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Sterling bei Manchester City Wie Guardiola aus Fußballern Stars macht

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Wer unter Guardiola trainiert, darf keine Angst vor Nähe haben.

(Foto: dpa)

Raheem Sterling gilt lange als Sinnbild der Krise des englischen Fußballs. Nun hat er bei Man City mit Josep Guardiola einen neuen Trainer - und ruft endlich sein Potenzial ab. Das freut auch die Presse, beobachtet unser Autor.

Wer unter Josep Guardiola trainiert, darf kein Problem mit Nähe haben oder damit, herum geschoben zu werden wie eine Schachfigur. Joshua Kimmich hat das erfahren, als der Übungsleiter aus Katalonien beim FC Bayern beschäftigt war. Nach einem Spiel in Dortmund im März des vergangenen Jahres fing ihn Guardiola am Mittelkreis ab, umarmte ihn, redete auf ihn ein, legte beide Arme auf seine Schultern, drückte Stirn an Stirn und schaute ihm so tief in die Augen, als wollte er ihn hypnotisieren. Was aus der Ferne aussah wie eine ausgiebige Einzelkritik, war aus Guardiolas Sicht eine Liebeserklärung an Kimmich, denn man beschäftigt sich derart eingehend ja nicht mit Spielern, die einem egal sind.

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Neulich ist ein Video aufgetaucht, das ein ähnliches Schauspiel dokumentiert, diesmal aus dem Training. Guardiola, mittlerweile damit beauftragt, Manchester City zur besten Fußballmannschaft Europas zu machen, redete auf seinen Angreifer Raheem Sterling ein, griff ihm an die Schulter, schob ihn zur Seite, zeigte mit den Händen Passwege an und deutete auf imaginäre Räume. Natürlich ist dieses Video genauso irre wie die Szene mit Kimmich, doch erstens belegt es, dass Guardiola auch Sterling in sein Herz geschlossen hat, und zweitens gelang dem 22 Jahre jungen Angreifer in der Champions League gegen Feyenoord Rotterdam dann tatsächlich ein Tor, das exakt dem Plan folgte, den ihm der Trainer auf dem Übungsplatz injiziert hatte.

Mit seiner übermäßig intensiven Art der Menschenführung macht Guardiola Spieler besser, Sterling ist dafür das aktuelle Beispiel. Obwohl erst ein Drittel der Saison vorbei ist, hat er schon seinen persönlichen Torrekord überboten. In 18 Partien in allen Wettbewerben traf er schon zwölf Mal. Wie gegen Rotterdam, wo er das 1:0-Siegtor schoss, gelang ihm auch am Wochenende beim 2:1-Erfolg in Huddersfield der entscheidende Treffer. Sterling, der auf Jamaika geborene englische Nationalspieler, ist Citys bester Schütze im Moment. Überraschenderweise. Er erfüllt endlich sein Potenzial und revanchiert sich bei seinen Kritikern.

"He´s top of the league!"

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Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, ist freier Journalist, schreibt nicht nur über Fußball und berichtet seit dieser Saison aus Manchester über das sportliche Geschehen in England. Just ist sein Buch "Choreo - Kunstwerke aus deutschen Fußball-Fankurven" erschienen.

(Foto: Verena Knemeyer)

Davon gibt es viele – was daran liegt, dass seine Begabung nicht zu übersehen ist, er aber lange zu wenig daraus machte. Für Englands berüchtigte Boulevardpresse war Sterling in der Vergangenheit ein leichtes Opfer. Sie verriss ihn dafür, dass er vor ein paar Jahren einmal angegeben haben soll, zu müde zu sein, um für sein Land zu spielen.

Sie machte Skandal-Geschichten über angeblichen Drogen-Konsum und angebliche Liebschaften, unterstellte ihm bei seinem Abschied vom FC Liverpool im Sommer 2015 Abzocke und stürzte sich darauf, dass nach Englands wieder einmal peinlichem EM-Aus im vergangenen Jahren ein Video von Sterlings luxuriös ausgestattetem Haus auftauchte. Die ganze Nation schämt sich, und die Versager selbst protzen mit ihrem Reichtum. Unerhört! Bei Manchester City stand Sterling immer ein bisschen im Schatten, immer eher in der zweiten Reihe hinter Kevin De Bruyne, Sergio Agüero oder Gabriel Jesus, doch auch dank Trainer Guardiola hat er in seiner dritten Saison in Diensten des Klubs eine Hauptrolle eingenommen.

"He´s top of the league!", singen die Fans. Die Berichterstattung hat sich gedreht. In einer Liga, die ihre Pracht vor allem Spielern aus dem Ausland verdankt, und in einem Team, das von Fachkräften aus Brasilien, Belgien und Argentinien abhängig ist, schwingt Sterling die englische Fahne, zur Freude der heimischen Presse. Gerade die konservativen Zeitungen haben ja gerne ihre Helden aus der Heimat, was ziemlich anstrengend sein kann. In der Vergangenheit mussten dafür Spieler wie John Terry oder Frank Lampard vom FC Chelsea oder Steven Gerrard in Liverpool herhalten, aktuell sind es zum Beispiel Harry Kane von Tottenham Hotspur - oder eben Sterling.

"Draheem Team" (anstelle von "Dream Team") titelte die "Sun" nach Manchester Citys schwer erkämpftem Sieg über Huddersfield. Die "Times" gab sich keine Mühe, ihre Bewunderung zu verbergen. "Einige hätten sich versteckt, hätten die einfache Variante gewählt. Einige hätten darauf gewartet, dass die profilierteren Kollegen die Rettungsmission starten. Nicht Sterling", schrieb die Zeitung. Die Worte klangen so, als wären sie einem Krieger gewidmet, der sich alleine in die Schlacht gegen einen übermächtigen Feind geworfen hat – und nicht einem erst 22 Jahre jungen Fußballer.

Quelle: n-tv.de

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