Collinas Erben

"Collinas Erben" über Diktatoren Glücklicher Gündogan, böser Benaglio

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In dieser Szene hat er den Ball eindeutig am Fuß: Ilkay Gündogan.

(Foto: imago/MIS)

In Dortmund macht der Schiedsrichter nicht unnötig Fässer auf - und fährt damit bestens. Der beim Spiel zwischen Leverkusen und Wolfsburg trägt ungewollt zu einem Torfestival bei. Und den Kölnern verdirbt der Referee die Karnevalslaune.

"Jedes Spiel", so steht es geschrieben, "wird von einem Schiedsrichter geleitet, der die unbeschränkte Befugnis hat, den Fußballregeln Geltung zu verschaffen". Ein unscheinbarer, vermeintlich lapidarer Satz, der es in Wirklichkeit jedoch in sich hat. Denn aus ihm ergibt sich, dass der Unparteiische über eine ungeheure Machtfülle verfügt, auf die, wenn sie sich nicht auf das Spielfeld beschränken würde, selbst so mancher Diktator neidisch wäre. Der Referee ist nämlich gewissermaßen Polizist, Staatsanwalt und Richter in einer Person: Als Polizist stellt er ein Vergehen fest, als Staatsanwalt erhebt er Anklage, als Richter vollzieht er das Urteil.

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Das alles in kürzester Zeit und ohne dass die Spieler die Möglichkeit hätten, sich zu verteidigen oder gar Einspruch zu erheben. Die in der Demokratie übliche Gewaltenteilung gibt es auf dem Fußballplatz also schlicht und ergreifend nicht. Mit dieser "unbeschränkten Befugnis, den Fußballregeln Geltung zu verschaffen", geht aber nicht nur eine außergewöhnliche Macht, sondern auch eine große Verantwortung einher. Denn zum einen muss der Schiedsrichter in jedem Moment des Spiels aufmerksam und auf der Höhe sein.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Schließlich ist er es, der in Sekundenbruchteilen verbindlich zu entscheiden hat: Foul oder fair? Tor oder kein Tor? Abseits oder nicht? Zum anderen darf er seine Macht nicht missbrauchen - er soll eine Autorität, aber nicht autoritär sein und eine Persönlichkeit darstellen, ohne persönlich zu werden. Ein guter Schiedsrichter schafft es immer auch, sich Akzeptanz für sein Auftreten und seine Linie zu verschaffen.

Dazu gehört es auch, Nebenkriegsschauplätze zu vermeiden. Ein Handspiel etwa, das im Stadion niemand bemerkt hat und das erst in der extrem verlangsamten Wiederholung des Fernsehens überhaupt als solches wahrzunehmen ist, ist im Zweifelsfall unabsichtlich geschehen. Und ein Zweikampf, der weder auf dem Platz noch außerhalb auch nur annähernd für Kontroversen gesorgt hat (und der später erst nach unzähligen Zeitlupen überhaupt in den Verdacht geraten ist, ein Foul zu sein), ist im Zweifelsfall fair verlaufen.

Deshalb lag der sehr gute Referee Tobias Stieler ganz richtig, als er beim 4:2-Sieg der Dortmunder Borussia gegen den FSV Mainz 05 nach 15 Minuten weiterspielen ließ, nachdem Ilkay Gündogan sich - wohl auch, weil ihn ein Gegenspieler unmittelbar vorher am Trikot gezupft hatte - versehentlich im eigenen Strafraum den Ball von Freund und Feind unbemerkt an den Arm geköpft hatte. Genauso korrekt war seine Entscheidung, den Treffer des BVB zum 1:1 zu geben, obwohl sich der Torschütze Neven Subotic ein wenig bei Pierre Bengtsson aufgestützt hatte, der seinerseits zuvor erfolglos versucht hatte, den Dortmunder wegzuhalten - und sich dann auch nicht beklagte.

Wolfsburg wütet gegen Schiedsrichter Dankert

Deutlich weniger Akzeptanz erfuhr Schiedsrichter Bastian Dankert für seine Entscheidung, beim atemberaubenden 4:5 von Bayer Leverkusen gegen den VfL Wolfsburg den ersten Treffer der Hausherren anzuerkennen. Die Gäste protestierten wütend, weil sie ein Foul des Torschützen Heung-Min Son an ihrem Schlussmann Diego Benaglio gesehen haben wollten. Und sie hatten Recht. Denn in der Regel 12 (Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen) ist festgelegt, dass der Torhüter nicht angegriffen werden darf, wenn er den Ball mit seinen Händen kontrolliert. Eine solche Kontrolle ist gegeben, sobald der Keeper "den Ball mit einer Hand gegen eine Oberfläche hält (z.B. am Boden, gegen den eigenen Körper)". Benaglio hatte das Spielgerät ganz kurz sogar mit beiden Händen am Boden fixiert, als Son es ins Tor spitzelte. In der Hektik des Moments war das für Dankert und seinen Assistenten allerdings nicht leicht zu erkennen.

Über den Schiedsrichter geärgert hat sich auch der 1. FC Köln. Denn Deniz Aytekin hatte im Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und den Domstädtern auf Geheiß seines Assistenten nach einem Zweikampf zwischen Kevin Wimmer und Branimir Hrgota in der Nachspielzeit auf Freistoß für die Gastgeber entschieden. Dass der Gladbacher Stürmer sich dabei gewissermaßen selbst ein Bein gestellt hatte, zeigten zumindest die Fernsehbilder recht eindeutig. Ungeklärt blieb jedoch, ob der Kölner Verteidiger seinen Gegenspieler zuvor womöglich durch einen - wenn auch leichten - Kontakt so aus dem Tritt gebracht hatte, dass dieser fast schon zwangsläufig über seine eigenen Füße stolpern musste. Aus dem Freistoß resultierte jedenfalls das Tor des Tages für die Borussen. Und Aytekins ansonsten ausgezeichnete Leistung in diesem brisanten Spiel war für viele plötzlich nicht mehr der Rede wert. Schade eigentlich.

Beim Hamburger SV haben sie derweil nicht über den Schiedsrichter gesprochen, dafür war die Niederlage beim FC Bayern einfach zu deutlich. Dabei spielten Michael Weiner und sein Gespann bei den ersten beiden Gegentreffern durchaus eine Rolle. Denn ob das Handspiel von Ronny Marcos nach der Flanke des Münchners Rafinha tatsächlich eine gewollte "Vergrößerung der Körperfläche" war und damit einen Elfmeter nach sich ziehen musste, darüber kann man zumindest streiten. Und wenn der Referee die Abseitsposition von Robert Lewandowski vor dem 2:0 als strafbar eingestuft hätte, nachdem der Bayern-Stürmer beim Schuss von Thomas Müller ein bisschen die Sicht des Hamburger Torwarts Jaroslav Drobny eingeschränkt hatte, weshalb der Keeper den Ball nur zum Torschützen Mario Götze abwehren konnte, wäre das jedenfalls nicht zu beanstanden gewesen. Es lag allerdings im Ermessen des Unparteiischen, diese Szenen anders zu bewerten. Auch das gehört zu seiner unbeschränkten Befugnis, den Fußballregeln Geltung zu verschaffen.

Quelle: ntv.de

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