Collinas Erben

"Collinas Erben" mit Waffen Bayer vernörgelt sich, Frankfurt lernt dazu

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Brille auf: Frankfurts Haris Seferovic flog als 2000. Spieler in der Bundesliga vom Platz - weil er den Schiedsrichterassistenten in Zeichensprache beleidigt hatte.

(Foto: dpa)

Spektakulär verliert Frankfurt gegen Stuttgart und lernt: Abseits ist nicht gleich Abseits und es gibt auch für Gebärden-Beleidiger Rot. Leverkusen diskutiert hitzig, wann der Ellbogen Werkzeug und wann Waffe ist. Nur im Topspiel sind wirklich alle top.

Neun Tore in einem Spiel – das gibt es in der Bundesliga nicht oft. Doch nicht nur die Treffsicherheit der Spieler und das ständige Hin und Her in der Partie zwischen Eintracht Frankfurt und dem VfB Stuttgart waren ungewöhnlich, die Begegnung hatte auch für Schiedsrichter Christian Dingert einige nicht alltägliche Situationen parat. So wie beispielsweise in der 34. Minute. Da nämlich wollte der Stuttgarter Oriol Romeu bei einem schnellen Angriff eigentlich seinen Mitspieler Filip Kostic bedienen. Doch der Frankfurter Aleksandar Ignjovski spritzte in den Pass – und lenkte den Ball ungewollt zum völlig freistehenden Martin Harnik, der für den VfB zum 1:1 traf. Bei Romeus Abspiel stand Harnik allerdings klar im Abseits – und dieses Abseits, so argumentierten die Gastgeber, sei durch Ignjovskis Intermezzo keineswegs annulliert worden. Aus ihrer Sicht hätte das Tor also nicht zählen dürfen.

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Stuttgarts Martin Harnik stand vor dem 1:1 im Abseits. Ein Abseitstor war sein Treffer trotzdem nicht.

(Foto: dpa)

Bis zum Sommer 2013 wäre in diesem Fall nur eine Entscheidung möglich gewesen: Abseits, deshalb kein Tor. Doch dann trat eine Modifizierung der Abseitsregel in Kraft. Seitdem wird zwischen einem unkontrollierten Abfälschen und einem absichtlichen Spielen des Balles durch einen Verteidiger unterschieden. Konkret heißt das: Wird ein Abwehrspieler von einem Gegner unvermittelt angeschossen und gelangt der Ball daraufhin von ihm zu einem Stürmer, der zuvor beim Schuss in einer Abseitsposition war, dann ist es Abseits. Bewegt sich der Verteidiger aber aktiv zum Ball und spielt er diesen dann versehentlich zu einem im Abseits befindlichen Angreifer, dann ist das Abseits aufgehoben.

Absichtliches Grätschen, unabsichtliches Abfälschen?

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In der Theorie klingt das eindeutig – doch wie so oft im Fußball gibt es auch hier Grenzfälle und Grauzonen. War Ignjovskis intuitiver Ausfallschritt tatsächlich eine absichtliche Handlung? Immerhin kam der Ball aus kurzer Distanz in seine Richtung, er hatte also kaum Zeit zu reagieren. Andererseits: Kann sich ein Verteidiger, der eine spontane Bewegung zum Ball macht, um ein Zuspiel zu einem Stürmer zu unterbinden, darauf berufen, den Ball nur unabsichtlich abgefälscht zu haben? Argumente gibt es wohl für beide Sichtweisen – vielleicht ein bisschen mehr dafür, dass das Schiedsrichtergespann schon richtig lag, als es erst auf Weiterspielen und schließlich auf Tor entschied. Denn mit der besagten Änderung der Abseitsregel soll ja die Offensive begünstigt werden.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Es passte zu diesem bemerkenswerten Spiel, dass in ihm auch der 2000. Platzverweis der Bundesligageschichte ausgesprochen wurde, der obendrein ein recht kurioser war: Dem Frankfurter Haris Seferovic missfiel eine Entscheidung des Schiedsrichter-Assistenten derart, dass er mit den Händen eine imaginäre Brille vor seinen Augen formte. Referee Dingert zückte ohne zu zögern die Rote Karte. Denn nach den Regeln ist der Gebrauch von "anstößigen, beleidigenden oder schmähenden Gebärden" feldverweiswürdig. Und um eine solche Gebärde handelte es sich hier ohne Zweifel.

Werkzeug oder Waffe?

In Leverkusen war Bayer-04-Trainer Roger Schmidt trotz des 1:0-Siegs über Schalke derweil unzufrieden mit Schiedsrichter Manuel Gräfe. Verstimmt hatte den Coach insbesondere, dass der Unparteiische seinem Spieler Tin Jedvaj nach einer Grätsche in der 85. Minute die Rote Karte gezeigt, einen Ellbogenstoß des Schalkers Marco Höger gegen Stefan Reinartz nach 18 Minuten dagegen nur mit der Gelben Karte geahndet hatte. Schmidt fand die eine wie die andere Aktion "sehr hart" und forderte ein einheitliches Strafmaß: "Beide Dunkelgelb."

Doch Gräfes unterschiedliche Strafzumessung war vertretbar. Bei Unterarm- und Ellbogeneinsätzen sollen die Referees genau darauf achten, ob mit dem Arm nur gestoßen oder schon geschlagen wird, ob er also als Werkzeug oder als Waffe zur Anwendung kommt. Genau hier verläuft die Grenze zwischen der Verwarnung und dem Feldverweis. Högers Ellbogentreffer im Kopfballduell mit Reinartz fiel – trotz der Verletzungsfolge für den Leverkusener – gerade noch in die erste Kategorie.

Bei Jedvajs Einsteigen war allerdings kein Spielraum mehr gegeben: Ein Tackling von hinten mit offener Sohle und großer Dynamik auf das Sprunggelenk des Gegenspielers ist regeltechnisch betrachtet eine brutale Spielweise – damit ist der Platzverweis unausweichlich. Und daran ändert sich auch nichts, wenn das "Opfer", in diesem Fall der Schalker Jan Kirchhoff, die Folgen des Fouls womöglich ein bisschen theatralisch überzeichnet.

Kaum Diskussionen gab es dagegen über die Schiedsrichterleistung beim so packenden wie intensiven Spitzenspiel am Sonntagabend zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Bayern München. Felix Zwayer entschied sich für eine großzügige Linie und sowohl die Spieler als auch die Zuschauer dankten es ihm. Zu dieser Linie passte es auch, dass der Berliner Fifa-Referee weder bei Martin Stranzls Tackling gegen Mario Götze in der 78. Minute noch bei Medhi Benatias Armeinsatz gegen Ibrahima Traoré zehn Minuten später auf den Elfmeterpunkt zeigte. Ein souveräner Auftritt des 33-Jährigen, der einmal mehr zeigte, warum er vom DFB vor der Saison zum "Schiedsrichter des Jahres" gekürt wurde.

Quelle: ntv.de