Collinas Erben

"Collinas Erben" klären auf Der Video-Assistent vertagt die Meisterfrage

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Das Eingreifen des Video-Assistenten in Leipzig war berechtigt, auch wenn Bayern-Präsident Uli Hoeneß das anders sieht.

(Foto: imago images / DeFodi)

Weil sich Robert Lewandowski laut Video-Assistent mit der Fußspitze im Abseits befindet, bleibt der FC Bayern torlos, und deshalb entscheidet sich die Meisterschaft erst in einer Woche. In Leverkusen ist der Schiedsrichter derweil froh über die Hilfe seines Video-Assistenten.

Auch am Ende der zweiten Saison seit Einführung der Video-Assistenten sind längst noch nicht alle in der Fußball-Bundesliga mit deren Eingriffsregularien vertraut. Zu jenen, die sich mit ihnen augenscheinlich nicht ausreichend auseinandergesetzt haben, zählt der Präsident des FC Bayern, Uli Hoeneß. Der nämlich bezeichnete die Intervention aus der Kölner Videozentrale gegen das Tor des Münchners Leon Goretzka an diesem 33. Spieltag beim Spiel in Leipzig (0:0) als "Witz des Jahres". Dabei war dem Treffer eine zwar knappe, aber mit den zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln nachweisbare Abseitsstellung von Stürmer Robert Lewandowski vorausgegangen. Hoeneß wollte dennoch nur vom "sogenannten Abseits" sprechen. "Das war keine klare Fehlentscheidung", sagte er. "Der Videobeweis ist dafür da, klare Fehlentscheidungen zu korrigieren. Es war gleiche Höhe."

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Da irrte der 67-Jähige. Lewandowski befand sich eine Fußspitze im Abseits, als Goretzka ihn bei seinem ersten Torschussversuch versehentlich anschoss, bevor der Ball über Umwege erneut zum Ex-Schalker kam, der ihn im Leipziger Tor versenkte. Das zeigte jedenfalls das Standbild mit den kalibrierten Abseitslinien, das die Fernsehsender seit einiger Zeit aus Köln übermittelt bekommen. Der Treffer durfte deshalb nicht zählen. Denn bei Entscheidungen ohne Graubereich – wozu eine Abseitsstellung genauso gehört wie etwa die Frage, ob der Ball auf dem Feld ist oder eine Begrenzungslinie überschritten hat – gibt es nur richtig oder falsch, aber nichts dazwischen, also auch keinen Interpretationsspielraum. Deshalb war es automatisch eine klare, korrekturbedürftige Fehlentscheidung, das Tor zu geben.

Natürlich: Das Einzelbild mit dem genauen Moment der Ballabgabe zu finden und die Abseitslinien exakt an die maßgeblichen Körperteile des Angreifers sowie des vorletzten Abwehrspielers anzulegen – das obliegt immer noch Menschen, weshalb Unschärfen und Fehler nicht ausgeschlossen sind. "Die Tatsache, dass eine ungenaue Handhabung der Abseitslinien bei Athleten im Vollsprint zu verfälschten Ergebnissen führen kann, ist uns bewusst und wird jedem Video-Assistenten beim Training in Erinnerung gerufen", sagte unlängst Jochen Drees, der Projektleiter des DFB für die Video-Assistenten. Man übe die Anwendung der Linien deshalb ständig. Klar ist aber auch: Eine genauere Messung und bildliche Darstellung von Abseitssituationen als mit den gegenwärtigen technischen und menschlichen Möglichkeiten hat es noch nicht gegeben.

In Leverkusen muss der Video-Assistent dreimal helfen

Und so, wie der wieder einmal glänzend leitende Schiedsrichter Manuel Gräfe in Leipzig dankbar gewesen sein dürfte, dass ihm sein Video-Assistent Marco Fritz in einer entscheidenden Situation weiterhalf, war auch sein Kollege Deniz Aytekin glücklich über die Unterstützung aus Köln. "Wir haben den Anspruch, keine Fehler zu machen und hundert Prozent zu geben", sagte er nach dem Spiel zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem FC Schalke 04 (1:1). "Manchmal klappt es eben nicht, daher war ich in diesem wichtigen Spiel heilfroh, dass wir diesen Videobeweis haben." Gleich dreimal griff Video-Assistent Tobias Reichel ein, jedes Mal zu Recht: Bei seinem Tor zum 1:1 kurz nach der Pause befand sich der Schalker Guido Burgstaller knapp nicht im Abseits. Der Treffer wurde deshalb nachträglich anerkannt. Möglich war das, weil der Schiedsrichter-Assistent die Fahne erst gehoben und Aytekin erst gepfiffen hatte, als der Ball im Tor lag.

