Collinas Erben

"Collinas Erben" beschwichtigen FC Bayern hätte sich nur selbst helfen können

IMG_ALT
imago1002039483h.jpg

Der FC Bayern erlebte ein enttäuschendes Wochenende.

(Foto: EIBNER/Sascha Walther)

In München gibt es nach dem Spiel des FC Bayern gegen Union Berlin einige Diskussionen über den Einwurf, aus dem das Ausgleichstor für die Gäste zum 1:1 resultiert. Derweil hat der Unparteiische in der Partie zwischen Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach gleich mehrere heikle Entscheidungen zu treffen.

Normalerweise sorgen Einwürfe im Fußball nicht für Gesprächsstoff, denn anders als bei Strafstößen, Freistößen und Eckstößen resultiert aus ihnen nur selten Torgefahr. Schließlich kann aus einem Einwurf dem Regelwerk zufolge ein Tor nicht direkt erzielt werden, und Spezialisten, die den Ball von der Seitenlinie ähnlich vielversprechend vor das gegnerische Gehäuse werfen, wie andere es bei Flanken mit dem Fuß tun, sind eher rar gesät. In der Nachbetrachtung des Spiels zwischen dem FC Bayern München und dem 1. FC Union Berlin (1:1) jedoch gab es ausnahmsweise einmal Diskussionen um diese meist harmlose Spielfortsetzung, die in diesem Fall der Ausgangspunkt des Ausgleichstreffers der Gäste kurz vor Schluss war.

In der 85. Minute hatte der Münchner Benjamin Pavard den Ball bei einem Zweikampf mit Cedric Teuchert auf halbem Weg zwischen Mittellinie und eigenem Tor ins Seitenaus befördert. Der Berliner schnappte sich den Ball und warf ihn schnell in den Münchner Strafraum, wo ihn Robert Andrich erlief, der Tanguy Nianzou enteilt war und die Kugel nun auf Marcus Ingvartsen legte, der sie ins Tor des Rekordmeisters schob. Die Bayern waren durch die rasche Ausführung des Einwurfs förmlich überrumpelt worden. Protest erhob niemand von ihnen, doch die Fernsehbilder warfen die Frage auf, ob es womöglich in zweierlei Hinsicht regeltechnisch nicht korrekt zugegangen sein könnte.

Falscher Einwurf vor dem Ausgleichstor von Union?

Zum einen schien es so, als hätte Teuchert bei der Wurfbewegung sein rechtes Bein angehoben, den Einwurf also nur auf einem Fuß stehend ausgeführt. Das wäre irregulär, denn in den Regeln ist festgelegt, dass der einwerfende Spieler "mit einem Teil jedes Fußes die Seitenlinie oder den Boden außerhalb der Seitenlinie berühren" muss. Ist das nicht der Fall, darf das gegnerische Team den Einwurf ausführen. Allerdings legen Standbilder von dem Moment, in dem der Ball Teucherts Hände verließ - und die Ausführung des Einwurfs somit abgeschlossen war -, den Schluss nahe, dass sich die Vorderseite des rechten Fußes zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Boden befand. Damit wäre den Regeln doch Genüge getan worden.

Aber selbst bei einem falschen Einwurf hätte der Video-Assistent nicht eingreifen dürfen. Denn gemäß dem VAR-Protokoll wird bei Einwürfen, Freistößen, Eckstößen, Anstößen und Abstößen nicht überprüft, ob sie korrekt ausgeführt wurden - auch dann nicht, wenn anschließend ein Tor fällt. Um die Zahl der Interventionen und damit der Spielunterbrechungen zu begrenzen, beschlossen die Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) bei der Einführung des Video-Assistenten, diese Spielfortsetzungen von der Überprüfung auszunehmen. Sie seien schließlich "keine spielverändernden Entscheidungen und sollten von den Unparteiischen selbst erkannt werden", heißt es dazu im Handbuch des Ifab für den VAR.

War der Ball überhaupt im Aus?

Mit Blick auf Teucherts Einwurf stellte sich aber noch eine andere Frage: Hatte der Ball die Seitenlinie überhaupt vollständig überschritten? Oder hatte der Berliner den Ball in die Hände genommen, obwohl dieser teilweise noch auf dem Feld war? Die Fernsehbilder gaben diesbezüglich keinen zweifelsfreien Aufschluss, legten aber nahe, dass der Ball noch nicht im Aus war. Einmal angenommen, es wäre tatsächlich so gewesen: Dann hätte es wegen Handspiels einen direkten Freistoß für den FC Bayern geben müssen. Aber hätte das auch bedeutet, dass der Video-Assistent zum Eingriff berechtigt, gar verpflichtet gewesen wäre?

