Fußball

Traumtor, Gestalter, Wortführer Wie Dauerläufer Kimmich die Bayern dirigiert

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Irgendwo muss die Freude über die sehr wahrscheinliche achte Meisterschaft in Folge ja hin.

(Foto: Jrgen Fromme/firo Sportphoto/POOL)

Beim Sieg gegen den BVB wird Bayerns Joshua Kimmich vor allem wegen seines Zaubertors in Erinnerung bleiben. Dabei wird das dem 25-Jährigen nicht annähernd gerecht. Am 28. Spieltag der Fußball-Bundesliga beweist er erneut, warum Trainer Hansi Flick von seinem Spielgestalter schwärmt.

"Ouhhh shittt". Joshua Kimmich kann sich sicher sein, dass sein Geniestreich in der Fußballwelt einige Anerkennung finden wird. Um 19.14 Uhr - in der 43. Minute des Bundesligaspiels seines FC Bayern bei Borussia Dortmund - traf der deutsche Nationalspieler überaus sehenswert zum spielentscheidenden 1:0. Sein Heber aus 19 Metern Entfernung über den etwas zu weit draußen stehenden Dortmunder Torwart Roman Bürki hinweg verzückte auch Belgiens Stürmer Romelu Lukaku.

Der twitterte um 19.15 Uhr eben jenes "Ouhhh shittt". Der Post erntete bis zum Mittwochmorgen 9659 Likes, wurde 447 Mal retweetet und bekam 97 Kommentare. Lukaku spielt bei Inter Mailand in der italienischen Serie A, nicht nur da schaut man neidisch auf die Bundesliga, die trotz Corona-Krise bereits wieder läuft.

Nun würde ein derart glänzender Kimmich aber auch ohne Ausnahmezustand auffallen. Der 25-Jährige stand in 28 Saisonspielen 27 Mal auf dem Platz, davon 27 Mal in der Startelf, fehlte lediglich gegen Hertha BSC gelbgesperrt und wurde nur viermal ausgewechselt. Statistiken, die beeindrucken. Und die Relevanz Kimmichs unterstreichen. Der zuweilen erfrischend offensive Defensivmann ist aus dem Spiel der Bayern nicht mehr wegzudenken. "Er ist ein Spieler, mit dem man als Trainer immer zufrieden ist, weil er immer 100 Prozent gibt. Das ist einfach schön", sagte sein Trainer Hansi Flick nach dem Sieg, der wohl die Meisterschaft zugunsten der Bayern entschieden hat.

"Einfach klasse"

So viel Lob hat sich Kimmich verdient. Nicht nur, weil ihm gegen den BVB sein drittes Saisontor gelang. Ein offenbar einfaches und genau so gewolltes, denn nach dem Spiel sagte er: "Ich habe es nicht unbedingt gesehen, aber wir wurden im Vorfeld darauf hingewiesen, dass Bürki immer relativ hoch steht." Eine geplante Genialität also.

Nein, das Toreschießen zeichnet den Sechser nicht vorrangig aus, dafür gibt es beim FC Bayern vor allem Robert Lewandowski (der allerdings gegen den BVB leer ausging). Vielmehr ist der 25-Jährige einer, der - gäbe es nicht den jüngst verlängerten Manuel Neuer - mit Bravour das Amt des Kapitäns bekleiden könnte. Bestätigte auch sein Trainer: "Er kann auf dem Platz gut sprechen, aber die Art und Weise, wie er das ausfüllt, die Akzente, die er nach vorne setzt, er macht das einfach klasse. Was die Zukunft bringt, wird man sehen", so Flick.

Kimmich hat sich in dieser Saison an der Seite von Thiago zum Gestalter des Münchner Spiels entwickelt: Gegen den BVB hatte er 104 Ballaktionen, die meisten im Spiel. 89 Prozent seiner 81 Pässe kamen an, seine Zweikampfquote lag bei 40 Prozent. Als wäre das nicht überzeugend genug, lief er auch noch 13,73 Kilometer - und damit so viel wie in dieser Saison noch kein Bundesligaspieler. Sportdirektor Hasan Salihamidzic war selbstredend schon viel früher von der Qualität seines Profis überzeugt: "Der Junge kann einfach alles", schwärmte er gegenüber der Münchner "Abendzeitung" kurz vor der Corona-Pause, "egal wo man ihn hinstellt, ist er Weltklasse."

"Extrem gefreut"

Eine Adelung, mit der Salihamidzic indirekt auch seinen Trainer - mit dem er noch Anfang des Jahres des Öfteren im Clinch lag - lobte. Denn Flick gibt dem Mann, der schon seit 2015 im Klub kickt, das nötige Selbstvertrauen und die Wichtigkeit. Der 55-Jährige vertraut ihm die zentrale Rolle im Bayern-Spiel an, er lobt ihn für seine "Entwicklung und die Entwicklung ist sehr gut". Etwas, dessen sich Kimmich bewusst ist: "Auf dem Platz versuche ich meine Leistung zu bringen, denn sonst machst du dich angreifbar, wenn du den anderen Spielern mal ein Kommando gibst", sagte er kürzlich gegenüber Eurosport. Man dürfe "keine Angst davor haben, zum Beispiel Jérôme Boateng oder Thomas Müller bestimmte Dinge zu sagen".

Die Rolle des Anführers eben. Eine, die Flick ihm zugesteht, die in der Mannschaft ganz offenbar akzeptiert ist. Klare Ansagen gehören mittlerweile standardmäßig zum Repertoire Kimmichs - neben, aber auch auf dem Spielfeld. Geisterspielen sei Dank hört man das nun verstärkt auch vor den heimischen TV-Geräten. Emotional, kritisch, aber auch mit der nötigen Abgeklärtheit dirigierte er bereits gegen den 1. FC Union Berlin das Spiel und nun eben gegen den BVB. Der Jubel nach Abpfiff fiel ebenfalls laut aus: "Ich habe mich extrem gefreut. Als ich mich umgeguckt habe, war mir nicht sofort klar, ob jeder wusste, wie wichtig die drei Punkte waren", sagte er, nachdem er seine Freude auf dem Rasen herausgeschrien hatte. Wenn dann auch noch so ein Traumtor gelingt, bedarf es halt mal eines "Ouhhh shittt".

Quelle: ntv.de