Sport
Montag, 19. März 2018

"Collinas Erben" blocken ab: Fröhlich widerspricht übellaunigem Streich

Von Alex Feuerherdt

Freiburgs Trainer ärgert sich über die Anerkennung eines frühen Gegentors. Für Christian Streich ist klar: Abseits! Doch die Situation ist kompliziert. Derweil vergisst ein Leverkusener, dass es den Video-Assistenten gibt - und sorgt für eine Premiere.

Christian Streich war merklich angesäuert. "Tragisch ist, dass nach vier Minuten Stuttgarter Spieler im Abseits stehen und bewusst eingreifen, indem sie unsere Spieler wegblocken", sagte der Trainer des SC Freiburg nach dem 1:2 seiner Mannschaft gegen den VfB Stuttgart an diesem 27. Spieltag der Fußball-Bundesliga. "Wenn jemand aktiv eingreift, ist es Abseits. Das weiß doch jeder. Dafür haben wir den Videobeweis doch. Es ist mir völlig rätselhaft, wie man das nicht sehen kann, es war nämlich eindeutig."

Er freut sich, klar: Mario Gomez.
Er freut sich, klar: Mario Gomez.(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Streichs Kritik richtete sich weniger an Schiedsrichter Benjamin Brand als vielmehr an den Video-Assistenten Felix Brych, der nichts gegen den Führungstreffer der Gäste einzuwenden hatte. Der Torschütze Mario Gomez hatte sich zwar nicht im Abseits befunden, dafür aber mehrere seiner Mitspieler. Und diese sollen nach Ansicht des Coachs der Hausherren aktiv und regelwidrig entscheidend dazu beigetragen haben, dass der Treffer fallen konnte.

Um sich der Antwort auf die Frage zu nähern, ob Streich Recht hat, ist ein Blick ins Regelwerk hilfreich. Dort heißt es in der Regel 11, dass ein Spieler für seine Abseitsstellung unter anderem dann bestraft wird, "wenn er zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler gespielt oder berührt wird, aktiv am Spiel teilnimmt, indem er einen Gegner beeinflusst". Ein solcher Fall liegt vor, wenn dieser Spieler "den Gegner angreift, um den Ball spielen zu können", wenn er "eindeutig versucht, den Ball in seiner Nähe zu spielen", und dadurch einen Gegner beeinträchtigt oder wenn er "eindeutig aktiv wird und so klarerweise die Möglichkeit des Gegners beeinflusst, den Ball zu spielen". Aber war einer dieser Fälle gegeben, nachdem Dennis Aogo die Kugel bei einem Freistoß aus dem Mittelfeld vor das Freiburger Tor geschlagen hatte und bevor Gomez sie erreichte und versenkte?

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Es ist schwierig, sich in der unübersichtlichen Situation im Strafraum, wo zahlreiche Spieler beider Teams sich auf engstem Raum tummelten, einen Überblick zu verschaffen. Da wurde, wie es in solchen Situationen ligaweit üblich ist, auf beiden Seiten geschoben, gedrückt und gedrängelt - deutlich bevor der Ball in Reichweite war. Inmitten des Getümmels, so zeigt es eine Zeitlupe, kam es zu einem Zweikampf zwischen dem im Abseits befindlichen Christian Gentner und dem Freiburger Nils Petersen. Gentners vorrangiges Augenmerk galt dabei erkennbar nicht dem Ball, sondern dem Ziel, Petersen aufzuhalten. Stuttgarts Erik Thommy versuchte, ebenfalls aus Abseitsposition, gleich für zwei Freiburger ein Hindernis zu bilden. Haben die beiden so "klarerweise die Möglichkeit des Gegners beeinflusst, den Ball zu spielen"?

Fröhlich: Gomez‘ Tor war regulär

Nein, legte sich Lutz Michael Fröhlich fest, der Leiter der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite. Dem "Kicker" sagte er: "Bei der Freistoßflanke in den Freiburger Strafraum befinden sich zwar einige Stuttgarter Spieler in einer Abseitsposition, die sich allerdings nicht weiter zum Ball orientieren und sich auch mit keinem Gegner in einem Zweikampf um den Ball befinden. Dafür wird der Ball zu deutlich an den Torraum geflankt, sodass nur der Spieler Gomez als Empfänger der Flanke infrage kommt. Dieser stand bei der Ballabgabe nicht im Abseits." Daher sei die Anerkennung des Tores "regeltechnisch akzeptabel und nicht zu beanstanden". Und so habe für den Video-Assistenten Brych auch kein Anlass zur Intervention bestanden.

