Fußball

Abertausende Flug-Kilometer Wird die EM 2020 zum Öko-Desaster?

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Ein polnischer Fan müsste 6000 Kilometer in zehn Tagen reisen - nur für die Gruppenspiele.

(Foto: imago/Hollandse Hoogte)

Die Fußball-EM 2020 soll die Einheit Europas feiern. Quer über den Kontinent sind die Stadien verteilt, Dublin und Baku liegen mehr als 4000 Kilometer auseinander. Umweltschützer befürchten durch den Flugverkehr ein ökologisches Desaster. Die Uefa hingegen spricht vom "bislang umweltfreundlichsten Turnier".

52 Spiele an zwölf Orten auf zwei Kontinenten: Spieler und Fans müssen bei der Fußball-Europameisterschaft 2020 so weite Wege zurücklegen wie bei keinem Turnier zuvor. Während der europäische Fußballverband mit den in ganz Europa verstreuten Austragungsstätten das 60-jährige EM-Jubiläum feiern will, sehen Kritiker darin ein ökologisches Desaster.

Ein polnischer Fan beispielsweise muss 6000 Kilometer in zehn Tagen reisen, um allein die Gruppenspiele seiner Mannschaft zu sehen: ins irische Dublin, weiter nach Spanien ins Stadion von Bilbao und wieder zurück nach Irland. Das Achtelfinale findet in der ungarischen Hauptstadt Budapest statt, das Viertelfinale in Baku in Aserbaidschan. Bis nach London, wo sowohl das Halbfinale als auch das Endspiel ausgetragen werden, sind es von dort 4000 Kilometer.

Zum Vergleich: Für die Europameisterschaft 2016 genügte ein Hin-und Rückflug, innerhalb Frankreichs konnten alle Spielorte mit der Bahn erreicht werden. Genauso wird es in vier Jahren bei der EM in Deutschland sein.

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Uefa: "Das bislang umweltfreundlichste Turnier"

Insgesamt Hunderttausende Flugkilometer werden wegen der EM im Sommer zurückgelegt werden, das Fußballfest hinterlässt einen gigantischen CO2-Fußabdruck."Aus ökologischer Sicht ist das der totale Nonsens", sagt Karima Delli, Grünen-Politikerin aus Frankreich und Vorsitzende im Ausschuss für Verkehr und Tourismus des EU-Parlaments. "Sie wollen mit diesem Format die Einheit Europas demonstrieren, vergessen dabei aber die Klimakrise."

Der Fußballverband Uefa widerspricht: Die EM 2020 werde "das bislang umweltfreundlichste Turnier", erklärt der Verband. So würden die Gruppenspiele großer Fußballnationen wie Deutschland, England, Italien, Spanien und den Niederlanden, deren Fans "bekannt sind, zu Zehntausenden zu internationalen Turnieren zu reisen", im jeweiligen Heimatland stattfinden. An Spieltagen soll der öffentliche Nahverkehr für die Zuschauer kostenlos sein und mehr Stadionmüll soll wiederverwertet werden. So kündigte beispielsweise die dänische Hauptstadt Kopenhagen als Austragungsort von vier EM-Spielen und "Grüne Hauptstadt Europas" im Jahr 2014 an, kaum Einwegplastik zu verwenden, Müll zu recyceln und Fans Bio-Essen anzubieten.

Außerdem sei für die EM nur ein einziges Stadion - die Puskás Aréna in Budapest - neu gebaut worden. Dadurch würden "enorme ökologische Kosten beim Verbrauch von Energie und Beton eingespart", teilte die Uefa weiter mit.

50.000 Bäume in jedem beteiligten Land

Der Bau von Sportstätten sei tatsächlich für einen Großteil der klimaschädlichen Emissionen bei internationalen Turnieren verantwortlich, sagt Andrew Welfle vom Tyndall-Forschungszentrum für Klimawandel in Manchester. Daher gebe es einen "riesigen Unterschied" beim Kohlendioxid-Ausstoß zwischen der EM 2020 und der Weltmeisterschaft 2022 in Katar, für die alle acht Stadien neu gebaut oder modernisiert werden.

Die Emissionen durch die Reisen der Fans seien "schwer zu kalkulieren", sagt Welfle. "Die Schätzungen basieren auf vielen verschiedenen Annahmen, die mehr oder weniger realistisch sind." Die Uefa rechnet damit, dass durch den Transport von Mannschaften und Zuschauern während der Meisterschaft 425.000 Tonnen Kohlendioxid freigesetzt werden. Bei der Euro 2016 in Frankreich seien es 517.000 Tonnen gewesen und bei der WM 2018 in elf russischen Städten knapp 1,5 Millionen Tonnen.

Um die Umweltbelastung der kommenden EM auszugleichen, verspricht die Uefa in Klimaschutzprojekte zu investieren und in jedem der beteiligten Länder 50.000 Bäume zu pflanzen. Forscher Welfle überzeugt dieses Konzept nicht: "Bäume zu pflanzen ist gut, aber dadurch ändert sich nichts an der Höhe der durch das Turnier entstandenen Emissionen."

Quelle: ntv.de, Antoine Maignan, AFP