Fußball

Idol dominiert, Weltklasse naht Wie Davies an der Messi-Meisterprüfung reifte

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Respekt: Messi musste anerkennen, dass Davies am Freitagabend eine Klasse besser war.

(Foto: REUTERS)

Alphonso Davies bekleidet mit nur 19 Jahren beim FC Bayern eine der wichtigsten Positionen des modernen Fußballs. Und im größten Spiel seiner Karriere schaltet er nicht nur Lionel Messi aus, sondern dominiert auch vorne. Aber die nächste große Aufgabe wartet schon.

Es war das wichtigste Spiel des Jahres für den FC Bayern bis zu dem Zeitpunkt. Und das größte Spiel überhaupt in der Karriere des Alphonso Davies. Der Druck, im Moment voll da sein und die beste Leistung abzurufen, der auf dem 19-jährigen Linksverteidiger lastete, war so hoch wie nie zuvor. Sein Gegenspieler hieß zudem noch Lionel Messi. Doch wie Davies beim 8:2 (4:1) über den FC Barcelona defensiv wie offensiv überragte, war schlichtweg faszinierend - und katapultierte den Kanadier endgültig Richtung Kategorie Weltklasse.

Sicher, Davies ist erst 19 Jahre alt und muss noch viel lernen. Aber wie schnell er Dinge auf dem Platz studiert und erfasst, ist beeindruckend. Der Kanadier brauchte nämlich eine turbulente Eingewöhnungsphase, um seine Galaleistung abrufen zu können. Barça-Trainer Quique Setién hatte ihn vor dem Spiel augenscheinlich als Schwachstelle ausgemacht: zu unerfahren, zu grün hinter den Ohren, nicht bereit für den Druck. Zunächst funktionierte der Plan, die Katalanen rollten ihre Angriffe vermehrt über die rechte Seite. Messi und der aufrückende Rechtsverteidiger Nelson Semedo wirbelten den Bayern-Youngster gründlich durcheinander. Der deutsche Rekordmeister hatte zu dem Zeitpunkt Glück, nicht mit 1:3 ins Hintertreffen zu geraten.

"Eines der größten Versprechen im Weltfußball"

Nach 20 Minuten fing sich Davies aber, verteidigte und rannte alles weg, was sich ihm in den Weg stellte. Und das gegen Messi, der als einziger bei Barcelona (mal wieder) in dieser Saison in Topform war. 31 Tore und 27 Vorlagen konnte La Pulga vor der Bayern-Partie in 43 Pflichtspielen vorweisen. Für Davies war dieses Duell zudem persönlich besonders, weil der Argentinier sein Kindheitsidol ist. "Ich darf gegen einen meiner Lieblingsspieler antreten, das ist unglaublich. Ich habe dafür keine Worte, ein Traum wird wahr", erzählte Davies vor dem Viertelfinale bei "Uefa.com". In dem Interview verriet der 19-Jährige auch, wie er mit seinem Vater telefonierte und dieser ihn herausforderte: "'Jetzt triffst du also auf deinen Lieblingsspieler', sagte er. Dann haben wir beide nur gelacht."

Davies erzählte, wie er Messi "früher immer genau beobachtet" habe und prophezeite vor dem Spiel: "Es wird eine ganz besondere Erfahrung." Die wurde es. Positiver Art für den Kanadier und negativer Art für Messi, der gegen den Youngster einen der schwärzesten Abende seiner Karriere erlebte. Davies dagegen wuchs an seiner Mammutaufgabe. Er bestand die ultimative Meisterprüfung gegen den vielleicht immer noch besten Spieler der Erde - und befindet sich selbst nun auf dem Weg in die Weltklasse. "Eines der größten Versprechen im Weltfußball" nennt die spanische Zeitung "As" ihn nach dem 8:2.