Eher empört: Christian Streich.
Eher empört: Christian Streich.(Foto: imago/Eibner)

Dank Gentners und Thommys Einsatz war es für Gomez zwar vermutlich leichter, das Tor zu erzielen. Doch ob die beiden Stuttgarter ihre Freiburger Gegenspieler entscheidend daran gehindert haben, an den Ball zu kommen, der schließlich in hohem Bogen über ihre Köpfe hinwegflog, ist nicht zweifelsfrei zu beurteilen. Zumindest war die Situation - anders, als Streich meint - nicht so eindeutig, dass Brych zwingend hätte eingreifen müssen. Bleibt die Frage: Handelte es sich bei dem "Wegblocken", von dem Christian Streich sprach, wenn schon nicht um ein strafbares Abseits, so doch um ein Foulspiel? In Betracht kommt die Regel 12, in der es heißt: "Behindern des Gegners liegt vor, wenn sich ein Spieler in den Weg eines Gegners stellt und ihn dadurch auflaufen lässt oder zum Abbremsen oder zu einer Richtungsänderung zwingt, wobei sich der Ball für beide Spieler außer Reichweite befindet."

Zwar darf jeder Spieler seine Position auf dem Feld selbst bestimmen und dem Gegner auch im Weg stehen, heißt es in der Regel weiter. Er darf ihm jedoch nicht in den Weg treten. Genau das hatten Thommy und vor allem Gentner allerdings getan. Bei Letzterem hätte man zudem auf ein Halten entscheiden können. Aber auch in dieser Hinsicht kann man verstehen, wenn der Video-Assistent nicht eingreift – schließlich ist dieses körperbetonte Blockieren des gegnerischen Laufwegs nach Freistößen in Tornähe und nach Eckstößen eine verbreitete Praxis von Verteidigern wie Stürmern, die meist weder moniert noch von den Schiedsrichtern geahndet wird. Dem Sinn und Geist der Regeln entspricht das allerdings weniger. Eine offizielle Ansage, wie man sich die betreffende Regelauslegung vorstellt, könnte da zweckmäßig sein.

Erstmals Tätlichkeit von Video-Assistent entdeckt

Anders als in Freiburg wurde beim unterhalsamen 3:3 zwischen Borussia Mönchengladbach und der TSG Hoffenheim der Videobeweis nach einer Torerzielung bemüht. Denn dem Ausgleichstreffer für die Gastgeber zum 1:1 nach 33 Minuten durch Josip Drmic war ein Handspiel des Torschützen vorausgegangen. Aus diesem Grund schaute sich Schiedsrichter Martin Petersen die Bilder in der Review Area selbst an - und entschied dann: Es bleibt bei der Anerkennung des Tores.

Das war korrekt, denn Drmic war keinerlei Absicht zu unterstellen. Und nur im Falle eines eindeutig absichtlichen Handspiels hätte der Treffer annulliert werden müssen. Eine Premiere gab es derweil in Köln: Erstmals in der Bundesliga trug der Video-Assistent dazu bei, dass eine vom Schiedsrichter ursprünglich übersehene Tätlichkeit doch noch mit der Roten Karte geahndet wurde. Die Platzverweise, die bislang mithilfe der Videozentrale ausgesprochen wurden, hatten ihren Grund durchweg in brutalem Spiel oder der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance.

Als nun jedoch der Leverkusener Lucas Alario im Spiel beim nun nicht mehr Tabellenletzten 1. FC Köln (0:2) nach 33 Minuten hinter dem Rücken von Schiedsrichter Harm Osmers seinen Ellenbogen ins Gesicht von Dominik Maroh rammte, konnte dieses Vergehen auf dem Feld bestraft werden - und nicht nur, wie bis zu dieser Saison, mit einer nachträglichen Sperre. Das ist zweifellos zu begrüßen. Unklar bleibt dagegen bis auf Weiteres, ob Alario ernsthaft glaubte, dass seine Tat unentdeckt bleiben würde.

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Quelle: n-tv.de