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Deniz Aytekin war "heilfroh" über die Unterstützung durch den Videobeweis.

(Foto: imago images / Eibner)

Wenige Minuten später bemerkte Reichel auf den Bildern einen regelwidrigen Ellenbogeneinsatz des Leverkuseners Kevin Volland gegen Weston McKennie im Strafraum der Hausherren, der dem Unparteiischen entgangen war. Deshalb empfahl der Video-Assistent anweisungsgemäß ein Review, das schließlich zu einem Strafstoß für die Schalker führte. In der 71. Minute lief es umgekehrt: Der Referee hatte nach einem Zweikampf zwischen Jonathan Tah und dem Schalker Breel Embolo im Leverkusener Sechzehnmeterraum auf Elfmeter für die Gäste erkannt, korrigierte sich jedoch nach der Intervention aus Köln. "Vergiss es, Deniz, da ist nichts", habe ihm Reichel gesagt, erklärte Aytekin. "Ich habe gedacht, dass es einen Fußkontakt gegen Embolo gab."

In der Review-Area habe er dann gesehen, dass es nur eine leichte Berührung im Oberkörperbereich gab. Diese habe jedoch "im Leben keinen Elfmeter" gerechtfertigt, "deswegen musste ich ihn zurücknehmen", erläuterte Aytekin nachvollziehbar. Gar nicht einverstanden mit den Unparteiischen war dagegen Rudi Völler. "Herr Aytekin hat offenbar beschlossen, heute nur für Schalke Elfmeter zu pfeifen", wurde der Leverkusener Sportchef, wie so oft in der Vergangenheit, unsachlich gegenüber dem Referee. Er lastete ihm vor allem an, in der 77. Minute nach einem Zweikampf zwischen Daniel Caligiuri und dem Leverkusener Julian Baumgartlinger im Schalker Strafraum nicht auf Strafstoß erkannt zu haben. Doch Aytekin lag mit seiner Einschätzung ganz richtig, wie es ihm nach seinen Angaben auch der Video-Assistent bestätigte. Von Völlers Wutrede war der Schiedsrichter deshalb überrascht: "Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll", erklärte er.

Ungeschriebene Gesetze beim Elfmeter

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Auch um den Elfmeter in Dortmund gab's große Diskussionen.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Die eine oder andere Diskussion gab es auch über die Ausführung des Strafstoßes für Fortuna Düsseldorf im Spiel bei Borussia Dortmund. Dodi Lukebakio hatte kleinere Verzögerungen in seinen Anlauf eingebaut, BVB-Torwart Marwin Hitz seine Torlinie im Moment des Schusses um gut und gerne zwei Meter nach vorne verlassen. Der Ball landete schließlich neben dem Tor des BVB, Schiedsrichter Tobias Stieler entschied auf Abstoß. Der Schütze hatte definitiv nicht gegen die Regeln verstoßen, denn entgegen manch anders lautender Annahme sind das Verzögern und sogar das Unterbrechen des Anlaufs als Finten erlaubt. Nicht gestattet ist es lediglich, nach vollendetem Anlauf – sprich: wenn das Standbein neben dem Ball ruht und der Schütze bereits ausgeholt hat – die Schussbewegung abzubrechen oder nur vorzutäuschen.

Anders sieht es aus, wenn der Torhüter die Torlinie zu früh verlässt und der Ball nicht ins Tor geht. Zumindest in der Theorie ist dann eine Wiederholung des Strafstoßes fällig. In der Praxis jedoch sind die Unparteiischen meist nachsichtig mit den Torhütern – wie auch mit Spielern, die vor der Ausführung in den Strafraum eindringen. Das gilt jedenfalls, solange eine gewisse Toleranzgrenze nicht überschritten wird, auch wenn kaum jemand genau beziffern könnte, wie groß der Spielraum eigentlich ist. Diese Regelpraxis hat sich etabliert, so gut wie niemand fordert eine peniblere Einhaltung der Vorschriften. Deshalb würde ein Referee, der sie bei der Elfmeterausführung streng überwacht, als unangemessen kleinlich betrachtet werden. Das mag paradox klingen, gehört aber in gewisser Weise zum fußballkulturellen Code. Ungeschriebene Gesetze sind oft nicht weniger wichtig als die geschriebenen.

Quelle: n-tv.de

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