Dabei war Davies' Weg steiniger als der vieler anderer Fußballprofis. Geboren im Flüchtlingslager Buduburam in Ghana, nachdem seine Eltern vor dem Bürgerkrieg in Liberia fliehen mussten, verbrachte er umgeben von Hunger und Elend seine ersten fünf Jahre. Durch ein Umsiedlungsprogramm schaffte es die Familie nach Kanada, nicht gerade das Mutterland des Fußballs. Aber Davies machte in der MLS auf sich aufmerksam, wechselte zum FC Bayern und stand bereit, als sich Ende Oktober 2019 mit Niklas Süle und Lucas Hernández gleich zwei Innenverteidiger schwer verletzten. Eigentlich als Notlösung sprang der Jungspund linksaußen ein, weil David Alaba in die zentrale Defensive rückte - und verpasste seitdem nur eines von 45 Pflichtspielen.

Richtiger Mann auf wichtiger Position

Und so hat der FC Bayern in Davies nun einen 19-Jährigen, der bald zur Weltklasse aufsteigen wird, auf einer der wichtigsten Positionen des modernen Fußballs. Jürgen Klopp und der FC Liverpool machten über die vergangenen zwei Jahre vor, wie ausschlaggebend Außenverteidiger sind und was sie alles mitbringen müssen: Schnelligkeit, Aggressivität, Dynamik. Kaum jemand personifiziert diese Eigenschaften wie Davies - mal abgesehen von Liverpools Trent Alexander-Arnold und Andrew Robertson, die über die vergangenen zwei Jahre in der Premier League nicht nur hunderte Kilometer abspulten und grandios verteidigten, sondern auch 48 Tore vorbereiteten.

Aber Assists gibt Davies, das weiß seit Freitagabend die ganze Welt, besser als die meisten Spielmacher dieses Planeten. In der 62. Minute bekam der Kanadier kurz hinter der Mittellinie den Ball. Mit einer Körperdrehung ließ er erst Messi aussteigen und gleich darauf Arturo Vidal. Kurzer Sprint Richtung Grundlinie, wo Semedo nur darauf wartete, auch noch vernascht zu werden. Eine Körpertäuschung folgte auf die nächste. Davies tanzte mit dem Ball und zog dann unnachahmlich vorbei und an der Torauslinie und an Gerard Piqué entlang auf Torhüter Marc-André ter Stegen zu. Alle Gegenspieler waren lediglich Begleitschutz, zu agil, zu gedankenschnell tänzelte der Youngster. Seine Vorarbeit verwandelte Joshua Kimmich zum 5:2, und sprach später aus, was alle dachten: "Unglaublich." Und der deutsche Nationalspieler fügte an: "Ich habe mich fast geschämt, wie ich mich nach dem Tor gefreut habe, weil das natürlich zu 99 Prozent sein Tor war."

Nach Davies' Galaleistung gegen die Blaugrana lobte Hansi Flick: "Einfach schön. Er hat die Qualität." Und der offizielle spanische Twitter-Account Bayern Münchens schickte noch einen speziellen Gruß nach Barcelona: "Versuche nicht, ihn zu fangen", stand in einem Post geschrieben direkt unter einem Bild von Ex-Sprintstar Usain Bolt - auf dessen Kopf aber Davies 'Gesicht prangte.

An Weltklasse herangerückt

Ob Olympique Lyons Trainer Rudi Garcia des Spanischen mächtig ist oder nicht, er dürfte seine Schützlinge nun nach dem Überraschungssieg über Manchester City im Speziellen vor Davies warnen. Seine Stürmer Memphis Depay und der eingewechselte Doppel-Torschütze Moussa Dembelé tauchen immer wieder rechts vorne auf der Messi-Position auf, sind technisch stark, schnell, flink und wendig. Kleine Messis, wenn man so will. Die nächste Meisterprobe, die auf Davies im Königsklassen-Halbfinale wartet. Aber, dass er damit umgehen und zusätzlich sogar noch vorne entscheidende Akzente liefern kann, weiß der 19-Jährige nun.

"Ich bin noch immer der Alphonso Davies, der stets ein Lächeln im Gesicht hat", sagte der Linksaußen im Interview mit "Uefa.com". "Das hat sich seit der vierten Klasse nicht verändert und ich bin froh darüber." Ein klein bisschen hat sich dann doch seit Freitagabend verändert für Alphonso Davies, aber das dürfte sein Lächeln nur vergrößern. Er hat sein Idol in die Schranken gewiesen. Und ist ein Stück näher an die Weltklasse herangerückt.

Quelle: ntv.de

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