Man könnte es unter dieser Prämisse vermuten und annehmen, dass das Spiel gar nicht unterbrochen war - weil der Ball ja auf dem Feld blieb - und dem Tor somit ein strafbares Handspiel vorausging. Doch regeltechnisch wird der Fall anders bewertet, wie DFB-Lehrwart Lutz Wagner gegenüber ntv.de erklärte. Durch die Zustimmung des Schiedsrichters zur Einwurfausführung war demnach klar, dass der Ball aus der Sicht des Referees zuvor im Seitenaus und das Spiel somit unterbrochen war. Eine nachträgliche Bewertung als Handspiel sei durch die mit dem Segen des Unparteiischen erfolgte Spielfortsetzung in Form des Einwurfs nicht möglich gewesen.

Damit konnte der Video-Assistent auch aus diesem weiteren Grund nicht eingreifen, denn er durfte nur die Phase zwischen dem Einwurf, also der Spielfortsetzung, und der Torerzielung überprüfen. Doch die Szene barg ohnehin zu viele Konjunktive und Unklarheiten: Weder ließ sich eindeutig feststellen, dass der Ball nicht im Aus war, noch zeigten die Bilder einen zweifelsfrei falsch ausgeführten Einwurf. Die Münchner wollten sich dann auch nicht mit dieser Szene aufhalten, zumal ihnen klar war: Das Gegentor hätte sich durch ein aufmerksameres Defensivverhalten vermeiden lassen.

Rot für Sommer und der Elfmeter für Gladbach waren korrekt

In der Partie Hertha BSC - Borussia Mönchengladbach (2:2) hatte Schiedsrichter Patrick Ittrich derweil bei seinem Bundesliga-Comeback nach mehrwöchiger Verletzungspause alle Hände voll zu tun. Bereits nach 13 Minuten zeigte er dem Gladbacher Torwart Yann Sommer die Rote Karte - und das zu Recht: Der aus seinem Tor geeilte Keeper der Gäste hatte kurz vor dem Strafraum den Berliner Stürmer Jhon Cordoba von den Beinen geholt und damit eine offensichtliche Torchance vereitelt. Denn ohne das Foul hätte Cordoba aus günstiger Position den Ball auf das leere Tor schießen können.

Korrekt war auch die Entscheidung, den Borussen nach 37 Minuten einen Strafstoß zuzusprechen, denn Niklas Stark hatte Marcus Thuram im Strafraum bei seinem Tackling klar am Fuß getroffen und den Ball verfehlt. Einen weiteren Elfmeter forderten die Gladbacher in der 72. Minute: Nach einer Hereingabe kam Thuram an den Ball, hatte jedoch Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Deshalb streckte er sein linkes Bein aus - und trat damit den rutschenden Lukas Klünter auf den Unterarm und den Handrücken. In dieser Position rutschte Thuram einen Meter mit dem Herthaner und ging dann zu Boden. Weil Klünter seinen Fuß festhielt und schließlich einklemmte?

Verwirrung über Herthas Tor zum 2:2

So sahen es die Gäste, doch könnte man Klünters Armbewegung zum einen auch als Bemühung bewerten, den Arm unter Thurams Stollen wegzuziehen. Und selbst, wenn man sich dieser Sichtweise nicht anschließt: Es war Thuram, der seinem Gegenspieler zuerst mit dem Fuß auf dem Arm und die Hand stieg - gewiss nicht in unsportlicher Absicht, doch das ist unerheblich. Dass Ittrich hier nicht erneut auf Strafstoß entschied, war deshalb nicht nur nachvollziehbar, sondern richtig. In keinem Fall lag eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung vor, die den Video-Assistenten auf den Plan hätte rufen müssen.

Ein wenig Verwirrung gab es hingegen über den Ausgleich der Hertha zum 2:2 kurz nach der Pause. Nach einer Flanke von Cunha hatte Cordoba getroffen, doch dem Tor war zunächst die Anerkennung versagt worden, weil der Schiedsrichter-Assistent eine Abseitsstellung des Torschützen wahrgenommen hatte. Nach einer dreiminütigen Überprüfung durch den VAR korrigierte der Unparteiische die Entscheidung jedoch und gab den Treffer. Offenbar war Ramy Bensebaini der Torlinie minimal näher als Cordoba. Anders als sonst konnten die Fernsehsender jedoch nicht das offizielle Standbild aus dem Video-Assist-Center in Köln mit den kalibrierten Linien zeigen, sondern mussten die Linien selbst ziehen. Warum, blieb unklar - und das war angesichts der Knappheit der Entscheidung kein gutes Beispiel für Transparenz.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.