Fußball

Fußballspiel mit 40.000 Fans Wie RB Leipzig das Coronavirus bagatellisiert

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Anders als bei vielen Fußballspielen dürfen bei RB Leipzig alle Fans ins Stadion.

(Foto: Action Images via Reuters)

Das Coronavirus spielt bei der Champions-League-Partie zwischen RB Leipzig und Tottenham Hotspur keine Rolle - und ist doch überall. Der Fußballklub aus Sachsen redet die Gefahren klein und gibt weder Warnhinweise noch Verhaltensregeln aus.

Wir befinden uns im Jahre 2020 nach Christus. Ganz Deutschland ist vom Coronavirus besetzt ... Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Sachsen und Briten bevölkertes Fußballstadion hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Obwohl, Widerstand? Ignoranz wäre passender. Während Asterix und Obelix in den gleichnamigen Comics im einzigen widerständigen Gallischen Dorf den Römern eins auf die Mütze geben, wird der Eindringling - in diesem Fall das Coronavirus - beim Champions-League-Achtelfinale zwischen RB Leizpig und Tottenham Hotspur (3:0) ignoriert.

Wie schon im ICE aus Berlin. Eine Gruppe von Engländern, Ende 30 bis Mitte 40. 90er-Jahre-Trikots von Tottenham Hotspur. Bierflaschen auf dem Tisch. "Corona kümmert uns gar nicht", sagt einer. "Wir sind nach Berlin geflogen und bei uns zu Hause hat auch niemand gesagt, dass wir nicht fahren sollten." Sein Nebenmann fügt hinzu: "Wir werden uns jetzt nicht anders verhalten. Wenn mir jemand die Hand hinhält, dann schüttele ich sie auch." Und wieder der erste: "Was soll man auch machen? Wenn man nicht zum Spiel gefahren wäre, dann wäre man ins Pub gegangen - da sind auch viele Leute, das kommt ja aufs Gleiche raus."

Keinerlei Coronavirus-Warnung

*Datenschutz

Man mag von der Angst vor dem Virus halten, was man will. Es lässt sich darüber streiten, ob die Partie in Leipzig vor 40.000 Fans hätte stattfinden sollen und ob so eine sprunghafte Verbreitung des Coronavirus in Kauf genommen wird. Auf der RB-Homepage ist vor dem Spiel kein Hinweis zu finden - auch nicht für ausländische Anhänger, die vielleicht die Lage in Deutschland nicht so gut einschätzen können. Eine Frau aus der Medienabteilung verweist auf die Desinfektionsmittelspender.

Darauf angesprochen sagt Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff nach dem Spiel: "Wir setzen uns mit so einer Situation auch nicht alltäglich auseinander und haben versucht, zumindest Hygienemittel ausreichend zur Verfügung zu stellen. Ich gehe auch davon aus, dass auch die ausländischen Fans alle Fernsehen schauen und dass mittlerweile jeder weiß, wie er sich die Hände zu waschen und sich zu desinfizieren hat." Währenddessen werden andere Bundesligapartien zum "Geisterspiel" gemacht, etliche Spiele in der Königsklasse - unter anderem auch das des FC Bayern gegen den FC Chelsea nächste Woche - finden ohne Zuschauer statt und die Eishockey-Playoffs der DEL werden sogar vorzeitig beendet. In Leipzig selbst wurde sogar die Buchmesse abgesagt. Einheitliche Entscheidungen in Land, Stadt und Sport sehen anders aus. Mintzlaff räumt ein: "Wir sind auch nicht die Corona-Experten und da gibt es sicherlich noch Luft nach oben."

Auf dem Weg zum Stadion gibt es nur ein Thema in der vollgepackten Straßenbahn. Aber Sorge oder gar Panik versprüht das Coronavirus unter den Leipziger Fans nicht. Zwei Herren um die 60, Bierdose in der Hand: "Ach ob 40.000, 5000 oder 1000 Leute ist doch auch egal. Da kann man doch eh nichts machen. Und Asiaten schmeißen die hier ja eh raus." Mit dem letzten Satz sprechen die beiden die Racial-Profiling-Aktion von RB Leipzig an, als sie im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen 20 Fans aus dem Stadion warfen, die die Sicherheitskräfte anhand ihres Äußeren als Japaner zu erkennen glaubten. Manche nehmen das Virus mit Humor: "Alle auf dem Weg zur Corona-Demo", witzeln die einen. "Das Virus trinken wir weg", sagen die anderen.

Bloß keine Panik verbreiten

Sachsen und Großbritannien sind Gebiete mit vergleichsweise wenig Infektionen und Veranstaltungen unter freiem Himmel bieten eine geringere Ansteckungsgefahr. "Wir hatten Stand Spielbeginn vier Infizierte in Leipzig", will Mintzlaff nach dem Spiel beschwichtigen, "und da hat die Gesundheitsbehörde meiner Meinung nach völlig richtig gehandelt, dass man nicht in Panik verfällt." Aber zur Partie gegen Tottenham kamen eben Fans aus ganz Deutschland und aus Übersee. Die haben mit den vier Infizierten in Leipzig wenig zu tun.

Teile der RB-Fanszene aber spüren, dass etwas falsch läuft: Mehrere Hundert Fans entschließen sich vor dem Champions-League-Kracher, ihre Karten lieber abzugeben und nicht ins Stadion zu gehen. Mitzlaff steht vor dem Anstoß auf dem Feld und verkündet: "Gesundheit geht bei uns absolut vor."

Immerhin: Kein Handschlag

Aber das Coronavirus hat eben nicht nur Auswirkungen auf die Zuschaueranzahl in Stadien, sondern potenziell auch auf den Ausgang von Fußballspielen. "Es wäre für uns ein Nachteil gewesen, in Tottenham mit Fans und in Leipzig ohne Fans zu spielen", sagte Leipzig-Coach Julian Nagelsmann schon vor dem Spiel. RB darf gegen Tottenham noch mal vor den eigenen Anhängern antreten: "Für uns war es wichtig, dass unsere Fans heute dabei waren, auch wenn Gesundheit natürlich wichtiger ist als Fußball", sagt Torwart Peter Gulacsi nach der Begegnung. "Beim 1:0 ist die Hütte explodiert", meint Doppeltorschütze Marcel Sabitzer, "das trägt einen und hilft natürlich". Andere Teams haben diese Unterstützung zu Hause nun nicht mehr. "Geisterspiele" könnten ihre ganz eigene Dynamik annehmen. Auch finanziell verlieren die Heimteams ohne Fans und Leipzig nahm das offiziell ausverkaufte Haus gegen Tottenham natürlich gerne mit.

In der Halbzeit gibt es im Gallischen Dorf Red-Bull-Arena ebenfalls keine Anzeichen von Coronavirus-Angst. Die Massen drängeln sich auf die Toiletten und an die Bierstände. Immerhin: Nach Spielende geben sich Tottenham-Trainer José Mourinho und Nagelsmann die Faust statt der Hand.

Quelle: ntv.de