Fußball

Zwei Fehler und ein "Ja, aber" Wie sich der DFB hinter Özil versteckt

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Einer der feinsten Fußballer, die je dieses Trikot getragen haben: Mesut Özil.

(Foto: imago/Sven Simon)

Mesut Özil? Kein Thema mehr, scheinen sie beim DFB zu denken. Während der Fußballprofi ein Jahr nach seinem Rücktritt aus der Nationalelf unverdrossen seine Nähe zum türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan demonstriert, will auch der Verband aus seinen Fehlern nicht lernen.

Im Grunde ist der DFB fein raus. Genau ein Jahr ist es her, dass Mesut Özil Schluss gemacht hat. Nach dem historischen Aus in der Vorrunde bei der Weltmeisterschaft in Russland trat er am 22. Juli 2018 aus der deutschen Fußball-Nationalelf zurück, weil er sich rassistisch angefeindet fühlte. Auslöser waren Fotos mit ihm und dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan Mitte Mai vergangenen Jahres. Nach Özils Rücktritt diskutierte ein ganzes Land über Alltagsrassismus und Integration im Sport. Und darüber, ob letztere gescheitert sei. Wie stets ebbte diese Debatte irgendwann ab.

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Foto mit dem Präsidenten: Özil und Recep Tayyip Erdogan.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als Özil dann am 7. Juni dieses Jahres mit Erdogan als Trauzeuge in Istanbul seine Freundin Amine Gülse heiratete, gab es wieder Fotos. Auf ihnen ist das Paar mit dem Präsidenten und seiner Frau auf einer Empore vor dem Bosporus zu sehen. Der Fußballer sucht und findet die Nähe eines Autokraten, der seine Kritiker ins Gefängnis steckt, foltern lässt und überhaupt von der Demokratie nicht viel hält.

Ob Özil weiß, was er tut und dass er womöglich instrumentalisiert wird, wissen wir nicht. Der Präsident nimmt die Vorlagen jedenfalls dankend an, das Zusammenspiel funktioniert prächtig. Das ist im Ergebnis fatal und nicht nur politisch falsch. Özil diskreditiert sich selbst. Wer damit aber nachträglich das Versagen des DFB und sein katastrophales Krisenmanagement rechtfertigen will, liegt ebenfalls falsch. So einfach ist das nicht.

"Fall Özil ohne jede Vorwarnung"

Der Fototermin von Özil und Ilkay Gündogan mit Erdogan, inklusive Ehrerbietungen, steht für sich. In der Sache konnte und durfte der DFB und sein Präsident Reinhard Grindel die Spieler nicht in Schutz nehmen. Aber die Funktionäre verpassten es offenbar, intern eine klare Ansage zu machen. Das war der erste Fehler. Während Gündogan sich flugs distanzierte, schwieg Özil. Die Nationalelf nahm das Thema mit zur WM. Vor den Reaktionen während und nach dem sportlich so enttäuschenden Turnier in Russland aber hatte der DFB und auch Özils Kollegen den 92-maligen Nationalspieler schützen müssen, besonders vor den diffamierenden und rassistischen Angriffen im Netz und in den Stadien.

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Nun dann halt Frisurenwitze.

(Foto: dpa)

Das hat er nicht getan, das war der zweite, schwerwiegendere Fehler. Grindel hat das hinterher in Teilen auch eingeräumt. Beim Verband wollen sie auch ein Jahr danach am liebsten immer noch nicht darüber reden. Sie wissen, dass sie spätestens seit den Hochzeitsfotos die öffentliche Meinung zu großen Teilen auf ihrer Seite haben dürften. Kaum jemand vermisst Özil, die "Bild"-Zeitung spottete jüngst, er sehe jetzt aus wie Heino, weil er sich nach einer verlorenen Wette die Haare blond gefärbt hat. Was aber ist mit dem Vorwurf des Rassismus, ob offen oder unterschwellig? Wir fragen Cacau, einst selbst Nationalspieler und seit drei Jahren Integrationsbeauftragter des DFB. Er hat eine Meinung, spricht mit n-tv.de. Nur veröffentlichen dürfen wir das Interview nicht, noch nicht. Die Autorisierung ziehe sich leider etwas in die Länge, Ende des Monats, also eine Woche nach dem Jahrestag, sei es dann so weit, teilt der Verband mit.

Dabei hat Cacau im Grunde nichts anderes gesagt als Eugen Gehlenborg. Der ist einer der Vizepräsidenten, zuständig für Sozial- und Gesellschaftspolitik und hat in der vergangenen Woche mit der Deutschen Presseagentur gesprochen. "Zweimal Ja!", antwortete er auf die Fragen, ob sich der DFB deutlicher zu den Fotos Özils mit Erdogan und zu den rassistischen Anfeindungen gegen Özil hätte positionieren müssen. Allerdings scheint in diesem Fall ein klares "Ja, aber", die verabredete Sprachregelung zu sein.

Denn Gehlenborg relativierte seine Aussage: "Der Fall Özil kam über den DFB ohne jede Vorwarnung. Und im Nachhinein kann man auch jeden Kritiker fragen: Was hätten Sie denn in so einer Situation gemacht? Ich jedenfalls kenne keine Organisation und keinen Menschen, der mit dieser heiklen und durchaus schwierigen Situation komplett fehlerfrei umgegangen wäre." Der DFB wähnt sich fein raus. Özil weg, Klappe zu. Bleibt die Frage, ob der Verband auch nur irgendetwas daraus gelernt hat.

Quelle: n-tv.de

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