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Montag, 12. Februar 2018

"Collinas Erben" klären auf: Kuriose Regelschwäche des Hertha-Torwarts

Von Alex Feuerherdt

Berlins Torhüter verursacht in Leverkusen einen indirekten Freistoß kurz vor dem eigenen Gehäuse - weil er eine Regel nicht kennt, die es seit fast 27 Jahren gibt. Auch beim Topspiel in München kommt es zu einer Situation, in der Regelkenntnis gefragt ist.

Rune Jarstein war nach Spielende immer noch ein wenig perplex. "Ich wusste nicht, dass ich das so nicht machen kann", sagte der Torwart der Berliner Hertha nach dem 2:0-Sieg seiner Mannschaft bei Bayer 04 Leverkusen. "Ich habe den Ball erst nur berührt, nicht festgehalten. Ich habe das so mein ganzes Fußballerleben gemacht und nie hat jemand gepfiffen." Jetzt aber wisse er um die betreffende Regel. "Zum Glück ist nichts passiert."

Hinterher war alles wieder gut: Rune Jarstein.
Hinterher war alles wieder gut: Rune Jarstein.(Foto: imago/mika)

Was den Schlussmann der Berliner so konsterniert hatte, war die Entscheidung von Schiedsrichter Patrick Ittrich, in der 70. Minute einen indirekten Freistoß gegen ihn zu verhängen - sieben Meter vor seinem Tor. Wegen eines kuriosen Verstoßes von Jarstein gegen die Regel 12, die sich mit Fouls und unsportlichem Betragen befasst. Geschehen war zuvor dies: Weil sich der Berliner Per Skjelbred bei einem Zusammenprall verletzt hatte, spielte Jarstein den Ball absichtlich ins Seitenaus, um seinem Mitspieler eine Behandlung zu ermöglichen, die dann allerdings doch nicht nötig war. Der Leverkusener Kevin Volland warf die Kugel, wie es in solchen Fällen üblich ist, fair zum Gegner zurück, genauer gesagt: zum Torhüter der Hertha.

Dieser stoppte den auf ihn zurollenden Ball kurz mit den Händen, richtete sich dann auf und verharrte einige Sekunden lang mit dem Spielgerät am Fuß. Als sich der Leverkusener Lucas Alario näherte, nahm Jarstein den Ball auf, um ihn abzuschlagen. Doch dagegen hatte der Unparteiische etwas. Um zu begreifen, warum Patrick Ittrich nun pfiff, ist ein Blick in die Geschichte der Fußballregeln sinnvoll. Noch zu Beginn der 1980er Jahre war den Torhütern eine Spielweise gestattet, die das Zeitspiel erheblich begünstigte: Zwar mussten die Keeper den Ball, wenn sie ihn mit den Händen kontrollierten, nach höchstens vier Schritten freigeben, konnten ihn danach aber gleich wieder aufnehmen und erneut vier Schritte mit ihm laufen, womit das Spielchen von vorne begann. Weil das oft zu einem nervtötend langen Halten des Balles durch die Torleute führte, modifizierte das International Football Association Board (Ifab) die Regel gleich mehrmals. Ab 1985 durfte der Torwart den nach einer Kontrolle freigegebenen Ball erst dann wieder mit den Händen spielen, wenn ein Mitspieler das Leder außerhalb des Strafraums berührt hatte oder ein Gegenspieler irgendwo auf dem Feld.

Die Regel soll das Spiel beschleunigen

Das machte das Spiel aber nur unwesentlich schneller, weil sich meist ein Kollege an der Strafraumgrenze zum Rückpass bereitfand. Außerdem umgingen viele Torhüter die neue Regel, indem sie einfache, harmlose Bälle kurz mit den Händen stoppten oder bewusst abklatschen ließen, statt sie festzuhalten. Dadurch war ja keine Kontrolle gegeben, sodass sie den Ball aufnehmen durften, wenn sich ein gegnerischer Spieler näherte. Diesem Trick schob das Ifab jedoch 1991 einen Riegel vor. Nun hieß es: "Zum Ballbesitz zählt es auch, wenn der Torwart den Ball absichtlich von der Hand oder dem Arm abprallen lässt." Absichtlich bedeutete: gezielt, planmäßig - so, wie es Jarstein tat.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass Herthas Keeper von dieser Regelung, die seit fast 27 Jahren gilt, nichts wusste, mag daran liegen, dass nur noch selten ein Torhüter gegen sie verstößt, sie dementsprechend kaum angewendet werden muss und ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Erstaunlich wäre es, wenn die Referees bei Jarstein bislang ein Auge zugedrückt hätten - die Anordnung lässt ihnen so gut wie keinen Ermessensspielraum. Seit das Gesetzeswerk des Fußballs im Sommer 2016 deutlich verschlankt wurde, findet sich dort die Formulierung, die 1991 in den Regeln ergänzt wurde, übrigens nicht mehr. Stattdessen heißt es nun, dass der Torwart den Ball auch dann kontrolliert, wenn er ihn "mit einem Teil der Hand oder des Arms berührt, es sei denn, der Ball springt versehentlich vom Torhüter ab oder der Torhüter hat den Ball abgewehrt". Das ist weniger eindeutig formuliert, meint aber das Gleiche: Das absichtliche Abprallenlassen des Balles durch den Torhüter ist auch eine Form des Ballbesitzes.

