alaba.

(Foto: dpa)

Mit Josep Guardiola kam die rücksichtslose Rotation; der Spruch, dass es in einer Weltklassemannschaft nicht 11, sondern eher 20 Stammspieler gibt, wurde mit seinem Dienstantritt im Juni vergangenen Jahres Realität. Aber nicht nur die Spieler wechselte er ein und aus, wie es seine Taktik und die des jeweiligen Gegners verlangte, sondern einige Akteure fanden sich auf Positionen wieder, die sie sonst nur von der Spielkonsole kannten.

In Guardiolas System zählen die individuellen Stärken wenig, Hauptsache, der Ball zirkuliert. Das Ergebnis: 79 Tore nach 27 Spielen und nur 13 Gegentreffer. Mario Mandzukic, der mit 17 Toren die Liste der erfolgreichsten Stürmer der Liga anführt, Thomas Müller (12) und Arjen Robben (10) haben öfter getroffen als acht Bundesliga-Vereine. "Meine Frau Cristina beschwert sich manchmal über meine Spieltaktik", erzählte der Meistertrainer jüngst der "Sportbild". "Sie sagt dann, ich soll die gleiche Mannschaft aufstellen, mit der ich beim letzten Mal gewonnen habe. Wenn ich ihr dann aber mein Rotationsprinzip erklären will, ist das schwieriger, als Arjen Robben verständlich zu machen: Du sitzt heute mal auf der Bank."

3. Der FC Hollywood war gestern

Gab's eigentlich in dieser Saison mal Ärger beim FC Bayern? Hat sich irgendeiner der vielen Hochbegabten öffentlich beschwert, dass er nur auf der Bank saß, weil ein anderer Hochbegabter seinen Platz in der Startelf bekommen hatte? Es gab da die eine Szene beim Nachholspiel in Stuttgart Ende Januar, als Toni Kroos nach seiner Auswechslung in der Manier einer beleidigten Leberwurst seine Handschuhe vor der Trainerbank zu Boden schleuderte. Und Stürmer Mario Mandzukic soll mal einen Handschlag verweigert haben. Aber sonst? Ist nichts überliefert. Der FC Hollywood war auch schon unter Jupp Heynckes Vergangenheit, sein Nachfolger Guardiola soll aber zur Sicherheit noch einmal klargestellt haben: "Ich bin geholt worden, um Entscheidungen zu treffen. Man kann sauer sein - aber nicht öffentlich, so dass es alle mitbekommen." Das hat in dieser Saison auffallend gut geklappt, der bayrische Luxuskader scheint befriedet. Wohl auch, weil die Stars keine Argumente haben. Die anderen sind einfach auch verdammt gut.

4. Fußball ist schön - auch wenn alle wissen, wie es ausgeht

Seit dieser Saison gilt: Der FC Bayern gewinnt immer, nur die Leverkusener und die Freiburger trotzten den Meister zumindest ein Unentschieden ab. Der Begeisterung des geneigten Publikums tut das keinen Abbruch. Dabei hieß es doch immer, die Menschen gingen zum Fußball, weil sie nicht wüssten, wie es ausgeht. Doch kommen die Bayern, sind die Stadien stets ausverkauft - so wie am Dienstag das Berliner Olympiastadion mit 76.197 Zuschauern. Die Fans der gastgebenden Hertha wendeten allerdings einen inzwischen handelsüblichen Trick an. Sie feierten sich selbst und ließen das Spiel einfach Spiel sein. Die Bayern stecken derweil in einem kleinen Dilemma: Weil sie immer so dominant und auch schön spielen, fällt kaum einem mehr auf, wie toll das eigentlich ist, was sie da machen. Anders als früher verwalten sie keine Vorsprünge, sondern zelebrieren ihren Ballbesitzfußball einfach weiter. Ist das eine Gefahr für die Liga? Auch wenn die Zuschauerzahlen dagegen sprechen, Will Lemke sagt ja. Im einem Interview mit Inforadio beklagte er: "Das Unvorhergesehene ist infrage gestellt." Auch ein Verein, der nicht so viel Geld habe, müsse eine Chance haben, ein Spiel zu gewinnen. Gute Idee. Nur - wie will er das umsetzen?

5. Die Nibelungentreue zu Uli Hoeneß ist ungebrochen

Eigentlich beschreibt die Nibelungentreue ja das uneingeschränkte Einstehen eines Machthabers für seinen Vasallen. In München funktioniert das umgekehrt, auch wenn der verurteilte Steuerbetrüger Uli Hoeneß nicht mehr Herr in Haus der Bayern ist, sondern nur noch ein Ex-Präsident und Ex-Aufsichtsratsvorsitzender, der demnächst in Landsberg am Lech im Gefängnis sitzt. Wenn man der "Süddeutschen Zeitung" Glauben schenkt, hat sich jüngst beim Spiels des FC Bayern gegen Arsenal in der Champions League Folgendes zugetragen: Präsident Uli Hoeneß, tagsüber noch vor dem Landgericht, berichtete mehreren Aufsichtsratsmitgliedern von seiner Hoffnung, im Steuerprozess ohne Haftstrafe davonzukommen.

Da hatte er allerdings schon zugegeben, doch noch ein paar Euro mehr als die bisher bekannten 3,5 Millionen hinterzogen zu haben. Keiner der Anwesenden - unter ihnen der ehemalige bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber - sagte Uli Hoeneß in diesem Moment das eigentlich Unvermeidliche: Du, Uli, lass gut sein. Du musst eh zurücktreten. All die Bosse aus den großen Dax-Konzernen mit ihren Compliance-Regeln, sie ließen den geständigen Steuersünder gewähren. Ließen Gutachten erstellen, laut denen er auch vorbestraft noch hätte Aufsichtsratschef und Präsident bleiben können. Offenbar reifte die Einsicht erst mit der Verkündung der Haftstrafe. Lösen werden sich die Bayern von Hoeneß allerdings auch nach seinem Rückzug nicht. "Die Meisterschaft ist für Uli Hoeneß, die wichtigste Person im Verein", sagte Josep Guardiola. Der Übervater bleibt präsent.

6. Fußballersprache ist universell

Nachrichtenagenturen sind eine feine Sache. Sie liefern zum Beispiel wertvolle Protokolle von Pressekonferenzen. Auch von den Aussagen Guardiolas nach dem Gewinn der Meisterschaft in Berlin existiert eine Mitschrift, wobei wir uns ernsthaft fragen, was für Sprachkünstler da am Werk waren. Wir waren auch dort und haben versucht, den Ausführungen des Spaniers zu folgen, unseren Aufzeichnungen zufolge war das nicht besonders erfolgreich. Dabei erfordern die Fragen von Sportjournalisten meist keine komplexen oder kunstvollen Antworten, ganz im Gegensatz zu den Fragen moderner Raumdeckung. Wie genau also verständigen sich Jeróme Boateng und Guardiola über das richtige Verhalten beim Eckball? Wie genau erklärt Ko-Trainer Hermann Gerland seinem Chef den Sinn und Zweck einer Bierdusche? Und wie um alles in der Welt verstehen diese Agenturjournalisten Guardiola? Scheint ja alles wunderbar zu klappen. Ansonsten sollten wir vielleicht einfach Spanisch lernen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema