Collinas Erben

"Collinas Erben" sind tolerant Neuer als Feldspieler, Maroh mit dem Po

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Er dürfte, wenn er wollte - und sein Trainer ihn ließ: Manuel Neuer, Torwart.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Ein Bundesligaspieltag für die Torhüter: In Köln bügelt Timo Horn aus, was sein Mitspieler, ein Stürmer und der Schiedsrichter vermasselt haben. Der FC Bayern überlegt, Manuel Neuer im Feld einzusetzen. In Leipzig schreibt ein Schlussmann Geschichte.

Ein guter Schiedsrichter zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass er Stehvermögen hat und Biss zeigt, wenn es um die Wurst geht. So bekommen es die Unparteiischen seit jeher von ihren "Lehrwarte" genannten Aus- und Fortbildern eingetrichtert. Ein 72-jähriger Referee nahm diesen Leitsatz unlängst besonders wörtlich: Beim Spiel in der C-Klasse zwischen den Zweitvertretungen der oberbayerischen Vereine FSV Aufkirchen und FSV Kottgeisering nutzte er die Spielunterbrechung vor einem Eckstoß, um an den Spielfeldrand zu eilen und ein Stück Wurstbrötchen zu essen. Den Grund dafür nannte der Schiedsrichter später dem "Münchner Merkur": "Ich hatte Unterzucker und musste einfach etwas zu mir nehmen, sonst wäre ich zusammengebrochen."

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Beide Klubs zeigten Verständnis. "Bevor er umkippt, ist es doch besser, er holt sich eine Semmel", sagte Stephan Böck, Fußball-Abteilungsleiter des FSV Aufkirchen. Auch Gerhard Kirchbichler vom Bezirks-Schiedsrichter-Ausschuss Oberbayern konnte die ungewöhnliche Maßnahme des erfahrenen Unparteiischen uneingeschränkt nachvollziehen: "Der Fall zeigt, dass wir in den unteren Ligen jeden Mann brauchen. Bevor er ausfällt, soll er sich doch eine Wurstsemmel gönnen. Hoffentlich haben sie ihm das Geld dafür nicht von den Spesen abgezogen."

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Elf Spielklassen höher, wo die Schiedsrichterspesen für mehr als tausend Wurstbrötchen reichen würden, erfuhr Deniz Aytekin unterdessen vonseiten des 1. FC Köln sehr viel weniger Zustimmung - als er in der 40. Minute des Spiels gegen Leverkusen den Gästen einen Elfmeter zusprach. Dominic Maroh hatte ein wenig sein Hinterteil herausgestreckt, als Stefan Kießling mit dem Ball an ihm vorbeiziehen wollte, und der Leverkusener Angreifer war daraufhin zu Boden gegangen. Zweifellos gab es hier einen Kontakt - allerdings war der so gering, dass der Sturz von Kießling vor allem auf dessen eigene Initiative zurückging. Weiterspielen wäre deshalb die bessere Entscheidung gewesen.

Letztlich blieb der Strafstoß aber folgenlos, weil Kölns Keeper Timo Horn den Schuss von Hakan Calhanoglu parierte. Dass Horn im Moment der Ausführung seine Torlinie bereits um etwa anderthalb Meter nach vorne verlassen hatte, hätte bei pedantischer Exegese zu einer Wiederholung des Elfmeters führen können. Schließlich heißt es in der Regel 14 (Der Strafstoß): "Der Torwart des verteidigenden Teams bleibt mit Blick zum Schützen auf seiner Torlinie zwischen den Pfosten, bis der Ball getreten wurde." Die Schiedsrichter lassen hier jedoch schon seit langer Zeit eine gewisse Toleranz walten - eine Toleranz, die allgemein akzeptiert ist und daher nicht in Frage gestellt wird. Früher war den Torhütern das Verlassen der Torlinie beim Strafstoß übrigens ganz offiziell erlaubt: Bis 1906 durften sie sich den Schützen um maximal fünfeinhalb Meter nähern, dann schränkte man diesen Bewegungsspielraum ein. 1929 untersagte man ihnen sogar, sich auf der Torlinie zu bewegen - ein Verbot, das bis 1997 Bestand hatte. Seitdem dürfen die Keeper wieder auf der Linie hin und her laufen und hüpfen. Die Bewegung nach vorne ist jedoch eigentlich erst statthaft, wenn der Ball vom Elfmeterschützen berührt wurde.

Neuer als offizieller Feldspieler?

In München, wo sie seit Sonntagabend wieder Deutscher Meister sind, lichtet sich derweil das Lazarett. Zwischenzeitlich musste man fast schon den Eindruck gewinnen, dass der große FC Bayern Mühe hat, elf gesunde Kicker aufzubieten. Einige fragten bereits - wenngleich mehr im Spaß -, ob Torwart Manuel Neuer zur Not zum Feldspieler umfunktioniert werden dürfte. Die Fußballregeln sind da eindeutig: Ja, das dürfte er - und zwar zu jeder Zeit eines Spiels. Denn in der Regel 3 (Zahl der Spieler) steht geschrieben: "Jeder Feldspieler darf seinen Platz mit dem Torwart tauschen, vorausgesetzt, der Schiedsrichter wird vor der beabsichtigten Auswechslung informiert und der Tausch wird während einer Spielunterbrechung vorgenommen."

Nichts anderes geschieht regeltechnisch gesehen übrigens häufig, wenn ein Torhüter des Feldes verwiesen wird. Dann nämlich muss eigentlich einer der verbleibenden (Feld-)Spieler dessen Platz zwischen den Pfosten einnehmen. Ist das Wechselkontingent jedoch noch nicht erschöpft, kann ein Ersatztorwart für einen Feldspieler eingewechselt werden – und dann seine Stammposition beziehen. So ergibt auch dieser interne Positionstausch, der sonst nur höchst selten vorgenommen wird, einen echten Sinn. Dass es ihn jedoch eigentlich gar nicht braucht, hat Fabio Coltorti, Keeper des Zweitligisten RB Leipzig, am Freitagabend im Spiel gegen Darmstadt 98 bewiesen: Er ist in der langen Geschichte der ersten und zweiten Bundesliga der erste Torwart, der aus dem Spiel heraus einen Siegtreffer erzielte - und das in der Nachspielzeit! Ein Kompliment gebührt hier auch dem Schiedsrichter-Assistenten, der gut erkannte, dass Coltorti nicht im Abseits stand. In der Zeitlupe mag das einfach und eindeutig aussehen. Aber wann kommt eine solche Situation schon mal vor?

Quelle: n-tv.de

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