Ein Jahr nach der Einführung jener Regelung, die Jarstein übertrat, entschloss sich das Ifab zu einer Änderung, die das Torwartspiel geradezu revolutionieren sollte: Seit 1992 verursacht der Torhüter einen indirekten Freistoß, wenn er im Strafraum den Ball, den ihm ein Mitspieler absichtlich mit dem Fuß zugespielt hat, mit der Hand berührt. Diese sogenannte Rückpassregel nahm den Schlussleuten nicht nur eine weitere Möglichkeit, auf Zeit zu spielen, sie zwang sie auch zur Verbesserung ihrer fußballerischen Qualitäten. Seit 1997 dürfen sie den Ball zudem nicht mehr länger als sechs Sekunden mit den Händen kontrollieren - eine Regelung, die von den Unparteiischen allerdings überaus großzügig ausgelegt wird. Die Vier-Schritte-Regel kippte schließlich im Jahr 2000. Seitdem dürfen die Keeper mit dem Ball in den Händen innerhalb der sechs Sekunden so viel laufen, wie sie können und wollen.

Alles okay bei Müllers Tor zum 2:1

Bilderserie

Beim Topspiel zwischen dem FC Bayern und dem FC Schalke 04 (2:1) blickten derweil am Samstagabend alle zu Schiedsrichter Tobias Stieler, als der Münchner Robert Lewandowski in der 35. Minute nach einem Zweikampf mit Naldo im Strafraum der Gäste zu Boden ging. Der ausgezeichnet postierte Unparteiische hatte jedoch keinen strafwürdigen Kontakt ausgemacht und winkte ab. Während sich nun im Stadion und an den Fernsehschirmen viele fragten, ob sich der Video-Assistent nach der Überprüfung der Szene wohl mit einer gegenteiligen Einschätzung beim Referee melden wird, lief die Partie ohne Unterbrechung weiter. Genau 45 Sekunden nach Lewandowskis Sturz schoss Thomas Müller schließlich zweifelsfrei regelkonform den Ball zum 2:1 ins Tor der Schalker.

Die Zeitlupen ergaben, dass Naldo sich keine Regelwidrigkeit zuschulden kommen lassen hatte, der minimale Kontakt war jedenfalls nicht dafür verantwortlich, dass Lewandowski hingefallen war. Doch einmal angenommen, das wäre anders gewesen und der Videobeweis hätte ergeben, dass der Unparteiische ein klares und offensichtliches Foul übersehen hatte: Wäre dann das Tor annulliert und das Spiel mit einem Elfmeter für die Münchner fortgesetzt worden? Nein - denn der Strafstoß wäre ja eine Kompensation für die regelwidrig zunichte gemachte Torchance gewesen. Durch die Torerzielung noch vor der nächsten Unterbrechung gab es aber nichts mehr zu kompensieren.

Und was wäre geschehen, wenn die Zeitlupen zweifelsfrei gezeigt hätten, dass der Schiedsrichter eine "Schwalbe" von Lewandowski übersehen hatte? Wäre Müllers Treffer dann annulliert worden? Wieder nein – denn die Schalker hatten zwischenzeitlich den Ball erobert und waren aufs Tor der Bayern zugelaufen. Das heißt, hier wäre faktisch die Vorteilsbestimmung angewendet worden. Dabei hätte es keine Rolle gespielt, dass es irgendwann den Ballverlust gab und schließlich ein Gegentor fiel, denn das hätte auch im Falle eines Freistoßes passieren können. Manchmal sind die Fußballregeln also durchaus komplex. Aber sie sind an den meisten Stellen auch logisch, wenn man ihren Sinn und Geist kennt und zugrundelegt.

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Quelle: n-tv.de